Judo

Berlins Judoka gehen in Russland auf Medaillenjagd

Bei der Judo-WM im russischen Tscheljabinsk rechnen isch die Berliner Laura Vargas Koch, Iljana Marzok, Franziska Konitz und Sven Maresch gute Chancen aus. Ihr klares Ziel: eine Medaille.

Foto: Amin Akhtar

Von Leistungsdruck oder Nervosität keine Spur. Lachen, lockere Sprüche, eine Stimmung wie beim Badeurlaub in der Karibik. Einige der gut gelaunten Protagonisten schwanken zwischen Pasta und Hefeknödeln, einige bevorzugen Fleisch, andere Fisch. Wasser steht allgemein hoch im Kurs. Flip-Flops, Shorts und T-Shirts genügen als Outfit. Was auffällt: Ausnahmslos alle „Badegäste“ strotzen vor Kraft und gesundem Aussehen.

Szenenwechsel: Erschöpft sitzen die fröhlichen T-Shirt-Träger, jetzt in weißen und blauen Judo-Anzügen, auf dem Boden. Die Atmung geht schwer, die einen lächeln, die anderen grübeln. Randori nennt sich die Tortur, die die Protagonisten an die eigene Leistungsgrenze geführt hat.

In der offiziellen Definition ist damit ein Übungskampf gemeint, bei dem der Trainer verschiedene Schwerpunkte vorgibt (Angriff, Verteidigung, Bodenkampf, Wurftechniken). Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn die bevorstehende Aufgabe für die deutsche Judo-Nationalmannschaft bei der WM im russischen Tscheljabinsk (25. – 31. August) ist es auch nicht.

Blitzschnelle Entscheidungen

Vier der 17 deutschen Starter, die sich auf den Jahreshöhepunkt im der Sportschule Kienbaum vorbereitet haben kommen aus Berlin. Laura Vargas Koch, Iljana Marzok, Franziska Konitz und Sven Maresch. Fragt man sie nach ihrem WM-Ziel lautet die Antwort unisono: „Eine Medaille“. Und das nicht um einfach irgendetwas Nettes zu sagen, sondern dank einer Portion Selbstvertrauen, beruhend auf gemachten Erfahrungen, erkämpften Erfolgen. Im Jahresschnitt kommen sie jeweils auf 25 bis 30 Trainings- und Wettkampfwochen.

Für Vargas Koch, mit 24 die jüngste Athletin im Quartett und in der Freizeit Hobby-Kletterin, wäre es nicht das erste WM-Einzeledelmetall. 2013 in Brasilien erkämpfte sie Silber. Also muss in Russland Gold her? „Nein“, schüttelt sie den Kopf und wiederholt: „Eine Medaille ist das Ziel. Im Judo fallen Entscheidungen oft in Sekundenbruchteilen. Da spekuliert man über die Farbe der Medaille lieber nicht.“ Dass alles möglich ist, für sich selbst aber auch mit Blick auf die momentane Vorzeige-Athletin der deutschen Auswahl, unterstreicht Sven Maresch.

„Laura kann ganz nach oben kommen, sie ist nicht umsonst Vize-Weltmeisterin. Und für mich sehe ich die Chance auch. Ich habe mich in den letzten Jahren von Weltranglistenplatz 50 bis zu Rang drei gekämpft, bin momentan auf vier. Das gibt schon Selbstsicherheit. Ohne das ich dabei vergesse, wie bitter ein Sekunde Unaufmerksamkeit sein kann“, wägt der 27-Jährige, zuletzt Bronze-Gewinner bei der EM in Montpellier in der 81-Kilo-Klasse, ab.

Druck kann stärker machen

Iljana Marzok, die im Team bereits EM- und WM-Silber gewonnen hat und wie Vargas Koch in der Klasse bis 70 Kilo startet, und Franziska Konitz (+78 Kilo) sehen in der Unsicherheit ihres Sports bezogen auf mögliche blitzschnelle Siege oder Niederlagen aber keinen Nachteil. „Ich finde der Druck kann einen stärker machen. Man kennt ja die Regeln und bereitet sich vor“, sagt Marzok. Die 28-jährige Studentin der Fachrichtung Medien-Informatik hadert auch nicht mit der Konkurrenzsituation gegenüber Vargas Koch. Sie nimmt es eher mit Humor. „Wir können bei der WM als Berliner leider nur drei Gold- und eine Silbermedaille holen.“

Für Franziska Konitz, seit ihrem fünften Lebensjahr auf der Judomatte und im Erwachsenenbereich unter anderem mit zwei EM-Bronzemedaillen dekoriert, besteht die Faszination der Disziplin „in der enormen Vielseitigkeit des Sports“. Alle vier Berliner WM-Starter fühlen sich als Spitzenathleten in Deutschland gut aufgehoben. Die etwas provokante Frage, ob 15.000 Euro Belohnung für eine olympische Goldmedaille nicht in die Rubrik Peanuts fallen, verneinen sie. Laura Vargas Koch: „Ich finde die Förderung und Betreuung in Deutschland ist gut. Wer sich Mühe gibt hat auch gute Perspektiven. Man kann sich als Leistungssportler auf seinen Job konzentrieren. Dass es immer eine Möglichkeit für eine noch bessere Unterstützung gibt, ist sicher auch richtig. Aber ich würde mich nicht beklagen.“

Netzwerk ist wichtig

Die Zeit nach ihrem Spitzensportlerdasein haben alle vier fest im Blick. Franziska Konitz, 27, ist bei der Bundespolizei. Laura Vargas Koch will nach bestandenem Masters-Abschluss in Aachen in Mathematik promovieren. „Mathe ist faszinierend, weil man mit abstraktem Denken praktische Probleme lösen kann“, schwärmt sie. Iljana Marzok zieht es in die Medienwelt – aber eher „in den Teil, der sich mit Informatik beschäftigt“.

Während seine Kolleginnen Studium und Leistungssport unter einen Hut bringen, geht Sven Maresch einen anderen Weg. „Ich habe mal versucht, zu trainieren und zu studieren. Das ging gar nicht. Ich studiere wenn ich Judo mal runterfahre.“ Sein künftiges Engagement wird im Bereich Musik und Design angesiedelt sein. Maresch, wie die anderen auch Netzwerker durch die vielen Kontakte aus dem Sport, sieht deswegen optimistisch in die Zukunft. Auch sportlich. Stellvertretend für seine Mitstreiterinnen formuliert er das Ziel nach der WM: Olympia 2016 in Rio.