Schwimm-WM

China verneigt sich vor zwei Berliner Turmspringern

Die Chinesen galten als unbezwingbar im Turmspringen. Doch bei der Weltmeisterschaft in Barcelona schnappten ihnen Patrick Hausding und Sascha Klein den Titel weg. Und werden nun im Reich der Mitte bewundert.

Foto: Juanjo Martin / dpa

Mitten in der Nacht lag Patrick Hausding auf einmal wach und völlig aufgekratzt in seinem Bett. Sein Tag war einfach viel zu aufwühlend gewesen, zu überraschend und einzigartig, als dass er all die Emotionen bändigen konnte. „Ich bekam die Bilder und Gedanken nicht aus meinem Kopf. Dann lag ich da und habe gegrinst“, sagte Hausding der Morgenpost am Tag nach dem größten Triumph seiner Karriere.

Der 24 Jahre alte Berliner Wasserspringer hat mit seinem Synchronpartner Sascha Klein (27) vom Zehn-Meter-Turm Historisches geleistet: Die beiden brachen die Dominanz der Chinesen und krönten sich Sonntagabend in Barcelona zu den ersten deutschen Weltmeistern in der Geschichte dieser Sportart. Nie zuvor war es einem deutschen Mann gelungen, sich WM-Gold zu erspringen. Und der einzige Titel einer deutschen Frau liegt auch bereits 40 Jahre zurück: 1973 siegte Christa Köhler vom Dreimeterbrett. „Dieser Erfolg ist etwas ganz Besonderes“, sagte Hausding. Nach Olympiasilber 2008, Rang zwei bei den Weltmeisterschaften 2011 und dem enttäuschenden siebten Platz bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr bedeutet diese Medaille die Krönung ihrer Karriere.

Dominant seit über 30 Jahren

Der WM-Triumph ist aber nicht nur wegen seiner historischen Dimension ein ganz spezieller Erfolg. Allein der Sieg gegen die schier übermächtigen Chinesen gleicht einer Sensation. „Da geht ein Traum in Erfüllung“, sagt Bundestrainer Lutz Buschkow. Er meint damit nicht nur den Triumph über die Olympiasieger Cao Yuan/Zhang Yanquan, für die es nur zu Platz drei reichte, sondern ganz allgemein den Sieg gegen ein Paar aus dem Land der Kunst- und Turmspringer. Nirgends ist die Sportart populärer, nirgends die Auslese sowie Förderung der Talente härter. Seitdem die Chinesen 1980 die Vorherrschaft von den US-Amerikanern an sich rissen, dominieren sie die Sportart so souverän wie das Tischtennis und die Deutschen das Rodeln.

Bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren sprangen sie die Konkurrenz derart schwindelig, dass sie gleich alle Goldmedaillen im eigenen Team behielten. „In dem Land, in dem Akrobatik und die Shaolin-Mönche ihre Heimat haben, passt Wasserspringen als ästhetische Sportart einfach mit hinein“, sagt Buschkow. Bei den Olympischen Spielen in London überließen die Chinesen der Konkurrenz dann immerhin zwei von acht Goldmedaillen.

So sensationell, als wenn Timo Boll Tischtennis-Weltmeister würde

Um beim Synchronwettbewerb der Männer vom Turm zu bleiben: Die vergangenen drei olympischen und WM-Goldmedaillen gingen, wie soll es anders sein, an Sportler aus China. Die internationale Presse titelte deshalb am Montag „Hausding/Klein verblüffen die Chinesen“, „Schockniederlage für China“ und „Die Deutschen verärgern die Chinesen“. Ähnlich sensationell wäre nur ein WM-Triumph von Deutschlands Tischtennis-Ass Timo Boll.

Ihre nächste Wettkampfreise nach China dürfte für Hausding und Klein also zu einer ganz besonderen werden. Denn so sehr Sportler, Funktionäre, Politiker und Zuschauer dort den Erfolg herbeisehnen, so sehr bewundern sie jene Athleten, die in die Phalanx ihrer Landsleute einbrechen können.

Klein wurde sogar von Fans in Shanghai am Flughafen erwartet

„Hausding und Klein sind bei uns jetzt auf jeden Fall bekannter als zuvor. Jeder Wasserspringer, der die Chinesen besiegen kann, sollte ein Held sein“, sagt der chinesische Sportjournalist Lou Jian. Welch großen Respekt die Chinesen vor ebenbürtigen Gegnern in einer ihrer Topsportarten haben, erlebte Sascha Klein bereits 2008, als er bei einem Weltcup in Shanghai auf Platz eins sprang und später sogar Fans am Flughafen auf ihn warteten. „Seit diesem Sieg habe ich mir immer gewünscht, dass mir das mal bei einer WM passiert“, sagt er. „Jetzt bin ich einfach nur glücklich.“

Die beiden Deutschen haben es sich nach Jahren in der Weltspitze verdient. Sie zeigten zwar nicht das schwierigste Programm der Konkurrenz, sprangen aber dafür brillant und fast fehlerlos. Als die Chinesen und Mexikaner patzten, brachten sie ihre Sprünge kaltschnäuzig und sauber ins Wasser. „Sogar die chinesischen Trainer haben uns gratuliert“, sagt Buschkow. „Das ist ein Ritterschlag.“ Gestern gratulierte auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit. Lange gefeiert haben die Weltmeister dennoch nicht. „Wir haben abends mit Sekt angestoßen. Aber gegen 0.30 Uhr war ich im Bett. Wir müssen ja Profis bleiben – schließlich habe ich in Barcelona noch drei weitere Wettkämpfe vor mir“, sagte Hausding brav. Schon heute muss er mit Synchronpartner Stephan Feck vom Drei-Meter-Brett ran.

Homuth verpasst Überraschung vom Ein-Meter-Brett

Beinahe hätte es am Tag darauf eine weitere große Überraschung mit Berliner Beteiligung gegeben. Der 21-jährige Oliver Homuth lag vom Ein-Meter-Brett lange auf Medaillenkurs, aber nach einem verpatzten letzten Sprung rutschte der EM-Dritte dann doch noch auf Platz zehn ab. Der Sieg im nicht-olympischen Wettbewerb ging an den chinesischen Titelverteidiger Li Shixin vor Europameister Illja Kwascha aus der Ukraine. Dritter wurde der Mexikaner Alejandro Chavez. Als zweiter deutscher Starter im Finale belegte der EM-Zweite Martin Wolfram aus Dresden Platz acht.