Sportmoment

Busemann über Olympia-Silber: "Hätte mich dafür umgebracht"

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Melanie Meyer

Foto: Lars Heidrich/FFS

1996 gewann Frank Busemann Olympia-Silber im Zehnkampf. Die Sporthilfe nominiert seinen Triumph als Sportmoment der letzten Jahrzehnte.

Essen. Frank Busemann und Marie Dehning haben an einem kleinen Tisch Platz genommen. Vor ihnen liegt ein verdecktes Foto. Die Zehnkampf-Legende und das Siebenkampf-Talent sind gespannt wie vor dem Startschuss. Das Bild wird umgedreht. Beiden steigt ein Grinsen ins Gesicht. „Den kenn’ ich“, sagt Frank Busemann sofort und zeigt auf den Mann in der Mitte, der mit hochrotem Kopf auf einer Tartanbahn liegt. Der 47-Jährige erkennt sein jüngeres Ich. Dann schlägt er die Hände vors Gesicht. Die Emotionen sind sofort wieder da. „Das macht immer noch was mit mir.“

Und Marie Dehning? „Die Szene sagt mir was“, sagt sie. „Olympia-Silber, würde ich sagen.“ Sie schaut zu Frank Busemann, der ganz beseelt nickt. „Ich glaube“, setzt sie an, „… in Athen?“ Nicht ganz. Doch Frank Busemann nimmt es der Athletin von Bayer Leverkusen nicht krumm: Als er 1996 in Atlanta mit 21 Jahren überraschend Olympia-Silber gewann, war die 18-Jährige noch gar nicht geboren. Sie hat nicht miterlebt, wie der gebürtige Recklinghäuser über Nacht zu einem Star des deutschen Sports aufstieg. Sie kennt Frank Busemann vor allem aus dem Fernsehen – als Leichtathletik-Experte. Bis heute ist der Mann mit den Sprüchen, die nur Ruhrgebietszungen formen können, ein Sympathieträger.

Busemann-Moment von der Sporthilfe nominiert

Doch alles wäre wohl anders gekommen, wären da nicht diese zwei Tage im Stadion von Atlanta gewesen, die in jenem Moment gipfelten, der nun als Fotoaufnahme vor den beiden liegt. Einem Moment, den die Deutsche Sporthilfe neben 24 weiteren Bildern als einen der deutschen Sportmomente der vergangenen Jahrzehnte nominiert hat.

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„Ich habe das noch total vor Augen“, sagt Frank Busemann gedankenversunken. „Das war der zweitglücklichste Moment meines Lebens. Der glücklichste war der, als ich über die Ziellinie kam und wusste, jetzt kann nichts mehr passieren. Dann fing es in mir an: Silbermedaille, Silbermedaille, Silbermedaille.“ Nach dem Zieleinlauf war ihm alles egal. „Leg dich jetzt einfach hin und lass diesen Schmerz zu Ende sein“, dachte er damals. Zwei Tage lebte er „über meine Verhältnisse“. Es war immerhin Olympia. Er, der erst drei Monate zuvor dauerhaft vom Hürdensprint zum Zehnkampf gewechselt war, wollte auf dieser Bühne alles aus sich rausholen. „Ich hätte mich dafür umgebracht“, sagt er. „Mir tat alles weh, ich hatte noch nie solche Schmerzen. Aber du kannst ja nicht aufhören, du musst da ja durch.“

Busemann mit verstauchtem Knöchel zur Bestleistung

Schon beim Weitsprung – der zweiten von zehn Disziplinen – hatte er sich den Knöchel verstaucht. Mit einem dicken Tapeverband quälte er sich durch den Hochsprung – mit Bestleistung! Beim Speerwurf „habe ich mir dann den Rücken verhauen“ – trotzdem: Bestleistung! Schließlich die quälenden 1500 Meter zum Abschluss.

In Marie Dehnings Blick funkelt es. Sie lauscht gebannt, ihr Mund steht vor Staunen leicht auf, je mehr er erzählt. „Natürlich motiviert mich das“, sagt sie. „So einen Moment zu erleben, wenn man so was geschafft hat...“ Die Abiturientin hat im vergangen Jahr Bronze bei der U20-EM gewonnen. „Das war auch ein sehr schöner Moment, aber kein Vergleich zu Olympia.“ 2028 will sie sich diesen Traum erfüllen.

Tempoläufe - die Qual der Leichtathleten

Frank Busemann ist das beste Beispiel dafür, dass man diese Erfahrung nicht vergisst. Das Datum 1. August kann er sich ohnehin gut merken: Genau zwölf Jahre später kam sein Sohn zur Welt. Er gibt den Olympia-Film vor seinem inneren Auge wieder: „Ich weiß, wie ich da lag, und dann kamen die beiden: Dirk Pajonk und Frank Müller.“ Pajonk beruhigte die herbeieilenden Ärzte. Und Busemann? „Ich wollte einfach nur da liegen und schlafen. Ach das war …, das war einfach nur schön.“ Frank Busemanns Stimme stockt. Tränen treten in seine Augen. Dann grinst er sein Frank-Buse­mann-Grinsen. „Ja“, sagt er. „Als Mehrkämpfer sollte man einen gewissen Hang zum Masochismus und keine Angst vor Schmerz haben – sonst hält man das nicht durch.“ Marie Dehning nickt wissend. Ein kurzer Austausch über Tempoläufe – die ultimative Qual der Leichtathleten – und das Glück danach.

Dann erzählt Marie Dehning: Bei ihrer ersten Deutschen Meisterschaft blieb sie an der ersten Hürde hängen. „Nach Tag eins lag ich auf dem letzten Platz. Aber ich habe mir gedacht: ,Das sind deine ersten Deutschen, ich will das unbedingt zu Ende bringen.’ Ich hab es noch auf Platz sechs geschafft.“ Frank Busemann fasst sich an die Wangen. „Ich habe richtig Gänsehaut“, sagt er. „Das unterscheidet gute von weniger guten Athletinnen. Wenn du ganz unten bist und dich wieder zurückkämpfst: Davon kannst du so viel mitnehmen.“ Er muss es wissen.