Boxen

Dem Boxstall Sauerland droht in Berlin der endgültige K.o.

Deutschlands renommiertester Profiboxstall trennt sich nach dem Ausstieg der ARD von langjährigem Personal. Aus Berliner Sicht droht im schlechtesten Fall sogar das endgültige Aus.

Foto: Elmar Kremser/SVEN SIMON / pa/Sven Simon

Im Max-Schmeling-Gym auf dem Gelände des Olympiastadions ist die Stimmung allenfalls noch geschäftsmäßig. Begeisterung für die in diesem Jahr noch anstehenden vier Weltmeisterschafts-Kämpfe der eigenen Boxer? Nett gesagt wird sie dezent verborgen. Nicht nett gesagt ist sie nicht vorhanden. Der Grund: die Angst um den eigenen Job.

Deutschlands wichtigster Profiboxstall, das Berliner Team Sauerland, ist durch den so gut wie sicheren Ausstieg der ARD aus dem Vertrag als TV-Partner schwer angezählt, um im Fachjargon zu bleiben. Aus Berliner Sicht droht im schlechtesten Fall sogar der endgültige K.o.

Was mit der Trennung vom langjährigen Sportlichen Leiter Hagen Döring angefangen hat, findet eine Fortsetzung. Chef-Trainer Ulli Wegner, mit 72 nicht mehr in einem Alter, in dem man um einen existenzsichernden Arbeitsplatz fürchtet, brachte seine Sicht der Lage am Rande des Deutschen Traber Derbys auf den Punkt. „Mit dem Ausstieg der ARD kann man mich entlassen. Ich habe eine Kündigungsfrist, aber auch die endet ja mal.“ Wegner, erfolgreichster deutscher Profiboxtrainer aller Zeiten, wirkt resigniert.

Ein Gütetermin steht schon fest

„Ich verstehe die Entscheidung der ARD nicht. Nach Fußball beschert das Boxen die besten Quoten, aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich mache mir viel mehr Sorgen um unsere Boxer (es hatte einige Trennungen gegeben, d. R.) und unsere Mitarbeiter. Die Motivation ist jedenfalls im Keller.“ Und nicht nur das. Denn langjährige Sauerland-Mitarbeiter beschäftigen sich mit Begriffen wie Auflösungsvertrag, Änderungskündigung, Kündigung, Umzug. Alles legal, ohne Frage, aber eben unangenehm.

Döring, der sein Diensthandy abgeben musste, seinen Dienstwagen aber noch nutzen kann, hat sich entschlossen, juristischen Beistand zu suchen. Es gibt auch bereits einen Gütetermin. Andere denken darüber nach. Da die Entwicklung nicht abgeschlossen ist, redet verständlicherweise niemand der Betroffenen offen über seine Situation. Nur so viel: Angeblich ist es zu Irritationen gekommen in der Form, dass die Art und Weise, wie man sich voneinander trennt, nicht ganz Gentlemen-like gewesen sein soll. Beispiel: Vorlage eines Auflösungsvertrages statt einer Kündigung unter Einhaltung der fixierten Kündigungsfrist.

Veränderungen im Personalbestand sind Sache der Geschäftsleitung. Und Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen muss Rechnung getragen werden. Das gilt uneingeschränkt auch für Deutschlands renommiertestes Profiboxteam. Das sieht Hagen Döring, einst Bundesliga-Boxer in Leverkusen, später Referent des ehemaligen Arbeitsministers Norbert Blüm, nicht anders. „Es kann aus Sicht der Geschäftsführung durchaus in Ordnung sein, sich von mir zu trennen. Darüber will ich auch nicht streiten. Ich möchte aber eine fundierte Auskunft über die Gründe haben. Es ist ja nicht auszuschließen, dass ich mich nach der korrekten Abwicklung meiner Tätigkeit bei Sauerland auch weiter mit dem Boxen beschäftigen möchte“, sagt der 43-Jährige, der momentan viel Freizeit hat und sich nur als Fan mit dem Boxen beschäftigt.

Skepsis beim Dachverband

In der Profiszene wird heftig spekuliert. Nach dem spektakulären Aus der Hamburger Universum Promotion 2010 – aufgrund des kompletten Ausstiegs des ZDF – hält Thomas Pütz, Präsident des Bundes Deutscher Berufsboxer (BDB), ein ähnliches Szenario bei Sauerland für „wohl kaum zu vermeiden, was die momentane Größe des Unternehmens in Deutschland angeht“. Fairerweise muss gesagt werden, dass Sauerland als Boxteam und der BDB schon lange getrennte Wege gehen, die Berliner seit Jahren unter Aufsicht des österreichischen Verbands ihre Veranstaltungen austragen.

Für vier Kampfabende existiert die Zweckgemeinschaft ARD und Sauerland noch. Am 16. August steigt Yoan Pablo Hernandez in Erfurt gegen den bereits 43 Jahre alten Firat Arslan (Friedberg) in den Ring. Der gebürtige Kubaner verteidigt seinen IBF-Titel im Cruisergewicht gegen den Oldie, der im Januar eine klare Niederlage gegen Marco Huck erlitten hatte. Ein Kampf, den niemand versteht. Verliert Favorit Hernandez beispielsweise durch eine Verletzung, tauscht man bei Sauerland einen attraktiven Champion gegen einen, der, bei allem Respekt, über den Berg ist. „Ich vermute, es ist ein finanziell attraktiver Kampf“, sagt Hernandez-Trainer Wegner lächelnd. Was man durchaus so interpretieren könnte, dass Arslan für eine mäßige Börse in den Ring steigt.

Am 30. August verteidigt Marco Huck seinen WBO-Titel im Cruisergewicht in Halle/Westfalen gegen den Italiener Mirko Larghetti. Am 27. September trägt Super-Mittelgewichtler Arthur Abraham in Kiel seinen WBO-Gürtel gegen den Briten Paul Smith zu Markte. Letzter ARD-Kämpfer wird voraussichtlich Halbschwergewichts-Weltmeister Jürgen Brähmer Mitte November sein. Und dann?

Trainingsstätte gekündigt

Das Team Sauerland, das sowohl in Großbritannien als auch in Skandinavien gut aufgestellt ist, kann auf kleinerer Flamme in Berlin mit den oben genannten Aushängeschildern weitermachen. Wobei die Karrieren des 34-jährigen Abraham und des ein Jahr älteren Brähmer auf der Zielgeraden sein dürften. Huck und Hernandez sind jeweils 29 Jahre alt. Der Vertrag für die Räumlichkeiten am Olympiastadion läuft über 2014 hinaus. Die drei Berliner Nachwuchs-Athleten, Stefan Härtel, Tyron Zeuge und Enrico Kölling, könnten mit Trainer Karsten Röwer umziehen. Ihr Trainingsdomizil in Marzahn ist zum Jahresende gekündigt.

Hagen Döring: „Eine Möglichkeit wäre auch ein Umzug der Mannschaft nach Hamburg, einige Boxer und Mitarbeiter haben ihre Wurzeln ja im Norden. Das ist auch Sache der Geschäftsleitung. Ich hoffe, dass das Team seine Qualität behält. Für Berlin fehlt mir momentan der Optimismus.“