Weltmeisterschaft

Speed Badminton - ein Sport, den es ohne Berliner nicht gäbe

Speed Badminton existiert erst seit zehn Jahren. Die Mischung aus Tennis, Badminton und Squash würde es ohne die Berliner nicht geben. Im Tennisstadion in Grunewald findet die Weltmeisterschaft statt.

Foto: Frithjof Kjer

Was würde wohl Steffi Graf dazu sagen, wenn sie wüsste, was hier gerade in diesem Stadion stattfindet, das Mitte der Neunziger für 20 Millionen Mark ausgebaut wurde und ihren Namen trägt? Da stehen sich zwar wie früher beim LTTC Rot-Weiß zwei Spieler gegenüber, die sich mit Schlägern einen Ball vor die Füße prügeln. Aber aus den Lautsprecherboxen dröhnt dabei laute Musik. Und auch sonst ist nichts, wie es mal war am Hundekehlesee.

Es gibt keine Tennisbälle, statt dessen „Speeder“, die Federbällen ähnlich sehen. Die Spielfelder sind Quadrate mit einer Seitenlänge von 5,50 Metern. Sie sind 12,80 Meter voneinander entfernt, aber nicht durch ein Netz getrennt. Der Ball wird deshalb gern flach gehalten und scharf geschossen, hin und her in einem Affentempo, immer ins Quadrat des Gegners. Das Publikum ist laut, am Freitag sind rund 400 Schulkinder da, die hörbar ihren Spaß haben. Stören tun sie niemanden, wir sind ja nicht beim Tennis, sondern beim Speed Badminton.

Die idyllische Anlage am Rande des Grunewalds ist noch bis Samstagabend zum zweiten Mal nach 2011 Schauplatz der Weltmeisterschaften in einer Sportart, die Elemente aus Tennis, Badminton und Squash in sich vereint. Es gibt sie erst seit gut zehn Jahren.

Das zeigt sich an manchen Dingen. Wer sich etwa verabredet hat mit dem Präsidenten der Internationalen Speed Badminton Organisation (ISBO), darf sich nicht wundern, wenn ihm der höchste Funktionär des Verbandes leicht verschwitzt und in Sportkleidung gegenübertritt. René Lewicki (29) ist zugleich Spieler, einer der besten der Welt.

Soeben hat er einen Norweger vom Feld gefegt, glatt in zwei Sätzen. Er startet in der Offenen Kategorie und hofft, bis ins Halbfinale vorzudringen. Sogar während seiner Spiele kommt es schon mal vor, dass er kurz organisatorische Dinge klären muss. Dann wird eben rasch eine Pause eingelegt. Take it easy, nimm’s locker. Die Zuschauer betrachten es entspannt aus Liegestühlen.

Im Speed Badminton wirkt alles noch wie in einer großen Familie. Mit Familiensitz Berlin. Hier kam 2001 der Kreuzberger Bill Brandes auf die Idee, einen schwereren Federball, den Speeder, zu entwickeln, damit der Wind nicht mehr so beim Spielen stört. Ebenfalls von Kreuzberg aus betreibt die Speedminton GmbH ihr Geschäft, sie hat die Sportart weiterentwickelt und versorgt ihre weltweit stetig wachsende Fan-Gemeinde mit Equipment, Schlägern, Bällen. Offenbar kann sie davon recht gut existieren. Nicht nur, dass sie die fünf einzigen Profis bezahlt, die es in dieser Sportart bereits gibt. Das Geschäft soll erweitert werden. Lewicki bricht in Kürze für die Firma nach Kalifornien auf, um dort die Basis dafür zu schaffen, den amerikanischen Markt zu erobern.

Es gibt nur 7000 Spieler weltweit

Die Capital Gekkos, mit 120 Mitgliedern der größte Verein Deutschlands und einer von vieren in Berlin, haben ihren Stammsitz ebenfalls in Kreuzberg. Genau wie der deutsche Verband (DSBV). Dessen Präsident ist seit April Daniel Gossen, auch er ist Profi. Alles scheint miteinander verknüpft. Mit Jennifer Greune gewann Gossen am Donnerstag den Mixed-Titel. Im Doppel scheiterte er an der Seite von Lewicki allerdings als Titelverteidiger gestern bereits im Halbfinale. Es ist noch eine überschaubare Welt bei dieser Weltmeisterschaft.

Doch sie soll wachsen. Und auf mehr Schultern verteilt werden. Noch einmal möchten die Berliner nicht die WM ausrichten. Kosten- und Personalaufwand sind heftig für den Trendsport; der Etat beträgt gut 100.000 Euro, 70 Volunteers kümmern sich drei Tage lang um die Veranstaltung. „Es wäre sinnvoll“, sagt Lewicki, „wenn das mal ein anderer Verband hinbekäme.“

In 43 Ländern wird mittlerweile Speed Badminton gespielt, rund 2000 Akteure nehmen regelmäßig am Turnierbetrieb teil. Die Besten kommen aus Schweden, Deutschland, den osteuropäischen Ländern. Aber in Berlin sind auch Exoten am Start, zum Beispiel aus Puerto Rico oder von der Insel Mauritius. Insgesamt nennt der internationale Verband rund 7000 Spieler als Zahl, die Marke von 10.000, wünscht sich Lewicki, „soll bald geknackt werden“. 2017 finden die World Games, die Spiele der nicht olympischen Sportarten, in Polen statt. Dort will Speed Badminton dann dabei sein.

Ein weiteres großes Ziel ist die Verbesserung der Jugendarbeit. Die Sportart hat wohl den Vorteil, dass sie quasi überall gespielt werden kann, ob in einer Halle, auf einer Wiese, am Strand oder wie jetzt auf einer Tennisanlage. Bei der WM werden auf 30 Plätzen die Weltmeister in zwölf Konkurrenzen ermittelt. Viele, die Speed Badminton spielen, kamen vom Tennis oder Badminton.

Ein Drittel der Spieler sind Jugendliche

Doch dieser Zustrom versiegt irgendwann, fürchtet Daniel Gossen. „Jetzt müssen wir den Fokus auf den Nachwuchs richten. Sonst stirbt die Sportart wieder aus.“ Im vergangenen Jahr wurden deshalb 26 Trainer ausgebildet, es gibt Kooperationen mit Sportlehrern an Schulen. Langsam geht es vorwärts, aktuell sind ein Drittel der 1000 Spieler in Deutschland Jugendliche. Aber von wirklich professionellen Strukturen kann noch kaum die Rede sein. Auch nicht bei der WM, dem Wettkampf der Besten. „Bisher gibt es keine Qualifikation“, sagt Gossen, „alle dürfen mitmachen, wenn sie Mitglied in einem Verein sind.“

Was sagen eigentlich die Rot-Weiß-Mitglieder dazu, die einige Tage lang auf ihre Plätze verzichten müssen? „Och“, erzählt Lewicki, „als ich hier gestern auf die Anlage kam, hat mir eine ältere Dame auf die Schulter geklopft und sich darüber gefreut, dass mal wieder so viele junge Leute auf der Anlage sind.“ Dass Steffi Graf oder ihre Nachfolgerinnen eines Tages mit einem großen Turnier zurückkehren könnten, damit rechnet hier ohnehin kaum jemand mehr.

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