Triathlon

Warum Topathlet Raelert gern ein „positiver Freak“ ist

Nach anfänglicher Skepsis hat sich Michael Raelert inzwischen mit seiner neuen Heimat Berlin angefreundet. Der Triathlon-Star startet am Sonntag bei der EM in Frankfurt. Sein großes Ziel aber ist Hawaii.

Foto: Reto Klar / Jörg Krauthöfer / Reto Klar

Natürlich war die Nachricht des geschrumpften Berlins, die der Zensus ans Licht brachte, keine gute. Dass in Berlin mit 3,29 Millionen fast 180.000 Einwohner weniger leben als angenommen, bereitet vor allem Finanzsenator Ulrich Nußbaum Kopfzerbrechen. Mag die Hauptstadt sich in der Masse leicht verschlankt haben, so hat sie aber in der Qualität auf jeden Fall hinzugewonnen.

Zumindest in einem ganz speziellen Fall, durch einen jungen Mann, der sich höchste Ziele setzt, keine Qualen scheut, einen, der sich durchbeißt, extrem ehrgeizig, fleißig und ein Siegertyp ist. Seit Oktober 2012 wohnt Michael Raelert in der Stadt, er ist Triathlon-Profi, Weltmeister der Jahre 2009 und 2010 und war 2010 und 2012 zudem noch Europameister.

Zudem hat Berlin einen neuen Mitbürger, der sein Wort hält. Einstmals hatte Raelert seiner Freundin Mona, die er noch als Student der Politik in der Rostocker Uni-Bibliothek kennengelernt hat, versprochen, ihr notfalls auch nach Berlin zu folgen, wenn es daran gehe, in eine Großstadt zu ziehen. Als bei ihr der Moment einer beruflichen Veränderung kam, wurde er bezüglich seines Versprechens „festgenagelt“ und der Möbelwagen bestellt.

Skeptischer Blick auf Berlin

Bereut habe er diesen Liebesbeweis schon im nächsten Augenblick, „sehr skeptisch“ habe er Berlin gesehen. „Die Anonymität in dieser Stadt, in der so viele Menschen auf einem Fleck wohnen“, störte ihn anfangs. Sein Lebensgefühl als Neu-Berliner beschreibt er in etwa so: „Du wirst überfahren, liegst auf der Straße und alle machen einen Bogen um dich und fragen, was liegt der denn da?“ Eine Momentaufnahme.

Denn glücklicherweise dauerte es nicht lange, bis der Welt- und Europameister „positiv überrascht“ und von Berlin „angetan“ war. Eine erste Visitenkarte hat der 32 Jahre alte Neu-Berliner mit seinem Sieg bei der Premiere des Berliner Ironmans 70.3 gegeben. An diesem Sonntag (10 Uhr, HR3) hat er beim Ironman-EM in Frankfurt noch Größeres vor, will sich über die doppelt so lange Distanz für den Saisonhöhepunkt am 12. Oktober 2013 auf Hawaii qualifizieren.

Erklärt man die Distanz eines Ironmans mit den Begrifflichkeiten eines Berliner Reisenden, sähe das in etwa wie folgt aus: Sie schwimmen vom Pariser Platz 3,86 Kilometer gen Westen, bis kurz vor den Ernst-Reuter-Platz, fahren dann mit dem Rad die Bismarckstraße und den Kaiserdamm hoch, auf die Avus, und über den Berliner Ring auf die Autobahn A2. Nach 180,2 Kilometern stellen sie ihr Rad an der Ausfahrt Helmstedt ab und laufen noch 42,195 Kilometer bis in die Stadtmitte von Wolfsburg. Und sollten dann deutlich mehr als acht Stunden verstrichen sein, wären sie enttäuscht.

Ein Raelert kommt selten allein

Zumindest wäre Raelert enttäuscht, der eine wie der andere, denn: Vorsicht, wie bei den Klitschkos im Boxring gibt es die Weltklasse-Triathleten als „Raelert Brothers GmbH“ gleich im Doppelpack. Michaels um vier Jahre älterer Bruder Andreas, den es nicht von Rostock nach Berlin zog, gewann Ende Juni gerade erst den Austria Ironman in Klagenfurt und 2011 kam Michaels großer Bruder in Roth nach 7:41:33 Stunden ins Ziel. Schneller war vor und auch nach ihm noch keiner.

Einen Tagesausflug wie den oben beschriebenen per Muskelkraft in einer solchen Zeit absolvieren kann nur jemand, der trainiert, trainiert und noch mal trainiert. Schwimmen, Radfahren, Laufen und dann wieder von vorn. Man brauche vielleicht ein gewisses Talent, aber Triathlon sei „zu allererst eine Fleißsportart, die jeder Mensch auf der Welt betreiben kann“, sagt Raelert, der jüngere. Alles, was man brauche, seien Disziplin und vor allem Zeit.

„Wenn man das leistungsorientiert macht, muss man drei- bis viermal am Tag trainieren und zusätzlich noch etwas für seine Athletik tun“, erzählt der Neu-Berliner. Ein normaler Trainingstag sähe in etwa so aus: „vier bis fünf Stunden auf dem Rad, mindestens zwei Stunden laufen und anderthalb Stunden schwimmen., also immer so zwischen sechs und neun Stunden. Da sind Duschen oder die Anfahrten nicht dabei. Da denken jetzt viele bestimmt ‚Wow‘, aber man gewöhnt sich dran. Vor allem Wochenende, wenn meine Freundin frei hat, gibt es schon den Wunsch nach mehr Zweisamkeit, aber sie hat dann auch Verständnis, dass ich so hart trainieren muss.“

„Triathleten sind positive Freaks“

Ob irgendjemand auf der Welt die Begeisterung für seinen Sport, die bei jedem Wort Raelerts mitschwingt, noch toppen kann, ist zumindest fraglich. Er sagt Sätze wie: „Laufen war einmal, Triathlon boomt, es ist das neue Abenteuer, das direkt vor der Haustür passiert.“ Oder noch so ein Satz voller Überzeugung: „Triathlon ist keine Ansammlung von drei Sportarten, sondern eine eigene Disziplin und auch so eine Art Lebensziel. Triathleten sind positive Freaks und wir betreiben auch auch keine Individualsportart. Wenn die Familie nicht mitspielt und dahintersteht, läuft einem die Frau weg und die Kinder erkennen nicht mehr ihren Vater.“

Das große WIR hinter dem einen, der krault, strampelt und rennt, kann man in jedem Zielraum dieser Welt beobachten. Jeder freut sich mit dem anderen und es wird rundum gratuliert, es geschafft zu haben – wie zuletzt beim Berliner Ironman steinreiche Scheichs oder ein Formel-1-Star wie Jenson Button. Sie alle eint die Erfahrung, „auf der Strecke körperlich und geistig so große Schmerzen überstanden zu haben, dass einem im richtigen Leben nicht mehr viel passieren kann“, wie es der Formel-1-Weltmeister von 2009 ausdrückte.

Das Ziel: viele kleine Zwischenziele

Bloß wie macht man das, irgendwo bei Kilometer X oder Y? „Da kommt die gleiche Antwort wie von jemandem, der den ganzen Tag am Computer sitzt. Man konzentriert sich auf das, was man macht“, sagt Raelert. „Der Sport ist zwar körperlich anstrengend, aber im Wettkampf ist die mentale Belastung die härtere. Danach bin ich körperlich verhältnismäßig schnell regeneriert, aber mental noch viel länger total ausgebrannt.“

Die Kunst sei, sich auf dieser langen Distanz viele kleine Zwischenziele zu setzen und immer daran zu denken, dass das Ziel mit jedem Schritt näher kommt. Den entschiedenen Unterschied mache oft die größere mentale Stärke. „Es kommt ja auch Langeweile auf und Phasen, in denen man völlig die Lust verliert. Wer durch diese Löcher am besten durchkommt, ist oftmals der erfolgreichste Sportler und bei weitem nicht immer der physisch stärkste“.