Leichtathletik

Ralf Bartels freut sich auf ein Leben ohne Kontrollzwang

Der erfolgreiche Kugelstoßer aus Neubrandenburg beendet am Sonntag beim Istaf im Olympiastadion seine Karriere. Einiges wird er künftig vermissen, die Doping-Jäger gehören nicht dazu.

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Ralf Bartels sucht nach dem Wort, das seine momentane Gefühlswelt am besten umschreibt. „Unruhig“, sagt er und „gespannt“. Aber er ist sich sicher: „So richtig werden die Gefühle kommen, wenn ich weg bin und und mir dann einen Wettkampf angucke.“ Dann werde es bestimmt „kribbeln“.

So spricht jemand, der nach einer sehr erfolgreichen Karriere kurz vor seinem letzten Auftritt steht. Am Sonntag beim Internationalen Stadionfest (Istaf) im Berliner Olympiastadion wird der Kugelstoßer Ralf Bartels (35) seinen letzten Stoß ausführen, zum letzten Mal wird er die 7,25 Kilogramm schwere Kugel so weit wie möglich wuchten. Dann ist Schluss. Nach 23 Jahren Leistungssport. Was er nicht vermissen wird, weiß er schon: „Die ganze Schinderei, die Schmerzen, die Verletzungen…“ All das, „was niemand braucht“.

Auf zwei Medaillen wartet er noch

Aber er sagt auch, dass sich das alles gelohnt hat. Bartels, 1,86 Meter groß und gut 140 Kilogramm schwer, tritt als einer der erfolgreichsten deutschen Leichtathleten ab. Achtmal hat er bei Großereignissen Medaillen geholt. Er wurde unter anderem Europameister 2006 in Göteburg und in der Halle 2011 in Paris. Bei Weltmeisterschaften gewann er zweimal Bronze: 2005 in Helsinki und 2009 im Berliner Olympiastadion. Jetzt schließt sich der Kreis eben in dieser Arena.

Er freut sich schon darauf, „ein Stück Freiheit mehr zu haben“. Wie so viele Athleten hat es ihn über die vielen Jahre genervt, allzeit für Doping-Kontrollen zur Verfügung stehen zu müssen, ständig die Doping-Fahnder vorab darüber informieren zu müssen, wo er wann erreichbar sein wird. „Immer befürchtet du, mal was zu vergessen.“ Er weiß, dass die Tests dringend notwendig sind, aber: „Ein Freigänger hat mehr Freiheit.“ Zwischen 15 und 20 Mal, so rechnet er nach, sei er im Jahr kontrolliert worden. Immer war alles negativ.

Gerne wäre er noch bei der WM dabei gewesen

Nicht so wie beim Kontrahenten Andrej Michnewitsch, der gleich zweimal auffällig wurde und nun lebenslang gesperrt ist. Bei Nachtests von Proben aus dem Jahr 2010 flog der Weißrusse kürzlich auf, weshalb Bartels nachträglich zweimal (Hallen-WM Doha, EM Barcelona) vom dritten auf den zweiten Rang vorgestuft wurde. „Bisher habe ich noch gar nichts Offizielles bekommen, keine Urkunde, keine Medaille. Ich habe keine Ahnung, wie das alles ablaufen wird.“

Gerne wäre er noch bei der WM in Moskau dabei gewesen, aber aufgrund von Verletzungen schaffte er es nicht mehr, die geforderte Norm zu stoßen. „Nicht so schön“ sei es gewesen, daheim in Neubrandenburg vor dem Fernseher den Wettkampf beobachten zu müssen. Über den Sieg von David Storl habe er sich aber sehr gefreut. Ein bisschen Wehmut schwingt dennoch mit. Nicht, weil der zwölf Jahre Jüngere in den vergangenen zwei Jahren an ihm vorbeigezogen ist. 2011 konnte er als Hallen-Europameister Storls Angriff noch abwehren, „aber danach konnte ich wegen Verletzungen nicht mehr so Paroli bieten, wie ich das gerne getan hätte.“

Er genießt die Zeit mit seiner jungen Familie

Sein Leben nach dem Leistungssport geht Bartels nun mit Volldampf an. „Es ist sehr schön, dass ich jetzt mehr Zeit für die Familie habe.“ Seine Frau Maja und er hatten sich ihren Kinderwunsch auch deshalb später erfüllt, „damit ich das Kind auch wachsen sehen kann“. Jetzt ist die kleine Friederike eineinhalb Jahre alt. „Krabbeln, sprechen lernen“ – und der stolze Papa ist dabei.

Beruflich will Bartels, Haupt-Bootsmann bei der Sportfördergruppe, in Richtung Trainer gehen. Seine A-Lizenz wird er bald abschließen, dann möchte er auf der Trainerakademie in Köln zum Diplomtrainer werden. Wenn alles klappt, könnte er später einmal als Berufssoldat bei einer Sportfördergruppe als Trainer arbeiten. Dann würde er sich auch Tipps von einem Erfahrenen holen: Gerald Bergmann. Mehr als 20 Jahre lang ging das Gespann Athlet/Trainer gemeinsam durch Höhen und Tiefen. Die gemeinsame Arbeit, die Erfolge „haben ihn und mich vorangebracht“. Die beiden verbinde eine „Hassliebe“, wie es Bartels nennt. Da krachte es mal gewaltig, aber dann raufte sich das Duo auch wieder zusammen.

„Hassliebe“ zu seinem Trainer Gerald Bergmann

Immer wieder hat Bergmann keinen Hehl daraus gemacht, dass er es viel lieber sehen würde, wenn Bartels zehn Kilogramm weniger wiegen würde. Doch da ließ der kräftige Kerl nicht mit sich reden, der einmal den Satz prägte: „Nach zehn Minuten fertig mit dem Essen gibt’s bei mir nicht.“

Wenn er jetzt über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren abtrainieren wird, dürfte „das eine oder andere Kilo schon verschwinden“, ist er sich sicher. Doch eines steht für Ralf Bartels fest: „Ein Hungerhaken will ich nicht werden.“

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