Traum Bundesliga

Ein Talent wie Götze, nur ohne das nötige Glück

Sergej Evljuskin sollte werden, was Mario Götze heute ist: ein früh Gelobter, der es in die Nationalelf schafft.

Foto: HARALD THIERLEIN

Am Freitagabend sitzt Sergej Evljuskin im zugigen Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam-Babelsberg und friert. Testspiel des Drittligisten SV Babelsberg 03 gegen Partizan Minsk aus der zweiten weißrussischen Liga. Die Ersatzspieler brauchen Spielpraxis. Evljuskin schaut zu. Nebenan in den Kneipen läuft das WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Kasachstan.

Die Gäste sehen drinnen, wie Mario Götze das 2:0 für Deutschland erzielt. Draußen sieht Sergej Evljuskin, wie seine Teamkollegen Partizan mit 8:0 auseinander nehmen. Götze und Evljuskin in zwei unterschiedlichen Welten. Der eine Name klingt nach Superstar. Der andere nach Provinzkicker. Dabei gab es eine Zeit, in der beide Namen den gleichen, vielversprechenden Nachklang hatten: Der wird mal einer.

98 Tore in einer Saison

Die Geschichte des Sergej Evljuskin ist eine dieser Nachwendegeschichten, die mit wenig mehr als Hoffnung beginnen: Als er zwei Jahre alt ist, verlassen seine Eltern mit den vier Kindern die Sowjetunion auf der Suche nach einem besseren Leben in Braunschweig. Der Vater arbeitet als LKW-Fahrer, die Mutter verdient mit Gelegenheitsjobs Geld dazu.

Die Bundesrepublik begrüßt die Neuankömmlinge 1990 als Fußball-Weltmeister. Es ist die Hochzeit des deutschen Fußballs, der sich der Illusion hingibt, durch die Wiedervereinigung nunmehr auf Jahre hinaus unbesiegbar zu sein. Es sollte anders kommen, und bald beschließt der Deutsche Fußballbund (DFB), mit einem neuen Nachwuchskonzept die Ära der „Rumpelfüßler“ zu überwinden.

Evljuskin lernt das Fußballspielen beim Braunschweiger SC. Sein Talent fällt früh auf. In der C-Jugend schießt er als Mittelfeldspieler 98 Tore in einer Saison. Er wechselt in die B-Jugend des Bundesligaklubs VfL Wolfsburg.

Dort trifft er auf den aufstrebenden Jugendtrainer Peter Hyballa – zwei Gleichgesinnte, die den Traum von der Bundesliga teilen. „Sergej war wirklich ein außergewöhnlicher Spieler“, erinnert sich Hyballa. Er habe schon früh sehr erwachsen gespielt und für jedes Problem im Spiel die richtige Lösung parat gehabt, sagt der 37-Jährige, der heute den österreichischen Erstligaklub Sturm Graz trainiert. „Ich habe immer gedacht: Der Sergej, der wird es in der Bundesliga packen“, sagt Hyballa.

Zweimal gewinnt Evljuskin die goldene Fritz-Walter-Medaille

Auch der DFB sieht in Evljuskin früh einen Hochbegabten und nominiert ihn 2003 für die U15-Jugendnationalmannschaft. Schnell wird er dort Mannschaftskapitän und bleibt es fortan bis hoch in die U19, wo er mit den heutigen A-Nationalspielern Mesut Özil (Real Madrid) und Jerome Boateng (FC Bayern) zusammenspielt.

Mitte der Nullerjahre erfindet der DFB eine Auszeichnung für die besten Jugendspieler des Landes. Die Fritz-Walter-Medaille in Gold, Silber und Bronze wird seither jährlich in den Altersklassen U17, U18 und U19 verliehen. Der Torwart des FC Bayern, Manuel Neuer, taucht auf der Liste der Preisträger auf – auch Lars Bender (Bayer Leverkusen), Toni Kroos (FC Bayern) und Julian Draxler (Schalke 04).

Nur zwei Talente aber schafften es, die goldene Fritz-Walter-Medaille gleich zweimal zu gewinnen: Mario Götze (2009 und 2010) und eben jener Sergej Evljuskin (2005 und 2006). Während der eine heute Tore für die Nationalelf schießt und mit Borussia Dortmund um den Einzug ins Halbfinale der Champions League spielt, kämpft der andere mit dem SV Babelsberg 03 gegen den Abstieg aus der Dritten Liga. Zwei Karrieren, die lange ähnlich verliefen, irgendwann aber entgegengesetzte Richtungen einschlugen.

Mit Felix Magath kommt der Bruch

Evljuskin sitzt in einem kleinen Café in Potsdam-Babelsberg. Er wirkt jugendlich und erwachsen zugleich. Er hat viel erlebt und ist dennoch erst 25 Jahre alt. Wenn er über die Fritz-Walter-Medaille spricht, glänzen seine Augen. „Atemberaubend“ sei das damals gewesen. „Ich war stolz und habe natürlich gedacht: Jetzt ist es nicht mehr so weit bis zum Profifußball.“

Und zunächst sieht es tatsächlich danach aus, als befände sich Evljuskin beim VfL Wolfsburg im Höchsttempo auf dem Weg in die Bundesliga. Im Verein nennen sie ihn „Kaiser“, weil auch der echte „Kaiser“ Franz Beckenbauer gleichzeitig Kapitän im Klub und der Nationalelf war wie er. Klaus Augenthaler, Wolfsburgs Cheftrainer, stattet ihn mit einem Profivertrag aus.

Doch im Sommer 2007 wird Augenthaler wegen Erfolglosigkeit entlassen. Felix Magath übernimmt und kauft in den beiden Jahren seiner ersten Amtszeit in Wolfsburg 27 neue Spieler. „Das war für mich der Bruch“, sagt Evljuskin. Plötzlich trainiert er nicht mehr bei den Profis. Der eigene Nachwuchs ist bald nur noch Füllmasse, wenn die Nationalspieler zu den Länderspielen reisen. Doch noch gibt Evljuskin die Hoffnung nicht auf. Angebote aus Hannover, Bremen, Leverkusen und Freiburg schlägt er aus.

Wolfsburg gewinnt 2009 überraschend die Deutsche Meisterschaft. Evljuskin hat keinen Anteil daran und spürt, dass er den Klub nun doch verlassen muss, um neu anzufangen. „Vielleicht“, sagt er heute, „hätte ich viel früher gehen müssen. Vielleicht war ich zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Das Muster wiederholt sich, als Evljuskin 2010 den Absprung vom VfL nehmen will. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Hyballa soll 2010 Trainer bei Rot-Weiss Essen in der Regionalliga-West werden und möchte Evljuskin in seiner Mannschaft haben. „Essen hatte große Ambitionen, und ich wollte unbedingt weiter mit Hyballa arbeiten“, sagt Evljuskin. Wieder schlägt er andere Angebote aus. Als der Vertrag schon unterschrieben ist, geht der Verein insolvent. „Plötzlich stand ich ohne Klub da“, sagt Evljuskin.

Der Drittligist Hansa Rostock verpflichtet ihn. Mario Götze gelingt in dieser Spielzeit der Durchbruch beim BVB in der Bundesliga. Er wird Deutscher Meister und der englischen Spitzenklub FC Arsenal bietet im Sommer vergeblich 40 Millionen Euro Ablöse. Zur selben Zeit sitzt Evljuskin in Mecklenburg zumeist nur auf der Bank und bittet am Ende der Saison um eine Ausleihe nach Babelsberg.

Er fragt sich, was falsch gelaufen ist. Die Angst, dass die eigene Karriere in Rostock versanden könnte, treibt ihn an, und nun wiegt die Fritz-Walter-Medaille schwer, mit der so viel Erwartung verknüpft war.

Götze und Evljuskin sind ähnliche Typen

Peter Hyballa überlegt lange, warum es trotz der vielversprechenden Ausgangslage für Evljuskin dennoch nicht bis in die Bundesliga gereicht hat. Dass es ein früh Gelobter schaffen kann, hat er selbst erlebt. Denn nach Evljuskin in Wolfsburg trainierte er auch Götze in der U19 des BVB. „Beide sind ähnliche Typen“, sagt Hyballa. Eher ruhig, charakterlich stark und sehr intelligent.

„Mario hatte aber das Glück, dass man ihn in Dortmund einfach ins kalte Wasser geworfen hat. Das hatte Sergej in Wolfsburg eben nicht.“ Bei Götze war sich Hyballa sicher: „Wenn der kein Star wird, dann weiß ich gar nichts mehr“. Ähnlich ging es ihm mit Evljuskin. „Vielleicht“, sagt Hyballa heute, „war Sergej einfach zu freundlich und nett, als es darum ging, sich beim VfL durchzusetzen“.

Profifußball sei eben „knallhart und manchmal nicht gerecht“. Dann hält er kurz inne: „Du brauchst als junger Spieler unglaublich viel Glück. Es ist nicht nur ein Schritt, es sind Hunderte. Für Sergej hat es nicht ganz bis nach oben gereicht. Aber vielleicht kommt das ja noch.“

„Stell dir vor, du könntest jetzt auch dort stehen.“

Dass er noch einmal in der Bundesliga spielen wird, glaubt Evljuskin nicht mehr: „Man muss realistisch bleiben“, sagt der 25-Jährige. Er hat seinen Frieden gemacht. Nach der Ausleihe hat ihn Babelberg fest verpflichtet und setzt im Kampf um den Klassenerhalt auf Evljuskin im defensiven Mittelfeld. Wenn er Götze, Özil und Boateng heute in der Nationalmannschaft spielen sieht, denkt er manchmal: „Stell dir vor, du könntest jetzt auch dort stehen.“

Doch wehmütig ist es nicht. „Sie haben es sich verdient“, sagt er. Zum Traum von der Bundesliga gehört auch das Scheitern auf halbem Weg. „Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen und meine Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen“, sagt Evljuskin. Er hofft, irgendwann noch einmal in der Zweiten Liga spielen zu dürfen. „Wer weiß. Im Fußball geht es manchmal schnell – nach oben und nach unten. Das habe ich ja selber erlebt.“

In seiner Wohnung hat sich Sergej Evljuskin in großen Buchstaben einen Spruch an die Wand gehängt. Dort steht: „Auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.