Tischtennis

Europameister Ovtcharov plant in Berlin den Angriff auf China

Sein Triumph bei der Tischtennis-Europameisterschaft hat Dimitrij Ovtcharov noch mehr Selbstvertrauen gegeben. Nun will er auch die Chinesen bei bedeutenden Turnieren endlich einmal besiegen.

Foto: SAMUEL KUBANI / AFP

Tischtennisspieler kennen das. Egal, ob sie in der vierten Kreisklasse antreten oder in der Bundesliga. Man ist mal wieder nah dran gewesen. Die ganze Zeit war der Satz doch ausgeglichen, 9:7 hat man sogar geführt. Aber den elften Punkt macht immer der andere. Die etwas schwächeren Gemüter schieben das gern auf den Netzroller des Gegners zum 3:3. Oder dessen fiesen Schlägerbelag. Oder es war so warm in der Halle und der Boden rutschig. Oder, oder, oder.

Dimitrij Ovtcharov gehört nicht zu dieser weinerlichen Spezies. Er ist gerade Europameister geworden und in der Weltrangliste auf Platz sechs postiert. Trotzdem kennt der 25-jährige Düsseldorfer das mit der Nähe allzu gut. Auf dem heimischen Kontinent hat er keinen Gegner zu fürchten, und wegen ihrer Dominanz bei der jüngsten EM in Österreich wurden die Deutschen gar ehrfurchtsvoll die Chinesen Europas genannt.

Doch fast immer, wenn es bei den wichtigen Turnieren wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gegen die wahren Chinesen geht, greift das „Prinzip nah dran“. Nur weiß Ovtcharov sehr wohl, woran es wirklich liegt.

Sechs Wochen lang im Land der Olympiasieger

„Das sind keine großen Geheimnisse“, sagt er, „die Chinesen trainieren einfach und genau. Sie sind uns in Athletik, Schlaghärte und Geschwindigkeit etwas voraus.“ Außerdem sei der interne Konkurrenzkampf extrem hoch. Ovtcharov kann das beurteilen, er hat die Nähe auch geografisch gesucht, war im Sommer zum ersten Mal sechs Wochen im Land der Olympiasieger und Weltmeister. Hat gemeinsam mit Timo Boll in der chinesischen Profiliga gespielt, für den Verein Chenjing Guangdong. Eine extrem wichtige Erfahrung, denn er konnte mithalten. Je mehr sie mit den Chinesen trainierten, „desto näher kommen wir heran“. Pünktchen für Pünktchen.

Dabei wollten sie ihn erst gar nicht haben. Boll ist in China ein Star, doch bei ihm waren sich die Asiaten nicht so sicher. Ovtcharov kehrte mit einer Einzelbilanz von sieben Siegen und vier Niederlagen zurück. „Nächstes Jahr glaube ich nicht, dass ich Probleme habe, da unterzukommen“, sagt er lächelnd. Sein Selbstvertrauen will er in weitere Siege umsetzen. „Mein nächstes Ziel ist es, bei einem großen Turnier einen der Chinesen zu schlagen.“

Die besten Spieler der Welt starten in der Schmeling-Halle

Erste Gelegenheiten dazu bieten sich beim World-Cup-Finale Ende nächster Woche in Belgien und bei den German Open vom 13. bis 17. November in der Max-Schmeling-Halle; an beiden Veranstaltungen nehmen auch Olympiasieger und Weltmeister Zhang Jike sowie Xu Xin teil, Nummer eins und zwei der Welt. Die Gelegenheit scheint günstig. „Es läuft phantastisch gut im Moment“, findet der Europameister. Dieser Titel war die Krönung seiner bisher besten Karrierephase. Bronze im Einzel bei den Olympischen Spielen in London, der Sieg bei den Europe Top 12 in Lyon, der Erfolg im Finale der German Open 2012 in Bremen gegen Boll: „Das war ein einmaliges Erlebnis.“

Auch weil sich zeigte, dass Ovtcharov aus dem übergroßen Schatten des besten deutschen Tischtennisspielers aller Zeiten herausgetreten ist. „Ich sehe uns auf Augenhöhe“, sagt er und weiß: Boll sieht es genauso. Es geht jetzt um die Führungsposition – aber nicht zwischen ihnen beiden, sondern gemeinsam gegen China. Sie haben sich vorgenommen, sich dabei zu unterstützen. „Timo und ich müssen gemeinsam trainieren, uns gemeinsam pushen, gemeinsam verbessern.“

Tipps vom Vater, Beruhigung durch die Freundin

Allein darauf verlässt sich Ovtcharov nicht. Für seine Akribie wird er gelobt, nichts überlasse er dem Zufall. „Ich möchte immer das Gefühl haben, wenn ich am Tisch stehe, alles getan zu haben. Wenn ich dann verliere, habe ich mir nichts vorzuwerfen.“ Vier bis viereinhalb Stunden täglich trainiert er an der Platte. Mit Fahrten, Aufwärmen, Athletik- und Aufschlagübungen kommen leicht acht bis neun Stunden zusammen. Bei den Olympischen Spielen staunten die als Frühaufsteher bekannten Chinesen nicht schlecht, wenn sie zum Training kamen und der Deutsche schon fleißig übte. Er hat ein kleines Buch, in das er nach Spielen Erfolgstaktiken notiert, manchmal einfache Gedanken.

Er hat dazu seinen Vater Michail, der ihm als ehemaliger sowjetischer Meister wertvolle Tipps vor jedem Turnier gibt. Und seine schwedische Freundin Jenny, die „mich vor wichtigen Spielen beruhigt. Ich bin nämlich ein bisschen hippelig!“ Tischtennisspieler kennen das.