Profiboxen

Abraham droht Stieglitz „Ich hole mir meinen Titel zurück“

Keine Niederlage tat Arthur Abraham so weh wie jene im WM-Kampf gegen Robert Stieglitz Mitte März. Verbissen arbeitet er daran, eine Revanche zu bekommen. Denn er will seinen Titel zurückhaben.

Foto: Jens Wolf / pa/dpa

Die Fenster im Trainingscamp von Profiboxer Arthur Abraham sind weit geöffnet. Ein Sandsack pendelt ganz sanft hin und her, als hätte ihn leichter Wellengang in Bewegung gesetzt. Vögel zwitschern und man hört vom Schenckendorffplatz vereinzelte Rufe – Hertha-Trainer Jos Luhukay scheucht seine Elitekicker beim vormittäglichen Training über den kurz geschnittenen Rasen. Ein Dutzend Zuschauer spendet hie und da Beifall. Alltag auf dem riesigen Sportgelände rund um das Olympiastadion.

Feixen über Kumpel Marco

Arthur Abraham lacht. Er steht mit einem Handtuch um die Hüften geschlungen im Gang und feixt dann über ein Foto, das ihm Boxer-Kollege Karo Murat auf dem Smartphone zeigt. Zu sehen: Cruisergewichts-Weltmeister Marco Huck am Strand. Beide sind sich einig: der alte Angeber hat das Foto schon ganz oft gepostet. Immer das gleiche. „Er will uns ein bisschen neidisch machen, weil er Urlaub hat“, sagt Murat, der Mitte September in den USA (vermutlich in New York) um den WM-Titel im Halbschwergewicht gegen die amerikanischen Boxlegende Bernard Hopkins kämpfen soll.

Abraham hat keinen Urlaub, sollte er neidisch sein, dann nicht auf seinen Kumpel Marco Huck. „Lass uns gleich reden, dann kann ich noch ein bisschen vom Laufen relaxen“, sagt er, schnappt sich eine Flasche Wasser und schaut sein Gegenüber mit großen dunklen Augen an. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, findet so eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz.

Schonungslose Analyse des geschlagenen Boxers

Der 33 Jahre alte Berliner ist durch und durch Profi. Und er weiß, dass seine Position, wenn es um seinen Sport geht, momentan eher der eines Boxers ähnelt, der mit dem Rücken am Ringseil lehnend den Angriff eines Gegners erwartet. Der kommt in Form der Frage, warum er bei seinem zweiten WM-Duell mit dem Magdeburger Robert Stieglitz Mitte März 2013 so signifikant anders, fast lethargisch, geboxt habe, verglichen zu seinem Sieg im August 2012. Die Antwort: „Weil ich im Kopf nicht fit war, weil ich einen schlechten Tag hatte, weil ich es einfach nicht fertig gebracht habe, Stieglitz etwas Ordentliches entgegenzusetzen.“ Viel präziser und vor allem ehrlicher geht es nicht. Das klang direkt nach dem Duell noch ein wenig anders.

Doch die schmerzhaft gewonnene und mit dem Titelverlust verbundene Einsicht – Abraham konnte zur vierten Runde wegen seines zugeschwollenen linken Auges nicht mehr antreten – hat das Selbstverständnis des einstigen Schlumpf-Boxers und späteren „König Arthur“, der bessere Faustkämpfer der beiden zu sein, nicht angekratzt. „Ich will gegen ihn noch einmal boxen. Es steht eins zu eins, jeder hat einen Kampf gewonnen.“ Das klingt nicht nach Hoffnung oder Bitte, das klingt nach einer Forderung. Und Abraham legt nach: „Ich bin ein Spätstarter, ich glaube, ich hätte ohne die Augenprobleme noch durch K.o. gewonnen.“ Dafür dürfte er nur wenig Zustimmung finden.

Finanziell für die anderen Weltmeister nicht lukrativ

Arthur Abraham wird Geduld brauchen. Robert Stieglitz verteidigt heute in Dresden seinen Titel gegen den hierzulande unbekannten Japaner Yuzo Kiyota. Und der 31-jährige Champion ist sich seiner guten Stellung bewusst. „Arthur muss sich einen dritten Kampf gegen mich erst einmal verdienen. Ich bin eigentlich ziemlich sicher, dass er nach seiner Niederlage gegen mich zerbrochen ist. Ich habe Verzweiflung in seinen Augen gesehen.“ Starke Worte des außerhalb des Rings eher introvertierten Titelverteidigers. Der Vollständigkeit halber: Abraham hält den Japaner für eine überschätzte „Null“. Fest steht: Stieglitz wird um eine erneute Begegnung mit Abraham wohl nicht herumkommen. Kaum ein problemlos zu arrangierender Kampf ist so lukrativ wie Stieglitz–Abraham III.

Genau da liegt die Achillesferse des Magdeburgers. Er ist für die anderen Weltmeister im Supermittelgewicht finanziell nicht lukrativ. Sowohl Stieglitz als auch Abraham droht bei einer Niederlage in Kampf Nummer drei das Ende der Karriere. Das verunsichert beide. Sie drücken es aber sehr unterschiedlich aus. Stieglitz ist schon deshalb ein etwas untypischer Profiboxer, weil er nicht immer die üblichen Sprüche klopft. Auch vor seinen nächsten Gegnern zeigt er Respekt. „Der Japaner ist ein sehr offensiver Fighter. Manchmal wirkt das wie ein Kamikaze-Stil, da muss ich gewaltig aufpassen.“

Berliner steht unter Zugzwang

Als einigen Boxfans zuletzt einen Kampf gegen den wiedererstarkten Felix Sturm (Köln) forderten, der nach seinem Sieg über Predrag Radosevic zurück auf den Thron drängt, blieb Stieglitz besonnen: „Felix ist Mittelgewichtler, ich boxe im Supermittel. Ich glaube nicht, das er wechseln will. Und ich will nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen. Wenn ich meinen Titel verteidigt habe, können wir über alles reden.“ Alles heißt in diesem Fall aber eher Abraham statt Sturm. Allerdings nur, wenn der Berliner seinen für den 24. August in Schwerin angesetzten Aufbaukampf gegen Wilbeforce Shilepo aus Namibia gewinnt.

Auf dem Weg zur Dusche sagt Arthur Abraham: „Es gibt nichts, was ich so liebe wie das Boxen. Sonst würde ich das ja nicht mehr machen. Alles andere ist dagegen nur eine normale Arbeit. Ich werde mir meinen Titel wiederholen.“ Er bringt das ganz gelassen und überzeugend vor. Ober auch wirklich so fühlt, weiß nur er.