Türkiyemspor

Hülya - Berlins hoffnungsvoller Fußball-Nachwuchs

Die Türkin Hülya Kaya fing mit sieben Jahren mit dem Fußballspielen an – trotz anfänglicher Einwände ihrer traditionellen Familie. Die Kickerin des Kreuzberger Vereins Türkiyemspor gilt als größte Hoffnung des Berliner Frauenfußballs. Die Jugend-Nationalspielerin arbeitet auf eine Karriere im Profisport hin.

Foto: M. Lengemann

Am Anfang waren es zwei Bäume und ein paar Steine, die im Hinterhof als Spielfeld genügen mussten. Drei Mädchen waren sie meist, der Rest Jungen, alles Nachbarskinder aus der Oranienstraße und Umgebung, allesamt Fußballfans. Fast ihre gesamte Freizeit verbrachte Hülya Kaya in den Kreuzberger Hinterhöfen bei den Bäumen und den Steinen. "Es hieß immer: Die Mädchen gehen ins Tor", erinnert sich Hülya. Also stand sie stundenlang zwischen den beiden Bäumen und versuchte, Bälle zu halten. Seitdem sind knapp zehn Jahre vergangen und aus Hülya ist eine großgewachsene 17-Jährige geworden, die sich heute von keinem der Nachbarjungs mehr etwas sagen lässt. Und auch nicht mehr im Tor steht. Hülya, das Mädchen mit den großen braunen Augen und der zierlichen Figur, gilt jetzt als eine der besten Nachwuchsfußballerinnen Berlins.

Ausgerechnet ihr Großvater war es, der sie 2005 bei dem Kreuzberger Fußballverein Türkiyemspor anmeldete. Ein Jahr zuvor erst war dort eine Mädchenabteilung eingerichtet worden. "Eines Tages brachte er einen Anmeldezettel des Vereins mit nach Hause und meinte, da sollten wir uns mal drum kümmern", erinnert sich Hülya Kaya. Das Verwunderliche daran war, dass Hülyas Großvater seinem Sohn, ihrem Vater, einst verboten hatte, Fußball zu spielen, weil er den Sport für zu riskant für seinen Jungen hielt. Bei der Enkelin änderte er nun seine Meinung.

Hülyas Eltern waren anfangs überhaupt nicht begeistert. Ihr kleines Mädchen in einem klassischen Männersport - undenkbar für die aus der Schwarzmeer-Region Artvin stammende traditionsbewusste Familie. Ihre Mutter habe sich vor allem Sorgen um Hülyas schulische Leistungen gemacht, für Fußball sei doch überhaupt keine Zeit bei den ganzen Hausaufgaben, argumentierte sie. Doch am Ende hätten Mutter und Vater dann doch ihr Einverständnis gegeben, erinnert sich Hülya. "Vielleicht auch, weil sie hofften, dass dann zu Hause nicht mehr so viel kaputt geht", sagt sie und lacht bei der Erinnerung an die vielen zerbrochenen Glasscheiben und lädierten Möbelstücke. Kopfbälle, Dribbeln und sämtliche Fußballer-Tricks übte Hülya fortan unter professioneller Anleitung im Verein - die Wohnung der Kayas wurde nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen.

Zwei- bis dreimal die Woche trainiert Hülya seither, anfangs in der Abwehr des neu gegründeten D-Jugendteams, dann im Mittelfeld und mittlerweile als Stürmerin. Sie ist Kapitän ihrer Mannschaft, gilt als willensstark und durchsetzungsfähig. Trainer Nicolay Endres-Borsetzky sagt über Hülya, dass sie mit dem Ball umgeht wie das nur wenige können. "Sie hat keine Angst vor dem Ball, spielt beidfüßig und ist kopfballstark", sagt er. "Hülya hat eine große Stärke und keine Schwäche." Auf dem Feld ist Hülya tatsächlich immer mittendrin, stets das Tor im Blick. Im Gespräch wirkt sie eher zurückhaltend, fast schüchtern, spricht leise und sucht oft Blickkontakt zu ihrem Trainer.

Ihr Verein hat keinen eigenen Sportplatz, wünscht sich seit Jahren eine eigene Anlage mit Clubhaus und Umkleidekabinen. Dieser Umstand könnte sich vielleicht bald ändern: Die CDU-Fraktion will in der kommenden Woche einen Antrag ins Abgeordnetenhaus einbringen, wonach Türkiyemspor eine eigene Heimstätte erhalten soll. Dafür angedacht ist ein Teil des geplanten Parks am Gleisdreieck, finanziert werden könnte das Projekt aus dem Konjunkturprogramm II. Beim Verein ist man vorsichtig optimistisch, diskutiert wurde schon über das Thema häufiger, bisher ohne Erfolg.

Dabei ist Türkiyemspor nicht nur, wie es in dem Antrag heißt, "der größte Verein türkischstämmiger Berliner", die Kreuzberger haben sich mittlerweile auch über die Hauptstadt hinaus einen Namen gemacht. 1978 noch als Izmirspor von Hobbyfußballern gegründet, in der hauptsächlich Migranten türkischer Herkunft spielten, schafften im Laufe der Jahre mehrere Mitglieder sogar den Sprung in den Profifußball.

Der bekannteste Ex-Spieler von Türkiyemspor ist Ümit Karan, der später für Galatasary Istanbul spielte und auch für die türkische Nationalmannschaft nominiert wurde. Herzensangelegenheit des Vereins ist aber vor allem, Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen und sie sinnvoll zu beschäftigen. Für die Jugendarbeit und die Förderung des Mädchenfußballs wurde Türkiyemspor deshalb schon mehrfach ausgezeichnet. Unter der Schirmherrschaft von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit erhält der Verein in der übernächsten Woche nun die "Berliner Tulpe". Der mit 10 000 Euro dotierte Preis, der von Radyo Metropol FM, dem Bildungswerk Kreuzberg, der Senatskanzlei Berlin, dem Beauftragte für Integration und Migration und die Werkstatt der Kulturen vergeben wird, zeichnet jedes Jahr Projekte aus, die den "deutsch-türkischen Gemeinsinn in Berlin stärken".

Musliminnen im Männersport

Einer der lebenden Beweise für die erfolgreiche Arbeit des Vereins ist Hülya Kaya. Sie ist zu einer Art Aushängeschild des Mädchenfußballs von Türkiyemspor geworden. Kreuzbergerinnen jeden Alters und unterschiedlicher Herkunft spielen in den Teams. War es früher noch undenkbar, dass Mädchen aus muslimischen Familien ausgerechnet im Männersport Fußball in kurzen Hosen über den Platz laufen, ist das heute schon ein Stück weit Normalität, zumindest in Berlin.

Für Hülya Kaya ist das Hobby Lebensinhalt geworden. Sie würde am liebsten als Profifußballerin arbeiten. Im Herbst 2008 ist sie diesem Traum gar einen Schritt näher gekommen. Eines Abends klingelte bei Familie Kaya in Kreuzberg das Telefon und jemand vom Türkischen Fußballverband TFF lud Hülya zum Probetraining nach Hannover ein. Am nächsten Morgen fuhren sie und ihr Vater also in die niedersächsische Landeshauptstadt, wo Hülya dann zwei Tage lang mit den Spielerinnen der türkischen Jugendnationalmannschaft trainierte. "Am ersten Tag habe ich wirklich schlecht gespielt", erinnert sich Hülya. Doch am nächsten Tag war die erste Nervosität vorbei und sie schoss drei Tore.

Zur EM-Qualifikation in die Türkei

Hülya Kaya wurde sowohl in die U17- als auch in die U19-Auswahl der Türkei berufen und flog mit zur Qualifikation für die Europameisterschaft nach Antalya. Im Spiel gegen die Färöer Inseln schoss sie dann ein Tor. Ihr Team schaffte es zwar trotzdem nicht bis in die Endrunde, aber Hülyas Auge strahlen, wenn sie an diese Zeit zurückdenkt. "Das war eine ganz tolle Erfahrung", sagt sie. Auch, weil sie sich dadurch ihren familiären Wurzeln ein Stückchen näher fühlte. Ohnehin sei der Fußball ein verbindendes Element zwischen ihren beiden Heimaten Deutschland und Türkei, findet Hülya: Beide Nationen sind bekannt für ihre Fußballvernarrtheit, beide haben weltbekannte Spieler hervorgebracht. Bei Spielen ihres Lieblingsfußballclub Galatasaray Istanbul erlebte Hülya die aufgekratzte Stimmung der türkischen Fans. Ihr Lieblingsspieler und damit eine Art Idol ist kein Türke, sondern ein Schwede: Zlatan Ibrahimovic, seit vergangenem Sommer beim FC Barcelona unter Vertrag - und Stürmer wie sie selbst.

Falls es mit dem Profifußball nicht klappen sollte hat Hülya schon einen Alternativplan: Nach ihrem Realschulabschluss macht sie zurzeit ein Praktikum in einem Kreuzberger Kinder- und Jugendzentrum und sucht nun einen Ausbildungsplatz zur Erzieherin. Trotzdem: Der Sport wird sie wohl so oder so weiter durch ihr Leben begleiten und immer wichtig bleiben. Familie Kaya hat die Leidenschaft der jüngsten Tochter mittlerweile voll akzeptiert. Der Vater steht bei Spielen am Spielfeldrand und feuert lautstark seine Hülya an. Und auch ihr Großvater, quasi Mitbegründer ihrer Fußballerinnenkarriere, fiebert mit seiner Enkelin. "Er zeigt das nicht so, aber ich denke, er ist schon stolz auf mich", sagt Hülya und lacht verlegen. "Opa ist vor wichtigen Spielen immer ganz aufgeregt und erzählt allen möglichen Freunden und Bekannten, dass ich Stürmerin bin."

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