Eiskunstlauf-WM

Doppelrolle statt Doppelaxel für Robin Szolkowy

Der frühere Weltklasse-Athlet betreut ein russisches Paar bei der WM. Dazu kümmert er sich um deutsche Talente und soll dafür sorgen, dass der Paarlauf der DEU bald wieder Medaillen einbringt.

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Wie schnell sich Perspektiven ändern können. Gerade ein Jahr ist es her, da lief er selbst über das Eis, gekonnt wie immer. Mit dem Weltmeistertitel verabschiedete sich Robin Szolkowy als Aktiver von der Eiskunstlauf-Bühne, es war der fünfte, den er mit Aljona Sawtschenko als Paar gewann. Wenn am Mittwoch die WM in Shanghai beginnt, steht Szolkowy schon auf der anderen Seite der Bande, fiebert als Trainer mit seinen Schützlingen mit.

Irgendwo in seiner Nähe wird auch Ingo Steuer sein, der langjährige Coach von Szolkowy/Sawtschenko. Der betreut inzwischen das US-Paar Haven Denney/Brandon Frazier. Die Trennung des einstigen Erfolgstrios verlief nicht ohne Reibereien. Wie sich dieses Wiedersehen anfühlt, wollten deshalb zuletzt einige von dem 35-Jährigen wissen. „Ich bin da emotionslos – wie meistens“, sagt Szolkowy. Er lächelt.

Selbst wenn er wollte, dem Chemnitzer fehlte einfache die Zeit, sich mit solchen Nebensächlichkeiten zu beschäftigen. Nach seiner Karriere als Läufer sind seine Dienste stark gefragt. „Ich habe ein gutes Repertoire, wo ich auf gewisse Sachen zurückgreifen kann“, erzählt der zweifache Olympia-Bronzemedaillengewinner und viermalige Europameister. Bei der EM Ende Januar in Schweden führte er das russische Paar Jewgenija Tarasowa und Wladimir Morosow auf Platz drei. Es war sein erster großer Auftritt in der neuen Rolle.

Hilfe bei der Entwicklung

Keine zwei Wochen später bekleidete er bereits eine Doppelrolle. Neben der Tätigkeit als Honorartrainer russischer Paare leitet Szolkowy jetzt auch ein Projekt der Deutschen Eislauf-Union (DEU), dank dem das Paarlaufen hierzulande bald wieder solche Tagen erleben soll, wie es das tat, als der Chemnitzer noch mit Sawtschenko auftrat. Szolkowy soll Nachwuchspaare zusammenstellen und bei deren Entwicklung helfen, verkündete der Verband in Berlin.

Seine Aufgabe entspringt den Resultaten einer Selbstanalyse der DEU. Der Verband hat viel Zeit recht ungenutzt vertrödelt in der Vergangenheit und baut seine Strukturen um mit der Zielrichtung, bei Olympia 2018 bestmöglich abschneiden zu können. Dazu wird das Fördersystem gestrafft, mehr Teamarbeit abgestrebt, die wissenschaftliche Basis des Trainings verbreitert. „Wir müssen die Kräfte bündeln, die wir haben. Was als DEU vielleicht unser Defizit war, ist, dass wir nicht genug präsent vor Ort an den Stützpunkten waren. Das soll sich ändern“, sagt Sportdirektor Udo Dönsdorf. Er vermittelt das Gefühl, dass jetzt richtig angepackt wird. Und nicht nur geredet. „Im Moment besteht eine ganz positive Energie“, findet auch Szolkowy. Das will er nutzen.

Beim Verband ist man froh, den einstigen Vorzeigeathleten für sich gewonnen zu haben. Er ist einer, den alle kennen, dem junge Sportler nacheifern wollen, einer mit großem Ansehen. „Er ist ein Glücksfall“, sagt Dönsdorf. Szolkowy übernimmt die Koordination an allen Trainingszentren in Deutschland. Gemeinsam mit den Heimtrainern sollen Talente zusammengeführt, gefördert und gefordert werden. „Ich halte mehr oder weniger die Zügel in der Hand, damit gewährleistet ist, dass alle Informationen zusammenlaufen und nichts im Sand verläuft, weil alle es allein probieren“, sagt Szolkowy, für den auch Gespräche mit Landesverbänden oder sogar den Eltern der Sportler dazugehören. Später sollen zudem Camps und Workshops angeboten werden.

Großer Aufwand

Das allein hört sich nach reichlich Aufwand an. Aber Szolkowy will auch bei den Russen weitermachen, der Vertrag soll verlängert werden. Kollidierende Interessen sieht er nicht, eher positive Effekte. „Ich kann dort ganz oben lernen“, sagt er. Schließlich gehören die Russen zu den erfolgreichsten Verbänden der Welt. Außerdem ist Szolkowy nicht bei der DEU angestellt, sondern selbstständig: „Ich gehöre keinem Verein an und kann relativ frei agieren.“ Auch der zeitliche und räumliche Spagat bereitet ihm keine Sorgen. Beim Nachwuchsprojekt lasse sich viel per Telefon und E-Mail regeln, während die Trainerfunktion natürlich Präsenz erfordere. „Aber ich bringe genug Energie und Motivation mit. Das ist alles eine Frage der Organisation“, so Szolkowy. Wenn die gut klappt, sollte aus dem „ganzen Mix etwas Gutes für Deutschland“ herausspringen.

Bei der WM in Shanghai wird der deutsche WM-Titel aus dem Vorjahr ganz sicher nicht verteidigt werden. Die Deutschen Meister Mari Vartmann/Aaron van Cleave aus Berlin gehen ohne große Ambitionen und ein letztes Mal an den Start. Danach trennt sich das Paar, Vartmann macht in Oberstdorf mit Ruben Blommaert weiter, van Cleave sucht eine neue Partnerin. Kurzfristig mehr verspricht sich der Verband von Aljona Sawtschenko und dem Franzosen Bruno Massot. Bei der WM sei ein Gespräch mit dem französischen Verband vereinbart. Wenn man zu keiner Einigung komme, werde die DEU den Weltverband einschalten, damit Sawtschenko nach einem Jahr obligatorischer Sperre mit Massot Wettkämpfe für Deutschland laufen darf.

Zehn Paare als Zielstellung

Perspektivisch liegt die große Chance der DEU aber vor allem darin, sich optimal um die Basis zu kümmern. Mit Robin Szolkowy sollen dort die richtigen Schritte eingeleitet werden. „Ich hoffe, dass wir im Nachwuchs- und Juniorenbereich deutlich besser aufgestellt sind als vorher“, sagt Dönsdorf. Zehn neue Paare will der fünfmalige Weltmeister in den nächsten Monaten finden. „Ich denke, dass ich eine Aufgabe gefunden habe, die mir Spaß macht“, sagt er. Zunächst aber genießt die WM in Shanghai Priorität. Obwohl sein russisches Paar debütiert, stehen die Chancen nicht schlecht, dass Szolkowy mit der besten Platzierung eines deutschen WM-Teilnehmers heimkommt. Wie schon so oft.

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