Nachwuchs

Schwimmer haben mit Selina Hocke einen neuen Liebling

Die 16 Jahre alte Berlinerin Selina Hocke ist die größte Entdeckung der Deutschen Schwimm-Meisterschaften. Für die erkrankte Britta Steffen bleibt der Weg zur WM offen.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Die motivierten Talente machen Hoffnung, der überragende Steffen Deibler weckt sogar Medaillenhoffnungen für die Weltmeisterschaften: Henning Lambertz erlebte bei seinem Einstand als Schwimm-Bundestrainer dennoch ein Wechselbad der Gefühle.

Eigentlich liefen die 125. Deutschen Meisterschaften in Berlin ganz nach Wunsch – wenn da nicht der spektakuläre Startverzicht der Weltrekordlerin Britta Steffen gewesen wäre. Dieser Schock trübte die ansonsten gute Bilanz mit 21 DSV-Athleten, die die Norm für die Weltmeisterschaften in Barcelona (19. Juli bis 4. August 2013) erfüllten.

Für einen Paukenschlag in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee sorgte am abschließenden Sonntag der Olympiavierte Steffen Deibler aus Hamburg mit seinem Sieg über 100 m Schmetterling in deutscher Rekordzeit (51,19 Sekunden) samt Sprung auf Platz eins der Weltjahresbestenliste. Bei den Sommerspielen in London wäre Deibler mit dieser Zeit sogar schneller als Michael Phelps beim Olympiasieg (51,21) gewesen. "Sensationell! Heute habe ich mich selbst überrascht", sagte der Hamburger. "Das war sauschnell, schneller als Phelps – das macht Spaß!"

Deibler schneller als Phelps

Deibler, mit vier Siegen erfolgreichster Starter, sorgte so für den zweiten deutschen Rekord der Titelkämpfe. Den ersten hatte Yannick Lebherz über 400 Meter Lagen aufgestellt. Über diese Strecke schwamm Lebherz ebenso wie über 200 Meter Rücken in die aktuelle Top 3 der Welt. Dorthin schaffte es auch die nach Olympia nach Essen gewechselte Berlinerin Dorothea Brandt durch ihren Sieg über 50 Meter Freistil.

"Insgesamt bin ich zufrieden, aber leider gab es den Wermutstropfen durch Britta Steffens Erkrankung", bilanzierte Lambertz. Um nach Paul Biedermann (Halle), der wegen seines Trainingsrückstandes erst gar nicht bei den Meisterschaften angetreten war, nicht auch noch dessen Lebensgefährtin für die WM zu verlieren, will Lambertz die Frage der Nominierung bei Steffen "wohlwollend" prüfen. Der Handlungsspielraum ist da, zumal sich über 100 Meter Freistil nur Daniela Schreiber für einen Einzelstart qualifizierte. Über 50 Meter Freistil ist für die Olympia-Vierte und Neu-Hallenserin dagegen kein Platz mehr frei. Sie selbst mochte sich nicht äußern.

Enttäuschte Steffen

"Natürlich ist Britta enttäuscht, aber die Gesundheit geht vor", sagte ihr Freund Biedermann: "Für uns beide kommt es richtig dicke. Wir definieren uns über den Sport, wenn dann Krankheiten dazwischenkommen, ist das sehr bitter."

Während die beiden Topstars schwächeln, setzten einige junge Athleten Ausrufezeichen. Lambertz' Maßnahme, die WM-Normen aus Motivationsgründen deutlich zu entschärfen, ging somit auf: "So habe ich mir das vorgestellt: Die zweite Reihe sieht ihre Chance und greift zu."

So wie Selina Hocke, die größte Entdeckung dieser Titelkämpfe. Die 16-Jährige sicherte sich in ihrer Heimatstadt die Titel über 50 und 200 Meter Rücken und das WM-Ticket. Am Sonntag wurde sie zwei Hundertstelsekunden hinter Jenny Mensing dann noch einmal Zweite über 100 Meter Rücken. "Ich bin total überwältigt", sagte Hocke und vergoss Tränen der Freude. Lambertz bescheinigte der Newcomerin eine "irre Leistung" und meinte: "So ein Sonnenscheinchen, da muss man einfach mitlachen."

Verbessert um Sekunden

Hocke, die als Erstklässlerin mit dem Schwimmen begann und ab der fünften Klasse die Eliteschule des Sports in Hohenschönhausen besucht, stieg zum neuen Liebling auf, nachdem sie ihre Rücken-Bestzeiten gleich um Sekunden verbessern konnte. "Diese Tage sind unglaublich für mich. Es war ziemlich krass, dass plötzlich Leute, die ich nicht kannte, mir gratulierten." Künftig will sie nun auch etwas Medienarbeit üben. "'Keine Ahnung' hatte ich anscheinend den ganzen Tag lang. Das Interviewgeben sollte ich wohl noch üben", postete sie voller Selbstironie via Facebook.

Dass die Zehntklässlerin, die unweit ihrer Trainingsstätte in Weißensee wohnt, viel Potenzial besitzt, ist Experten schon seit langem bekannt. Hocke knackte bereits mehrfach Altersklassenrekorde und schrammte bei den Jugend-Europameisterschaften 2012 zweimal nur knapp an einer Medaille vorbei. "Selina ist mental wirklich aufgeräumt und weiß genau, was sie will. Sie kann sich auch in den wichtigen Situationen auf die entscheidende Sache konzentrieren. Das Entscheidende: Sie kann ihre Leistung im richtigen Moment abrufen", lobte Landestrainer Harald Gampe seinen Schützling.

Wenig Hoffnung für Barcelona

Gewiss, mit Blick auf die Weltmeisterschaften im Sommer in Barcelona gilt die junge Berlinerin noch nicht als große Medaillenhoffnung. Dafür ist es noch zu früh. Aber schon ein Jahr später bei den Heim-Europameisterschaften 2014 in Berlin könnte das anders sein. Ganz zu schweigen von den Olympischen Spielen 2016 in Rio. Und so jemanden wie Selina Hocke könnte der deutsche Schwimmsport gut brauchen: jung, extrem talentiert und herrlich erfrischend.

Wichtig wäre nun, das Talent behutsam aufzubauen. Und das ist bei einer Weltmeisterschaft nicht einfach. "Da müssen wir von der Ferne zusammen arbeiten. Das ist vielleicht nicht ganz unkompliziert, weil sie ja noch sehr jung ist", sagt Trainer Gampe. "Sie dort ins kalte Wasser zu werfen – da müssen wir uns noch eine Lösung einfallen lassen. Sie kennt die internationale Bühne, ganz unerfahren ist sie nicht mehr. Aber eine WM ist immer noch etwas anderes."

Sicher wird dafür eine gute Lösung gefunden, zumal die Stimmung im Team nach dem Null-Medaillen-Debakel von Olympia dieser Tage deutlich anstieg. Auch zwischen Lambertz und Sportdirektor Lutz Buschkow herrscht Harmonie. Mit Lambertz' Vorgänger Dirk Lange war Buschkow in Kompetenzfragen oft aneinander geraten. "Henning bringt gute Stimmung und neuen Schwung ins Team", lobte Buschkow, stellte aber auch klar: "Der Maßstab ist die WM."

Großes Team mit wenigen Chancen

Jeweils rund zwei Dutzend Athleten entsandte der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) zu den Weltmeisterschaften in Rom (2009) und Shanghai (2011) sowie nach London (2012). 21 Sportler erfüllten die im Vergleich zu den Vorjahren leichteren Einzelnormen, mit zusätzlichen Staffel-Startern wird der Kader nun ähnlich groß wie in den vergangenen Jahren sein. "Wir haben gesehen, dass unsere Schwimmer angreifen", sagte Buschkow. Nach dem medaillenlosen Auftritt in London darf der DSV allen Hoffnungssch(w)immern zum Trotz aber noch längst keine rauschende WM in Spanien erwarten. Edelmetall muss dann aber spätestens bei den Heim-EM 2014 in Berlin her.

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