Kampf gegen Arslan

Berliner Boxer Marco Huck besteht seine Reifeprüfung

Marco Huck bleibt Weltmeister. Gegen den 14 Jahre älteren Firat Arslan schafft er einen klaren Sieg und ist damit den Makel aus dem ersten Duell los. Jetzt will er ins Schwergewicht wechseln.

Foto: Martin Rose / Bongarts/Getty Images

So viel menschliche Größe hat ihm kaum einer zugetraut – vor allem nach seinen despektierlichen Sprüchen vor der Revanche gegen Firat Arslan. Marco Huck hatte den 43 Jahre alten Herausforderer als Box-Opa verhöhnt, der ihm weder beim Murmeln, Tennis oder Laufen, geschweige denn in ihrem harten Job das Wasser reichen könne.

Es war weit nach Mitternacht, als Huck plötzlich nach erfolgreicher Arbeit bei der Pressekonferenz um das Mikrofon bat, um noch etwas Persönliches zu sagen. Er stand auf, richtete seinen Blick auf seinen drei Stühle von ihm entfernt sitzenden Rivalen und machte mit seiner rechten Hand eine Bewegung, die jeder im Saal deuten konnte, bevor er sie mit Worten erklärte: „Firat, ich ziehe den Hut vor dir! Respekt, du bist ein toller Mann.“

Ohne Frage, Respekt hatte sich Arslan in der Nacht zum Sonntag verdient. Wie schon beim ersten Aufeinandertreffen im November 2012 war auch diesmal zwischen den beiden Arbeitnehmern aus dem Berliner Sauerland-Boxstall kein Altersunterschied auszumachen.

Huck ist zwar 14 Jahre jünger, doch die Initiative bei der Neuauflage des skandalträchtigen Erstduells ergriff erneut vom ersten Rundengong an der schwäbische Lokalmatador, der freilich auch die meisten der 11.000 Zuschauer in der ausverkauften Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle auf seiner Seite hatte.

„Er kam jedes Mal angestürmt, als würde es kein Morgen geben“, befand Huck. „Er stand quasi immer auf meinen Füßen. Der Druck von ihm war unmenschlich. Andere wären daran sicherlich zerbrochen“, vermutete der Cruisergewichtler. Doch es genügte eben nicht, ein großes Herz samt Pferdelunge zu besitzen, in Doppeldeckung die Flucht nach vorn anzutreten, um den Weltmeister im Infight mit Aufwärtshaken zu entthronen.

Ein überzeugender Champion

Huck erwies sich als extrem widerstandsfähig – wie es von einem Titelverteidiger erwartet werden muss. Diesmal jedenfalls überzeugte der Champion jeden Augenzeugen von seinen urgewaltigen Fähigkeiten, so dass es auch keinerlei Diskussionen über den Kampfausgang gab. Als er Arslan in Runde sechs mit einem schweren rechten Haken an den Kopf zum ersten Mal in dessen Karriere zu Boden schickte, wusste auch der Angezählte, „was meine Stunde geschlagen hat. Das war ein absoluter Volltreffer. Er entschied den Kampf. Marco hat verdient gewonnen“.

Arslan, unter dessen linkem Auge ein dickes Veilchen blühte, steckte zwar noch einen zweiten Schlaghagel weg, doch als er danach zwei rechte Kopfhaken hinnehmen musste, hatte der amerikanische Ringrichter Mark Nelson ein Einsehen mit dem einstigen Weltmeister der World Boxing Association (WBA) und brach die dramatische Ringschlacht nach 1:56 Minuten ab.

Für Huck war es „eine echte Reifeprüfung“, wie er hinterher gestand. Noch nie hatte er vor so einer großen Kulisse geboxt. Beim Einmarsch in die Arena sei er mächtig beeindruckt gewesen. Er habe sich wie in der Höhle des Löwen gefühlt. Dafür wirkte er im Ring allerdings erstaunlich souverän. Sogar Hucks üblicherweise nie zufriedener Trainer Ulli Wegner lobte seinen Schützling überschwänglich. „Das war ganz großes Kino von Marco. Er hat mehr richtig gemacht, als ich von ihm erwartet habe“, schwärmte der Boxlehrer. Huck, der seinen Weltmeistertitel der World Boxing Organization (WBO) im Cruisergewicht zum zwölften Mal verteidigt hatte, hatte wohl recht, als er sagte: „Ich glaube, der Kampf geht in die Geschichte ein. Er war von so viel Hass, Liebe und Leidenschaft geprägt, er hat uns beiden alles abverlangt, und wir haben alles gegeben.“

Duelle dieser Art, die polarisieren, die außerhalb und innerhalb des Rings für Spektakel sorgen, sind hierzulande tatsächlich seit Langem die Ausnahme. Davon sind mehr nötig. Vermutlich wären die Entscheidungsgremien der ARD dann auch nicht abgeneigt, die Zusammenarbeit mit Europas traditionsreichstem Boxunternehmen über das laufende Jahr hinaus fortzusetzen. Der alte und neue Weltmeister ist dafür ein Garant. Zumindest in der Verfassung, in der er sich in seinem 40. Kampf als Preisboxer präsentierte, der ihm einen finanziellen Gewinn von etwa 750.000 Euro bescherte. Die Frage ist nur, in welcher Gewichtsklasse er künftig boxen wird. Mit seinen 29 Jahren kommt er langsam ins beste Alter für einen Schwergewichtler.

Huck steht für einen Wechsel in die Königsklasse bereit und wiederholte am Sonntagmorgen noch einmal sein Versprechen an Trainer Wegner: „Ich werde ihr erster Weltmeister im Schwergewicht.“ Und der prophezeite dann auch gleich: „Bis zum 1. Januar 2015 wird Marco Schwergewichtsweltmeister sein. Aber wir sind kein Ein-Mann-Betrieb und müssen das alles mit unserem Management klären.“ Den Aufstieg würde Huck lieber heute als morgen vollziehen, denn ihm ist klar: „Wenn ich für richtige Furore sorgen kann, dann nur dort. Ein echter King bist du nur als Champion im Schwergewicht.“ Und er tönte – typisch für ihn – auch gleich: „Wenn ich richtig trainiere und den Kampf ernst nehme, schlägt mich auch im Schwergewicht niemand.“

Nächster Kampf am 3. Mai

Wann Huck sich im offenen Limit stellen wird, bleibt ungewiss. Bis zum Jahresende, so sein Plan, möchte er sich auch dort als Champion feiern lassen. Sein Management jedoch sträubt sich noch dagegen, was nur schwer nachzuvollziehen ist – auch angesichts der zweifelhaften TV-Zukunft. Statt sich mit den wirklichen Hünen der Zunft zu messen, soll Huck vorerst weiter als Cruisergewichtler seinen WM-Titel verteidigen. Sein nächster Kampftag ist mit dem 3. Mai bereits terminiert. Einen dritten Vergleich gegen Arslan wird es aber nicht geben, auch wenn dessen Trainer Dieter Wittmann süffisant anmerkte: „Jetzt steht es erst eins zu eins.“

Ob Arslan überhaupt noch einmal versucht, seinen Traum zu verwirklichen, ältester Weltmeister im Cruisergewicht zu werden, erscheint seit Stuttgart fraglich. Er werde erst einmal in Ruhe den Kampf analysieren und sich dann mit seinem Team beraten. Vertraglich ständen ihm noch zwei Kämpfe unter Wilfried Sauerlands Führung zu. Der Promoter sagte jedoch: „Aus menschlicher Sicht rate ich ihm vom Weitermachen ab. Die Schläge, die er zwangsläufig einsteckt, können in seinem Alter schwerwiegendere Folgen haben.“

Über derlei Dinge muss sich Huck keine Gedanken machen. Der gebürtige Serbe freut sich bereits jetzt auf seinen nächsten Auftritt. Und mit ihm sollten sich auch schon die Anhänger des Boxsports freuen, „denn ich biete ihnen die Show, die sie sehen wollen. Bei mir wird es nie langweilig, da kann es jede Sekunde knallen“.