World Games

Berliner kämpfen bei nicht-olympischen Spielen um den Sieg

Die World Games werden auch als „Olympische Spiele der nicht-olympischen Sportarten“ bezeichnet. Mehr als 3000 Sportler messen in Können in 26 Disziplinen, von denen einige früher olympisch waren.

Die World Games finden seit 1981 alle vier Jahre unter der Schirmherrschaft des IOC statt. Für die Wettkämpfe werden bereits bestehende Einrichtungen genutzt. Einige der 26 Disziplinen waren früher olympisch, zum Beispiel Tauziehen. In diesem Jahr finden die Spiele erstmals in Südamerika statt: Vom 25. Juli bis zum 4. August treffen sich die Athleten in der kolumbianischen Metropole Cali. Mehr als 3300 Sportler werden erwartet, rund 200 aus Deutschland. Die World Games sind neben der gerade zu Ende gegangenen Universiade in Kasan (Russland) das größte Sportereignis des Jahres. Die Online-Plattform www.splink.tv überträgt ab Freitag täglich mehrere Stunden lang live.

Gebrochene Finger sind im Kanupolo keine Seltenheit

Kanupolo-Spielerin Alexandra Bonk hat vor vier Jahren bei den World Games in Taiwan schon einmal erlebt, wie es sich anfühlt, plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Als die Berlinerin im Hotel den Fernseher anschaltete, lief das Spiel der Nationalmannschaft in voller Länge. „Ich hatte Gänsehaut“, sagt die 24-Jährige vom Kajak-Club Nord-West Berlin. Wenn sie mit ihrer Akkreditierung um den Hals durch die Stadt bummelte, wurde sie von den Taiwanesen gefeiert wie ein Weltstar. Und das in einer Sportart, in der in Deutschland selbst bei Länderspielen manchmal bloß ein paar Dutzend Zuschauer vorbeischauen.

Kanupolo lässt sich kurz als eine Mischung aus Wildwasserslalom und Handball beschreiben. Zwei Mannschaften mit je fünf Spielern versuchen, im Kajak sitzend, einen Ball mit der Hand oder dem Paddel in die in zwei Meter Höhe angebrachten Tore zu befördern. Gespielt wird zweimal zehn Minuten. Auf dem Feld geht es rasant zu: Nach fünf Sekunden muss der Ball gepasst, nach spätestens 60 Sekunden aufs Tor geworfen werden. Blaue Flecken und selbst gebrochene Finger sind bei der Wasserschlacht keine Seltenheit.

Auch Bonk wurde in der Vorbereitung auf die diesjährigen World Games durch eine Ellenbogenverletzung außer Gefecht gesetzt, die sie sich allerdings bei einem Fahrradunfall zugezogen hatte. Sie hofft trotzdem auf ihren Einsatz. Zur Nationalmannschaft gehören zwei weitere Berlinerinnen: Fabienne Thöle und Antonia Scheidmann. Mit Stefanie Esser steht sogar noch eine vierte KC-Nord-West-Spielerin im Kader, doch sie wohnt eigentlich im Ruhrgebiet und stößt nur zu Turnieren zum Vereinsteam. Deutschland ist amtierender Weltmeister und peilt in Cali die Goldmedaille an. Konkurrenz kommt dabei vor allem aus Frankreich und Großbritannien.

Für Teamkollegin Fabienne Thöle ist die größte Herausforderung die Reise nach Südamerika. „Ich habe Flugangst“, gesteht die 22-Jährige. Wie fast alle Kanupolo-Spielerinnen ist sie eine Amateurin. Thöle absolviert gerade eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau, an manchen Tagen muss sie morgens um 4 Uhr aufstehen, um zur Arbeit zu fahren. Trainiert wird dann am Abend.

Auch Antonia Scheidmann muss Sport und Lehramtsstudium unter einen Hut bringen. Sie war früher im Kanurennsport aktiv, „aber auf Dauer wurde es mir zu langweilig, immer bloß geradeaus zu fahren“, sagt sie. Mit Kanupolo entschied sie sich für eine koordinativ äußerst anspruchsvolle Disziplin. „Es fängt schon damit an, dass es mit unserem Boot sehr viel schwieriger ist, geradeaus zu fahren als mit einem normalen Kajak. Es genügt schon ein kräftiger Paddelschlag und man dreht sich im Kreis.“ Bonk pflichtet ihr bei: „Und wenn man dann erst einmal geradeaus fahren kann, kommen der Ball und die Gegner hinzu.“

Wichtig sei es, seine Angst zu überwinden und aggressiv in die Zweikämpfe zu gehen, meint Fabienne Thöle, „auch auf die Gefahr hin, unter Wasser zu geraten.“ Das passiert beim Kanupolo häufiger. Zur Grundausstattung der Spielerinnen gehört deshalb auch eine Schöpfkelle, um das Boot nach dem Schlusspfiff wieder trocken zu bekommen. Foto: Martin Lengemann

Tanzen – wie aus Sport die große Liebe wurde

Für Sergey und Viktoria Tatarenko ist der Flug nach Cali eine Reise zu den Wurzeln ihres Sports. Sie gehen im lateinamerikanischen Tanzen an den Start, das in der kolumbianischen Kultur einen ähnlichen Stellenwert hat wie der Fußball in Deutschland. In den Tanzschulen in den Armenvierteln bekommen Jungen und Mädchen schon früh die richtigen Schritte beigebracht. „Sie haben das Tanzen im Blut“, sagt Sergey Tatarenko. Für die Kolumbianer gehören diese Wettbewerbe deshalb zu den Höhepunkten der World Games. Viktoria Tatarenko ist das nur recht: „Wenn die Stimmung im Saal gut ist, ist die Leistung meist umso besser.“

Die 26-Jährige stammt aus Dnjpropetrowsk in der Ukraine, zog jedoch als Siebenjährige mit ihren Eltern nach Berlin, wo sie mit dem Tanzen begann. Mit 14 Jahren suchte sie im Internet nach einem russischen Tanzpartner, „weil die russischen Männer einfach gut tanzen können“. Sie fand den ein Jahr jüngeren Sergey, der zunächst von ihren Fähigkeiten nicht gerade angetan war. Das Video, das ihm Viktoria geschickt hatte, überzeugte ihn nicht. Der gebürtige Sankt Petersburger stand seit zehn Jahren auf der Tanzfläche – Viktoria erst seit vier. Trotzdem kam Sergey doch nach Berlin und zog bei ihrer Familie ein. Zwei Jahre später wurden die beiden auch privat ein Paar, 2008 heirateten sie. „Vor lauter Tanzen hätte ich sowieso keine Zeit für einen anderen Partner gehabt“, meint Viktoria Tatarenko lachend.

Das Tanzpaar startet für den Ahorn-Club, die Tanzsportabteilung des Polizei SV Berlin. Trainiert wird in der Polizeikantine in Ruhleben. „Tanzen ist definitiv Sport, man braucht Kraft und Kondition“, sagt Sergey Tatarenko. „Die Kunst ist es, athletisch zu sein und dabei doch grazil zu bleiben.“ Seine Frau ergänzt: „Die guten Paare schaffen es, ihre eigene Persönlichkeit auf die Tanzfläche zu bringen.“ Im vergangenen Herbst ist das den Tatarenkos gleich zweimal geglückt: Bei der Weltmeisterschaft der Profis gab es Silber im Lateinturnier – diese Disziplin steht auch bei den World Games auf dem Programm – und sogar Gold in der Kür.

Einige der Konkurrenten von damals sind bei den World Games nicht startberechtigt, weil die Tanzpartner aus unterschiedlichen Ländern stammen. Auch die Teilnahme der Tatarenkos hing am seidenen Faden: Während Viktoria seit 2005 einen deutschen Pass besitzt, traf das Dokument von Ehemann Sergey erst im Januar und damit eigentlich erst nach dem offiziellen Meldeschluss ein. „Zum Glück hatte uns aber der Deutsche Tanzsport-Verband schon unter Vorbehalt gemeldet“, berichtet er. Ziel in Cali ist nun zunächst der Einzug in das Finale der besten Sechs.

In der Vergangenheit war die Punktevergabe beim Tanzsport – ähnlich wie beim Eiskunstlauf – nicht immer nachvollziehbar. Bei den World Games soll ein neues System Abhilfe schaffen, erklärt Viktoria Tatarenko: „Bisher musste ein Kampfrichter in der Vorrunde in anderthalb Minuten gleich 16 Paare in fünf Kategorien bewerten. Für jedes Paar hatte er nur wenige Sekunden. Da ist es schon vorgekommen, dass jemand besser bewertet wurde, nur weil er sonst auch immer gut getanzt hat.“

In Kolumbien muss jeder Schiedsrichter nun nur noch ein Kriterium bewerten, etwa die Technik, die Musikalität oder wie beide Partner miteinander agieren. Zudem werden künftig bereits in der Vorrunde Punkte vergeben, anstatt wie bisher nur zwischen einer guten und einer schlechten Ausführung zu unterscheiden. „Das macht die Sache nachvollziehbarer“, findet Viktoria Tatarenko. Foto: Viktoria Tatarenko

Bogenschießen – Manchmal hängen während der Wettkämpfe Äste in der Flugbahn

Wenn Elena Richter während ihres Wettkampfes durch die Wälder streift, könnte man sie für eine ganz normale Spaziergängerin halten. Sie trägt Wanderschuhe und auf dem Rücken einen Rucksack mit allem, was sie für den Tag benötigt: Wasser, Proviant, ein Fernglas und an sommerlichen Tagen ein Fläschchen Sonnencreme. Einzig der Bogen, der über ihrer Schulter baumelt, verrät die Berlinerin. Die 24-Jährige ist Feldbogenschützin und geht in dieser Disziplin auch bei den World Games in Kolumbien an den Start.

Die Teilnahme sei für sie die Krönung ihrer sportlichen Karriere, sagt Elena Richter. Das überrascht – schließlich war sie 2012 auch bei den Olympischen Spielen in London mit von der Partie, wo allerdings nicht im Feld, sondern auf der Anlage geschossen wurde. Trotzdem haben die World Games für Elena Richter einen größeren Stellenwert. Während sie dort bereits in der zweiten Runde ausschied, zählt die Sportlerin vom BSC BB Berlin in Cali zu den Favoriten. 2011 wurde Richter Europameisterin, im Jahr darauf sogar Weltmeisterin. Nun will der Schützling von Trainer Oliver Haidn seine Titelsammlung mit Gold bei den World Games vervollständigen.

Die Unterschiede zwischen dem olympischen und dem Feldbogenschießen sind groß. Zwar ist der Bogen in beiden Disziplinen derselbe, doch das ist auch fast schon die einzige Gemeinsamkeit. Bei Olympia schießen die Bogenschützen zweimal 36 Pfeile auf eine 70 Meter entfernte Scheibe mit einem Durchmesser von 122 Zentimetern. Die Schießanlagen sind alle gleich, man kann sich im Training also gut auf den Wettkampf vorbereiten. Anders beim Feldbogenschießen. Jede der 24 Scheiben steht in einer anderen Entfernung vom Schützen, mal im Hellen, mal im Dunklen. Sie sind unterschiedlich groß mit teilweise nur 20 Zentimeter Durchmesser, und manchmal hängen auch noch Äste in der Flugbahn des Pfeils. Hinzu kommt, dass die Abstände in der ersten Runde noch nicht bekannt sind. Mittels Dreisatz versuchen die Athleten, die Entfernungen zu berechnen, doch selbst Profis schießen mal daneben. „Man muss mit den Gegebenheiten arbeiten und viel flexibler sein“, sagt Elena Richter. Der Parcours im Feldbogenschießen führt über steile Pfade und unwegsames Gelände. Für manche ist es deshalb die ursprünglichere Variante dieses Sports. Ein bisschen wie damals bei Robin Hood. Richter mag diesen Vergleich nicht: „Ein Fechter fühlt sich auch nicht wie d’Artagnan.“.

Seit 2000 ist sie Bogenschützin, erst neun Jahre später nahm sie erstmals an einem Wettkampf im Feldbogenschießen teil. Bei strömendem Regen und in geliehenen Wanderschuhen, die zwei Nummern zu groß waren, bereitete die Premiere nur mäßig Freude. „Im ersten Moment dachte ich: Nie wieder“, erinnert sich Elena Richter. Doch sie versuchte es wieder und qualifizierte sich 2010 erstmals für die WM, wo sie auf Anhieb Vierte wurde und mit der Mannschaft sogar den Titel holte.

Trotz aller Erfolge bleibt das olympische Bogenschießen ihre Hauptdisziplin. „Das ist das, wofür ich bezahlt werde“, sagt die Sportsoldatin. Auch in dieser Saison hat Elena Richter vor den World Games lediglich zwei Wettkämpfe im Feld absolviert. Nicht nur deshalb wird sie in Cali hochkonzentriert zu Werke gehen müssen, um sich zunächst einmal für das Finale zu qualifizieren. Nur die ersten Vier erreichen dort die Medaillenrunde, während es sonst die besten 16 sind. „Das ist eine reizvolle Herausforderung“, findet die Berlinerin. Fünf Mal in der Woche trainiert sie in der kleinen Schießhalle im Sportforum Hohenschönhausen, jeweils drei bis fünf Stunden lang. In besonders intensiven Wochen verschießt sie 2600 Pfeile pro Woche. Am Ende werde aber nicht die Schusstechnik über Sieg und Niederlage entscheiden, glaubt Richter. „Gewinnen wird diejenige, die die beste Psyche hat.“ Foto: Jörg Krauthöfer