Boxen

Edmund Gerber verspielt die Chance seines Lebens

Schwergewichtsboxer Edmund Gerber hat den bislang größten Kampf seiner Karriere verloren. Er musste sich im Duell um den vakanten EM-Titel dem britischen Skandalboxer Dereck Chisora geschlagen geben.

Foto: Sean Dempsey / pa/Sean Dempsey

Edmund Gerber hatte „überhaupt nicht geschlafen“. Zu tief saß die Enttäuschung nach seiner vorzeitigen Niederlage im Kampf um die Schwergewichts-Europameisterschaft gegen den Briten Dereck Chisora. Gerber, im Berliner Profibox-Team Sauerland kurzfristig eingesprungen für seinen Kollegen Denis Boytsow, wurde vom italienischen Ringrichter Guido Cavalleri zehn Sekunden vor Schluss der fünften Runde aus dem Ring genommen. Eine zu diesem Zeitpunkt nicht gerechtfertigte Entscheidung, auch wenn Chisora bis dahin die besseren Szenen für sich verbuchen konnte.

„Edmund hat Lehrgeld bezahlt, weil er sich immer wieder von Chisora in die Halb- und Nahdistanz hat ziehen lassen. Schade, dass er in der vierten Runde nach zwei richtig guten Dingern an den Kopf von Chisora nicht entscheidend nachgesetzt hat. Aber ich hoffe, wenn er etwas Abstand gewonnen hat, dass er durch den Kampf cleverer geworden ist“, zog Trainer Karsten Römer, der nach wie vor sicher ist, dass sein Schützling genug Potenzial hat, eine erste Bilanz.

Der neue Europameister, zuletzt eher aufgefallen wegen Pöbeleien und Handgreiflichkeiten mit den Klitschko-Brüdern und seinem Landsmann David Haye, hatte 18 Kilo abgespeckt, zeigte sich vom ersten Gong an konzentriert und nutzte so seine wohl letzte Chance auf einen Platz in den oberen Etagen des Schwergewichts. Gerber agierte dagegen ein wenig wie das Kaninchen vor der Schlange, ungeachtet einiger guter Momente und Aktionen, zu wenig darauf bedacht, selbst den Kampf zu bestimmen. „Ich muss damit erst mal fertig werden“, blieb er einsilbig.

Drei Konkurrenten im Team

Im Ranking der vier Schwergewichtler des Sauerland-Teams muss sich der 25-Jährige und damit jüngste zunächst wieder hinten anstellen. Nächster Titelkandidat sollte Kubrat Pulew sein. Der gebürtige Bulgare wartet auf das Ergebnis des WM-Duells zwischen Wladimir Klitschko und Alexander Powetkin am 5. Oktober in Moskau. Pulew, 32, ist Pflicht-Herausforderer des Siegers und hatte deswegen den EM-Titel niedergelegt. Ebenfalls deutlich näher an einem Weltmeisterschaftskampf als Gerber ist der Finne Robert Helenius.

Der Zwei-Meter-Mann, 29 Jahre alt und in 19 Profikämpfen unbesiegt, laborierte zuletzt an einer langwierigen Schulterverletzung, liegt in der unabhängigen Weltrangliste aber lediglich eine Position hinter Powetkin auf Rang sechs. „Robert ist, wenn er gesund bleibt, in absehbarer Zeit ein weiterer WM-Kandidat im Team“, umreißt Sauerland-Geschäftsführer Chris Meyer die Perspektiven für Helenius. Boytsow, erst seit knapp zwei Monaten im Team, soll noch 2013 einen Aufbaukampf machen. Der 27-Jährige hat seine 33 Profiduelle gewonnen.

Keine gute Ausgangslage für Gerber nach der verpassten Chance seines Lebens? „Edmund ist 25. Da ist ein Schwergewichtler normalerweise noch nicht an seinem Leistungslimit angelangt. Wir werden den Kampf gegen Chisora analysieren und im Team werden dann die Schlüsse daraus gezogen“, sagt Gerber-Trainer Röwer. Dennoch steht sein Schützling deutlich unter Druck.