Kommentar

Fall Pechstein - Wer traut sich als Nächster?

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Jens Hungermann

Jens Hungermann über die Konsequenz des pechstein-Urteils für Sportverbände

Selten blickte die schwarz-rot-goldene Sportnation derart gespannt nach Lausanne wie im Fall seiner erfolgreichsten Winterolympionikin. Nun ist endlich heraus, was sich mit zunehmender Zeit nervtötenden Wartens andeutete: Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat die zweijährige Dopingsperre von Claudia Pechstein bestätigt – und die öffentliche Bewertung des Urteils fällt mal emotional, mal radikal, aber selten gleichgültig aus.

Nicht wenige, darunter Pechstein selbst, unterstellen den drei Cas-Richtern ja ein sportpolitisch motiviertes, weniger ein sportjuristisch fundiertes Urteil. Doch das greift zu kurz. Es ging hier nicht darum, eine Prominente, die – man muss in der Retrospektive sagen: auf fragwürdige Weise – herausragende Erfolge feierte, öffentlich zu teeren und zu federn. Es ging darum, die Argumente der streitenden Parteien klug gegeneinander abzuwägen. Das ist den Richtern gelungen.

Ganz sicher wird ihre Rechtsprechung wegweisend sein. Sie erfüllt die Hoffnung manches Sportverbandes, der im Giftschrank ebenso wie die ISU brisante Messprotokolle hortet, sich mit Sperren auf Grundlage von Indizien nicht länger auf juristisch unberührtes und ungewisses Terrain zu begeben.

Eine Prozessflut, wie sie Pechsteins Anwalt erwartet, wird es zunächst aber wohl nicht geben. Spannend zu beobachten wird dennoch sein, welcher Verband sich nun zuerst nach Vorbild der ISU aus der Deckung wagt und Athleten ohne vorliegende positive Dopingprobe sperrt. Der Radsportverband UCI, der Blutprofile speichert, bislang aber bei Verdachtsfällen lieber mit dem Finger auf die nationalen Verbände zeigte? Oder der Ski-Weltverband Fis, wo es diverse auffällige Blutprofile von Ausdauersportlern geben soll?

Der Beifall für die willkommene neue Perspektive im Antidopingkampf sollte aber auch die kritischen Stimmen nicht übertönen. Fachleute wie der renommierte Kölner Dopingforscher Wilhelm Schänzer äußern nicht zu Unrecht Unwohlsein darüber, dass der Eisschnelllauf-Weltverband Pechstein auf Grundlage nur eines Parameters sperrte, des Retikulozytenwerts.

Der Methode des indirekten Dopingnachweises gehört die Zukunft, daran besteht kein Zweifel. Die Weltantidopingagentur Wada tut jedoch gut daran, ihren ersten Entwurf eines „Blutpass-Programms“ mit mehreren Parametern weiter zu entwickeln. So würde das Abschreckungspotenzial künftig noch höher, und auf Indizienbasis gesperrten Athleten würde ein (Schein-)Argument genommen.

Vorerst aber gilt: Besser ein als kein Parameter.