Judo

Berliner Judoka will deutsche Nummer Eins werden

Sven Maresch vom SC Berlin gilt als große Nachwuchshoffnung im deutschen Judo. Bei der EM in Istanbul am Wochenende will der 24-Jährige den Nationalmannschaftskollegen Ole Bischof vom Thron stoßen. Die Voraussetzungen dafür hat er.

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Von seinem Nein war Ole Bischof (31) partout nicht abzubringen. Selbst die Überredungsversuche seiner Pressesprecherin halfen nicht, um den Olympiasieger zu einem Aktionsfoto mit Sven Maresch (24) zu bewegen. Der Schnappschuss während einer Übungseinheit in Vorbereitung auf die EM am Osterwochenende in Istanbul sollte für eine renommierte Tageszeitung sein, doch das interessierte Deutschlands Vorzeigejudoka nicht. „Ich möchte das nicht. Das müssen Sie verstehen“, sagte er dem Bittsteller. Widerspruch zwecklos. Begründen wollte der sonst so gefällige Athlet seine sture Verweigerungshaltung nicht. Sie lässt sich aber unschwer erahnen. Wer findet schon Gefallen daran, mit seinem ärgsten Rivalen im Blitzlichtgewitter zu posieren? Bischof jedenfalls nicht.

Sven Maresch hat sich in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm zu einem ernst zu nehmenden Rivalen für den Sprecher der Nationalmannschaft entwickelt. Der in Erfurt geborene Judoka vom SC Berlin wies in den vergangenen Monaten mit seinen Turniersiegen beim Grand Prix in Abu Dhabi und beim Weltcup in Rom nach, dass er dem Arrivierten nicht nur in der türkischen Hauptstadt die Schau stehlen kann, sondern auch in der Lage ist, dessen großen Traum von der Wiederholung seines Olympiasieges im kommenden Jahr in London platzen zu lassen.

Im Gegensatz zu Europameisterschaften darf bei Olympischen Spielen in jeder Gewichtsklasse nur ein Judoka pro Land starten. Um 2012 in London auf die Matten gehen zu können, muss der Sportler zu den 22 Besten in der Weltrangliste zählen. Über die Platzierung entscheiden Punkte, die bei Welt- und Europameisterschaften sowie internationalen Turnieren gesammelt werden können. Derzeit teilen sich Bischof und Maresch laut Bundestrainer Detlef Ultsch den achten Rang.

Konkurrenz im eigenen Nationalteam zu haben, ist für Bischof ungewohnt. Seit Jahren dominierte er die Widersacher nach Belieben. Die Zeit seiner Alleinherrschaft ist nun aber vorbei. Was dem Europameister von 2005 und Dritten der Weltmeisterschaften 2009 nicht ungelegen kommt. „Die Konkurrenzsituation tut mir gut“, sagt Bischof. „Im Training bin ich dadurch nur noch motivierter.“ Der Student für Volkswirtschaftslehre kennt die Stärken seines ärgsten Kontrahenten genau. Maresch sei sehr schnell und kämpfe unberechenbar, sagt er. Zudem sei er physisch unheimlich stark und besitze aufgrund seiner geringeren Körpergröße Vorteile bei diversen Wurftechniken. Allerdings habe der einen halben Kopf kleinere Berliner durch seine kürzeren Arme auch Nachteile in der Reichweite, was bedeutsam ist beim Fassen des Gegners.

Das Manko hielt Maresch aber nicht davon ab, im zurückliegenden Halbjahr den Durchbruch bei den Männern zu schaffen. „Sven ist jung und unverbraucht, er ist reifer geworden und weiß genau wie Ole, was er will“, urteilt Ultsch. „Beide kämpfen jetzt auf Augenhöhe.“ Die Konstellation sieht der frühere Doppelweltmeister aus Berlin nur positiv. Denn ohne starke Trainingspartner ist international im Judo nichts zu reißen. „Mit Blick auf 2012 können wir deshalb davon nur profitieren“, sagt Ultsch. Liebend gern hätte er auch in den anderen sechs Gewichtsklassen zwei Aktive mit Weltklasseniveau, die um die Vormachtstellung kämpfen. Doch das ist Wunschdenken.

Bei Wettkämpfen haben sich die Wege der beiden Protagonisten im Mittelgewicht bereits viermal gekreuzt. Dabei machte Maresch zumeist die bessere Figur. Drei Vergleiche hat der Sportsoldat gewonnen, zuletzt beim Grand-Slam-Turnier im Februar in Paris, als er Platz fünf belegte und Bischof frühzeitig zum Duschen schickte. Wie es sich anfühlt, auf europäischer Bühne zu triumphieren, weiß Maresch. Vor sechs Jahren siegte der dunkelhaarige Bursche bei den Europameisterschaften der U20. Drei Jahre später holte er sich EM-Gold bei der U23. Für das mögliche Aufeinandertreffen mit Bischof beim Championat in Istanbul, ist er „bestens gerüstet. Super wäre, wenn wir erst im Finale gegeneinander kämpfen würden“. Wer dann als Sieger die Matte verlassen wird, steht für den selbstbewussten Himmelstürmer bereits fest: „Ich weiß, dass ich gegen ihn gewinne.“