Kolumne Immer Hertha

Gebt uns Erinnerungen zurück

| Lesedauer: 4 Minuten
Inga Böddeling
Das waren noch Zeiten: Eine Eintrittskarte für die Begegnung in der europäischen Fußball-Champions League zwischen dem italienischen Meister AC Mailand und Hertha BSC Berlin (1:1) am 28.9.1999 im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion.

Das waren noch Zeiten: Eine Eintrittskarte für die Begegnung in der europäischen Fußball-Champions League zwischen dem italienischen Meister AC Mailand und Hertha BSC Berlin (1:1) am 28.9.1999 im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion.

Foto: picture-alliance / dpa | Repro

Bundesliga-Klubs wie Hertha haben größtenteils auf mobile Tickets umgestellt. Ein schwieriges Unterfangen, findet Inga Böddeling.

Neben meinem Laptop liegt gerade ein Stück Papier. Die Bordkarte von vergangener Woche, von unserem Flug nach Korfu. Griechenland, die letzten Tage Sommer aufsaugen, bevor der triste Herbst endgültig einzieht. Die Karte wird da jetzt noch eine Weile liegen bleiben, bis sie irgendwann in die Schublade an meinem Schreibtisch wandert.

Dort ist sie in allerbester Gesellschaft. Mit Eintrittskarten zur Comedyshow von Kurt Krömer, zum Schloss Schönbrunn, zum Sissi-Museum in der Wiener Hofburg. Mit Tickets für die Gondeln in Venedig, für die U-Bahn in Kopenhagen, für die Fähre nach Norderney. Mit der Akkreditierung vom Relegationsrückspiel zwischen Hertha BSC und dem HSV, mit Kinokarten und der einen oder anderen Postkarte, die ich bekommen habe.

Was bei vielen vielleicht schon lange im Müll gelandet wäre, ist für mich heilig. Das ist kein Abfall, das sind Erinnerungen. An Urlaube, Flüge, Erlebnisse, Besuche, an Dinge, die man einfach nicht vergessen möchte.

In der Heimat bei meinen Eltern steht noch ein Schuhkarton. Voll mit Eintrittskarten für Bundesliga-Spiele – aus über 15 Jahren, auch wenn nicht jedes Spiel unbedingt erinnerungswürdig war. Aber was war die Aufregung groß, wenn der Brief mit den Tickets ankam. Die frischgedruckten Billetts (wie der Schweizer sagt) wurden – natürlich nur im übertragenen Sinne – mit Samthandschuhen entnommen. Im Stadion habe ich sie dann penibel behütet, damit sie nicht verknicken oder verloren gehen. Einmal falten, das war okay. Sonst hätten die langen Papierabschnitte auch nicht in Jacken- oder Hosentasche gepasst. Alles andere grenzte aber an mutwillige Zerstörung.

Umso mehr schmerzt es mich, dass mittlerweile fast alle Vereine in der Fußball-Bundesliga dazu übergegangen sind, ihren Fans diese Erinnerungen zu nehmen. Auf gedruckte Eintrittskarten wird verzichtet, stattdessen gibt’s die Tickets zum Ausdrucken oder mobil aufs Handy. Aber mal ganz ehrlich: Wer schaut sich schon seine Karten auf dem Smartphone an? Die Mehrheit scheitert ja selbst daran, die selbstgemachten Fotos regelmäßig zu begutachten. Und Print@Home, wie es so schön heißt? Nicht mehr als ein weißes DIN A4-Blatt mit Buchstaben. Nichts, was wirklichen Erinnerungswert hätte. Papierkorb, olé.

Die Fans gehen deshalb auf die Barrikaden. Die Anhänger von Hertha protestierten beim Auswärtsspiel in Augsburg gegen die jüngsten Entwicklungen. Tenor: E-Ticket – null Erinnerung, keine Fußballkultur. Da gehe ich mit. Die Kritik richtete sich an die gegnerischen Klubs, die auch nur noch mobile Tickets in die Ferne schicken. Also nichts Handfestes, was an die durchaus erlebnisreichen Auswärtsfahrten erinnert.

Anhänger des Hauptstadtklubs – die keine Plastik-Dauerkarte haben – mussten im Olympiastadion allerdings auch schon auf die digitale Variante umsteigen. Hertha verwies auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Weil der Verein in den vergangenen Jahren nur selten ein ausverkauftes Olympiastadion melden konnte, wanderten Tausende Papier-Tickets in den Müll. Darauf zu reagieren, ist verantwortungsvoll, keine Frage. Aber dann will ich auch bald meine eigene Tupperschüssel mitbringen, um die Pommes-Schale zu umgehen.

Die Berliner bieten immerhin die Möglichkeit, in den blau-weißen Fan-Shops die gedruckte Variante als Sammlerticket (für Mitglieder und Dauerkarteninhaber kostet das einen Euro, für alle anderen zwei Euro) zu bekommen. Nostalgie bewahrt, ohne die Nachhaltigkeit aus dem Blick zu verlieren. Ein gangbarer Weg. Die Erfahrung zeigt aber, dass es vielleicht dann doch nicht so viele fußballromantisch veranlagte Fans – wie mich – gibt. Reißenden Absatz fanden die Sammlertickets bisher jedenfalls nicht.

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Naja, ich werde mich wohl noch mit den neusten Entwicklungen anfreunden und meinen eigenen Weg finden müssen, die Erinnerungen trotzdem zu bewahren. Vor Veränderungen sollte man sich schließlich nicht per se verschließen. Manchmal können sie ja auch ihr Gutes haben. Und wenn es der Umwelt dient… irgendwann will ich ja auch mal mit meinen eigenen Kindern ins Stadion gehen. Erinnerungen sammeln, die man dann ganz woanders bewahrt als in einer Schublade.

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