Fankongress

Innenminister von NRW bezeichnet Fans als Straftäter

Eklat beim Fankongress in Friedrichshain: Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen provozierte mit klaren Worten. Dabei sollte ein lockeres Verhältnis zwischen Fans und Polizei geschaffen werden.

Foto: Arne Dedert / dpa

Ganz harmonisch standen sie in einer Schlange vor dem Kino Kosmos im Friedrichshain. Anhänger sonst rivalisierender Vereine wie von Hertha und Union oder der Hamburger Klubs FC St. Pauli und HSV. Doch so harmonisch wie der Auftakt zum zweiten bundesweiten Fankongress es vermuten ließ, verlief die Veranstaltung mit über 700 Teilnehmern nicht.

Vor allem das Verhältnis zwischen Fans und Polizei gilt als zerrüttet. So sorgte Innenminister Ralf Jäger (Nordrhein-Westfalen, SPD) mit seinem Nichterscheinen für einen Eklat.

„Es ist nicht die Absage an sich, sondern die Art und Weise, die uns erschüttert“, erklärte Jakob Falk, Hertha-Fan und Vertreter der Fanorganisation „Pro Fans“, die den Kongress organisiert. Jäger hatte seiner Absage aus Termingründen grundsätzliche Worte folgen lassen. So schrieb er: „Straftäter reisen quer durch Deutschland, provozieren auf den Wegen Krawalle und Ausschreitungen.“

Auf Fankongress steht Beziehung zur Polizei im Vordergrund

„Diese Worte von Herrn Jäger an uns sind eine Kampfansage“, fasste Sig Zelt, Union-Fan und Sprecher von „Pro Fans“ zusammen. Die Anhänger empfanden die Worte des Innenpolitikers als eine Ansammlung von Klischees und Forderungen. Dies ist umso bemerkenswerter, da die Fans den seit 2012 alle zwei Jahre stattfindenden Kongress als Möglichkeit ansehen, dass die verschiedenen Seiten im Fußball im Gespräch zueinanderfinden. Neben verschiedenen Forderungen wie nach fanfreundlichen Anstoßzeiten, der Beteiligung von Investoren an Fußballvereinen und dem eigenen Verhältnis zu den Medien steht vor allem die Beziehung zur Polizei im Mittelpunkt.

Unter dem Motto „Getrennt in den Farben, getrennt in der Sache?“ kamen am Abend mit Hans-Ulrich Hauck, dem Leiter der Polizeidirektion 2 und Einsatzleiter bei Heimspielen von Hertha BSC, erstmals Beamte zum Kongress. Gemeinsam mit Vertretern von DFB und Fans diskutierten sie das angespannte Verhältnis.

In dieser Saison sorgten vor allem der Polizei-Einsatz in der Schalke-Arena mit 87 Verletzten und das vom 1. FC Union heftig kritisierte Vorgehen der Beamten gegen eigene Fans beim Auswärtsspiel in Kaiserslautern für Aufsehen. Hauck setzte dem entgegen, dass bei der Berliner Polizei eine Fehlerkultur Einzug gehalten habe und machte den Anhängern ein Angebot: „Nachbereitung findet nicht nur mit Fanbeauftragtem und Fanprojekt statt. Wir laden auch die Fans ein, sich daran zu beteiligen.“

Auswärtsfahrten häufig Grund für Zusammenstöße

„Das Verhältnis ist aus meiner Sicht katastrophal“, sagte Zelt. „Die Dialogbereitschaft von Fans mit der Polizei hat abgenommen. Vor allem, weil man von der anderen Seite das Gefühl hat, es ginge von Rhetorik und Handeln her um Terrorismus und nicht um Fußball.“ Während auf lokaler Ebene die Zusammenarbeit mit der Polizei eher funktioniere, seien gerade die Auswärtsfahrten häufig Grund für Zusammenstöße.

Für Helmut Spahn, der für das Sicherheitskonzept während der WM 2006 verantwortlich war und jetzt in Katar arbeitet, liegt der Grund für diese Kontroverse in den fehlenden zentralen Ansprechpartnern von Fans und Polizei: „Fans oder Polizei haben diese einheitlichen Vertreter so nicht. Deshalb ist der Dialog auf Bundesebene schwierig.“

DFL-Chef Andreas Rettig zeigt sich irritiert

Die Hauptarbeit der Vermittlung zwischen Fans und Polizei liegt bei den Verbänden. Der DFB reiste mit Generalsekretär Helmut Sandrock und dem Sicherheitsbeauftragten Hendrik Große Lefert an. Die DFL schickte Geschäftsführer Andreas Rettig, der sich irritiert zeigte, dass der Brief von Innenminister Jäger öffentlich zitiert wurde: „Da stelle ich mir die Frage, ob meine Schreiben, wenn ich mal absagen muss, ebenso zur Schau gestellt werden?“

Helmut Spahn, aus Katar angereist, brachte in die Sicherheits-Debatte die Sicht von außen ein: „In unseren Stadien finden die sichersten Großveranstaltungen Deutschlands statt. Wenn ich international erzähle, woher ich komme, zaubere ich ein Lächeln in die Gesichter meiner Gesprächspartner. Die hätten gerne die Probleme, die wir hier haben.“

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