Doping

Nach Pechstein-Urteil droht eine Flut von Sperren

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Jörg Winterfeldt

Foto: dpa/DPA

Das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs im Dopingfall Claudia Pechstein könnte zu einer Flut von weiteren Anklagen und Verurteilungen führen. Das glaubt Gian Franco Kasper, Präsident des Ski-Weltverbandes. Der Verband habe eine schwarze Liste mit Sportlern, bei denen es Veränderungen gebe.

Niemand kann verlangen, dass Claudia Pechstein, 37, die grundsätzliche Bedeutung ihres Falles würdigt. Es braucht die Fähigkeit zum Tunnelblick auf das Ich, um Eisschelllauf-Weltmeisterin zu werden und mit fünfmal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze zu Deutschlands erfolgreichster Winterolympionikin aufzusteigen.

Eng betrachtet befinden ab Donnerstag drei Richter am Weltsportgerichtshof Cas in Lausanne nur über ihre Karriere: Pechstein war vom Eislaufweltverband ISU im Juli wegen erhöhter Blutwerte für zwei Jahre gesperrt worden. „Der Fall lässt keinen Raum für Optimismus: Entweder unser Verband verliert oder wir verlieren unsere fünfmalige Olympiasiegerin. Egal, wie das Urteil ausfällt: Ich werde nicht glücklich sein“, klagt der Präsident der ISU, Ottavio Cinquanta, gegenüber der „Welt am Sonntag“: „Für uns gibt es so oder so nichts zu feiern. Wir sind als Verband gehalten, die olympische Charta zu respektieren: Dazu zählt der Antidopingcode. Genau das haben wir getan.“

Tatsächlich steht viel mehr auf dem Spiel als Pechsteins Schicksal. Die auf unschuldig plädierende Athletin wurde, anders als alle anderen jemals zuvor, allein aufgrund einer Reihe höchstverdächtiger und bei gesunden Sportlern nicht erklärbarer Werte im Langzeitblutprofil bestraft – ohne den Nachweis einer verbotenen Substanz.

Nachdem die Sportwelt mit Resignation beobachtete, dass Stars wie die US-Leichtathletin Marion Jones oder der Radprofi Jan Ullrich nie positiv getestet werden konnten, weil das System zu viele Schwächen aufweist, hofft sie nun auf den juristischen Segen für indirekte Dopingbeweise. „Das Urteil im Pechstein-Fall wird sehr interessant für alle Verbände, weil es in der Kernfrage darum geht, ob Sanktionen allein aufgrund von Indizienbeweisen verhängt werden dürfen. Davon träumen alle, die die Täter bestrafen wollen“, sagte Gian Franco Kasper, der Chef des Weltskiverbandes FIS, der „Welt am Sonntag“, „wir haben im Skiverband – wie wohl alle anderen Verbände auch – eine schwarze Liste mit Sportlern, bei denen wir aus Blutuntersuchungen wissen, dass Veränderungen stattgefunden haben: Das kann durch Krankheit sein oder Manipulationen durch Doping. Bestätigt das Gericht Pechsteins Sperre, werden viele Verbände mit einer langen Liste kommen. Wir haben gerade im Bezug auf Wachstumshormone große Verdachtsmomente, wissen aber genau, dass das nicht bestehen würde vor Gericht. Es gibt zwar einen Test, aber noch kein Gericht, das ihn für zulässig befunden hat.“

Das Ausmaß ihres Falles droht unterzugehen, seit Pechstein die Vorteile, die ein Präzedenzfall liefert, ausschlachtet, wie niemand vor ihr. Mit Manager Ralf Grengel und Anwalt Simon Bergmann übt sie sich seit dem Tag ihrer Sperre mit einer nie da gewesenen Medienkampagne in der öffentlichen Aufführung ihrer Unschuld. Geschickt die Nachrichtenjagd der Redaktionen bedienend, haben ihre Leute Journalisten immer wieder vorgeblich entlastende Gutachtenschnipsel oder Rechercheergebnisse zugespielt. Oft wurde ungefiltert publiziert, was über Retikulozyten-Werte oder Zuverlässigkeit von Analysegeräten wie Advia oder Sysmex vorgelegt wurde. Um die veröffentlichte Meinung gänzlich zu diktieren, setzten Pechsteins Leute parallel skeptische Redaktionen mit dem ganzen presserechtlichen Instrumentarium unter Druck. Objektiv klar ist seither nur: Es läuft beim Cas auf eine Schlacht der Sachverständigen hinaus.


„Der Radprofi Floyd Landis, dem 2007 sein Tour-de-France-Sieg wegen Dopings aberkannt wurde, hat genauso versucht, seinen Fall über die Medien zu gewinnen“, sagt der Direktor der Weltantidopingagentur (Wada) David Howman, „die Entscheidungen fallen aber vor dem Cas, nicht in öffentlichen Kampagnen. Am Ende entschied das Gericht bei Landis, dass seine Anwälte einen Fall vorgetragen haben, der auf keinerlei Fakten aufgebaut war, die bewiesen wurden. Die Öffentlichkeit wurde also getäuscht, und die Anwälte waren blöd. Radprofi Tyler Hamilton hat dasselbe versucht. In beiden Cas-Urteilen steht, dass es ungezogen war, so vorzugehen.“