Berliner HC

Mit einer kalten Dusche beginnt der Tag voller Hockey

Als Spielerin wurde Anke Wild-Prinz mit dem Berliner HC Deutsche Meisterin und gewann den Europapokal. Jetzt trainiert sie ihre Nachfolgerinnen - trotz einer großen Familie und ihrem Beruf als Lehrerin.

Foto: Anke Wild / privat

Es gibt eigentlich genug sanfte Optionen, morgens in die Gänge zu kommen. Manche brauchen einen starken Kaffee, das ist die etwas bittere Methode. Frisch gepresster Orangensaft? Süßer, vitaminreicher, aber ziemlich fusselig. Andere gleiten mit Musik in den Tag, frisch aus dem Radio. Klingt gut. Anke Wild-Prinz dagegen ist mehr der Holzhammer-Typ, obwohl sie gar nicht so aussieht. Um sechs Uhr klingelt ihr Wecker, sie steht auf, marschiert in den Garten und steigt in den Pool. Wenn das Wasser ordentlich kalt ist: um so besser!

Sehr wenige Menschen werden vermutlich ausgerechnet jetzt den Wunsch entwickeln, sich endlich ein Schwimmbecken zuzulegen. Aber die 45-Jährige hat für sich herausgefunden: „So startet man gut in den Tag.“

Gesammelte Schätze einer Patchwork-Familie

Sie braucht die Frische, ihre Tage sind lang und ereignisreich. Nicht, weil sie jetzt den Trainer-Job bei den Frauen des Hockey-Bundesligisten Berliner HC übernommen hat. Das Pensum der 1,61 Meter kleinen Frau ist ohnedies beacht-lich. Mindestens vier, manchmal bis zu sechs schulpflichtige Kinder hat sie jahrelang auf den (Schul-)Weg geschickt, gesammelte Schätze ihrer Patchwork-Familie. Ihr Mann Sven, mit dem sie seit vier Jahren verheiratet ist, hat zwei Kinder aus zwei vorangegangenen Beziehungen mitgebracht, sie selbst vier. „Ich hab mir das früher auch nicht so vorgestellt, dass meine Familie einmal so aussehen würde“, sagt sie, „aber ich versuche, das Beste daraus zu machen.“

Wenn die Kids aus dem Haus sind, schwingt sie sich selbst aufs Fahrrad. Wild-Prinz ist Grundschullehrerin. Nach dem Unterricht ist die Paukerei noch nicht vorbei, die eigenen Kinder haben ja auch Schularbeiten auf. Gerade klingelt ihr Handy. Oscar (13) möchte gern zu einem Freund gehen. Logisch werden sie gemeinsam auch die Englisch-Vokabeln lernen, die sie aufgekriegt haben, verspricht er. „Okay“, sagt seine Mutter, „um sechs bist du zu Hause.“ Ach ja, und: „Ich frag dich ab!“ Ist klar, Mama!

Olympia-Zweite in Barcelona

Und jetzt auch noch Hockey. Falsch: Hockey war schon immer, seit Kindesbeinen, in fast jeder Beziehung. In ihrer Heimat Rüsselsheim fing sie an, wechselte als junge Frau nach Berlin, wegen des (späteren) Olympiasiegers Andreas Keller. Von ihm stammen Felix (22) und Luca (17), ihre beiden ältesten Söhne. Danach kam Jamilon Mülders, einst Weltmeister, jetzt Frauen-Bundestrainer. Mit ihm kamen Oscar (13) und Theo (11).

Sie selbst war eine herausragende Spielmacherin, Deutsche Meisterin, Europapokalsiegerin mit dem Berliner HC, Olympia-Zweite von Barcelona mit der Nationalmannschaft, deren Trikot sie 58-mal trug. Sie war die Kleene mit den ewig zerbeulten Knien, an der nur sehr schwer vorbeizukommen war.

„Den Kindern vermitteln, dass Hockey was Tolles ist“

Trotz der anspruchsvollen familiären Situation hat sie nie mit dem Hockey aufgehört, spielt jetzt noch in der dritten BHC-Damenmannschaft. Aber vor allem trainiert sie schon seit Jahren, zuletzt die weibliche A- und B-Jugend ihres Klubs. 70 Kinder zwischen elf und vierzehn Jahren – bekommt sie denn nie genug? Offenbar nicht. „Ich versuche, ihnen den Spaß und die Leidenschaft zu vermitteln, dass Hockey was Tolles ist.“ Natürlich sei das alles „irre anstrengend“. Aber Etappe für Etappe ihres Weges hat sie schließlich mitbestimmt.

Das wird sie weiter tun. Trott gefällt ihr nicht, es muss immer mal wieder Veränderungen geben. Im Beruf, im Hockey. Deshalb war sie schnell begeistert, als sie gefragt wurde, ob sie nicht die Damen des Klubs übernehmen wolle. „Ich wollte immer schon meinen Beruf mit einem Leistungsteam verbinden“, sagt sie, „das hat mich sofort gereizt.“

Junges Team mit viel Potenzial

Dienstags und donnerstags abends Training, das ist nun wirklich praktisch – da kann sie sich nämlich vorher noch um ihre A-Mädchen kümmern. Und die Damen, die machen es ihr leicht. „Es sind tolle Spielerinnen dabei“, sagt Anke Wild-Prinz, „es macht viel Spaß, die sind so motiviert. Da steckt ganz viel Potenzial drin.“ Es ist ein Team im Umbruch, niemand erwartet gleich Titel. Wenigstens den Druck hat sie nicht.

Dass ihre Tage oft erst gegen 23.30 Uhr enden, gehört dazu. Aber mehr geht nicht. „So viel Schlaf brauche ich, sonst geht es über meine Grenzen!“ Interessant zu hören, dass es die gibt. Und etwas besser zu verstehen, dass sie morgens einen Holzhammer braucht, um fit für den nächsten Tag zu werden.