Formel 1

WM-Entscheidung vertagt: Max Verstappen sorgt für Eklat

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Elmar Brümmer

Foto: firo

Lewis Hamilton hat die Formel-1-Premiere in Saudi-Arabien gewonnen. Er setzte sich gegen seinen WM-Rivalen Max Verstappen durch.

Dschidda. Diese Formel-1-Saison steigert sich zum Saisonende hin in immer größere Dramen. Nach Lewis Hamiltons drittem Sieg in Folge bei einem höchst chaotischen Großen Preis von Saudi-Arabien steht es zwischen dem Titelverteidiger und Herausforderer Max Verstappen nach Punkten jetzt 369,5 : 369,5. Die Entscheidung muss am Wochenende in Abu Dhabi fallen. Oder am Grünen Tisch. Denn Verstappens Auftritt mit dem zweiten Platz am Arabischen Golf war sportlich unter aller Kanone. Mit schmutzigen Tricks auf der Piste zeigte er jenes hässliche Gesicht, das alle schon vergessen hatten. Oder war es einfach nur ein auf die Spitze getriebener Ehrgeiz? Die Formel 1 aber hat ihr Traumfinale.

Formel 1: Lewis Hamilton holt 103. Grand-Prix-Sieg

Natürlich ist sich Max Verstappen keiner Schuld bewusst. „Es war recht ereignisreich. Da sind viele Dinge passiert, mit denen ich nicht unbedingt einverstanden bin. Ich habe versucht, alles zu geben", sagt er trotzig, aber mit Unschuldsmine. Er sei in der entscheidenden Szene, über die sich die ganze Renn-Welt aufregt, bloß brav nach rechts gefahren: „Ich verstehe nicht, was das da passiert ist." Für ihn seien die Umstände und die Strafen nicht die Formel 1, die er liebt. Der Aggressor fühlt sich offenbar benachteiligt. Lewis Hamilton hat sich nach seinem 103. Grand-Prix-Sieg schon wieder gesammelt, er ist zu clever, sich jetzt negativen Emotionen hinzugeben. Zu dem Gast-Crash mit seinem Gegner sagt er nur: „Ich habe nicht verstanden, was in dieser Szene mit Max passiert ist."

Die ersten Dramen in der Formel 1 passieren neuerdings immer samstags, die Premiere in Saudi-Arabien macht da keinen Unterschied. Erst droht Lewis Hamilton eine Rückstufung, weil er andere im Training blockiert hat und ein – versehentlich – aktiviertes Flaggensignal übersah. Der Titelverteidiger kam noch einmal davon, was die Gegner von Red Bull Racing natürlich schäumen ließ. Doch für den WM-Spitzenreiter Max Verstappen kam es noch schlimmer. In der Qualifikation war der Niederländer auf einer Runde des Jahres, doch vor der letzten Kurve verbremste er sich und schleuderte sein Auto in die Barrieren. Ein höchst seltener Fehler, damit nur Startplatz drei hinter den Mercedes-Piloten Hamilton und Valtteri Bottas. War das schon der Verlust seiner Titelchancen?

Auf der unbekannten Piste läuft zunächst alles für Hamilton. Er gewinnt souverän den Start, setzt sich schon vier Sekunden ab. Doch der Vorteil ist dahin, als Mick Schumacher seinen Haas-Ferrari in der zehnten Runde in die Barrieren setzt. Das Safety Car muss ausrücken. Sofort nutzt Mercedes die Neutralisierung, um bei beiden Fahrzeugen die Reifen zu wechseln. Max Verstappen bleibt draußen, eine Verzweiflungstaktik. Doch die entscheidet sich kurz darauf für einen Abbruch, um aufzuräumen. Jetzt hilft das Regelwerk Verstappen, denn dadurch darf er ohne Zeitverlust neue Pneus aufziehen – und liegt beim Re-Start vorn.

Stehender Neu-Start in Runde 15. Vorher bezichtigen sich die beiden Rivalen über Funk gegenseitiger Regelvergehen. Verbales aufwärmen für die 240 Meter bis zur ersten Kurve – und Ausdruck der ehrhöhten Adrenalinausschüttung. Hamilton geht von links außen als erster in die Kurve, ehe Verstappen die Kurve abkürzt, den Gegner böse schneidet und sich so an die Spitze zurücktrickst. Hamilton weicht aus, er kann sich keinen Ausfall leisten. Aber bevor die Empörung hochkocht und Verstappen den Vorteil auf der Strecke zurückgeben muss, kommt die nächste rote Flagge. Verstappens Adjudant Sergio Perez landet in den Barrieren, das wird auch Nikita Mazepin zum Verhängnis. Eine Menge Kollateralschäden auf einer zu engen Piste führen zu einem Rennen, dass einer WM-Vorentscheidung nicht wirklich würdig ist.

Dazu passt das Chaos bei der Regelauslegung. Die Rennleitung gibt zunächst Red Bull die Chance, freiwillig auf Position zwei zurückzugehen. Ein ungewöhnliches Angebot, aber die Kommissare wollen das Titelrennen nicht durch eine härtere Strafe (wohl fünf Startplätze) entscheiden. Der Kuhhandel zieht sich, denn zwischen den beiden Titelkandidaten liegt ja noch Esteban Ocon. Dritter Anlauf, ein richtiges Rennen zu fahren – in Runde 17. Hamilton konzentriert sich auf den Renault von Ocon, Verstappen kann ihn innen überrumpeln. Kommt er doch noch, endlich, der Showdown?

Dieser ganze vorletzte WM-Lauf ist ein Irrsinn, ein ewiges Bangen. Immer wieder bremsen kleine Crashs und über die Piste verstreute Karbonteile alle ein, mehrfach werden deshalb alle virtuell eingebremst. Im Parallelflug powern und lauern die beiden Führenden. Titelverteidiger Hamilton fühlt sich in der Rolle des Jägers prinzipiell wohler. Vierzehn Runden vor dem Schluss kommt die erste Attacke, mit viel Überschuss. Verstappen macht einen wilden Schlenker, Hamilton fängt gerade noch, verhindert eine Kollision. Der Niederländer bleibt nur vorn, weil er wieder abkürzt. „Der ist verrückt", tobt Hamilton. In dem Moment, als Verstappen 13 Runden vor Schluss die Anweisung vom Kommandostand bekommt, Hamilton durchzulassen, macht er sich in der Mitte breit, fährt zick-zack, und die beiden Autos berühren sich. Hamiltons Frontflügel splittert an der Seite, er fällt zunächst wieder zurück. Und beschuldigt seinen Gegner sofort eines „Bremstests", jenem üblen und höchst gefährlichen plötzlichen verlangsamen. In jedem Fall hat der Niederländer unnötig runtergeschaltet, wie die Cockpitkamera zeigt. In der Mercedes-Box rasten sie dementsprechend aus.

Max Verstappen hat sich nicht mehr im Griff

Aber Verstappen tut so, als ob er sich nichts hat zuschulden kommen lassen und bleibt stur vorn. Nur einmal lässt er Hamilton acht Runden vor dem Ende kurz vorbei, um dann wieder Gas zu geben. Alles bloß eine Misskommunikation mit einer offenbar überforderten Rennleitung? Für sein erstes Vergehen bekommt der Niederländer fünf Strafsekunden, der zweite Zwischenfall wird erst nach dem Rennen behandelt. Mit dieser Summe an Überehrgeiz und Unsportlichkeiten ruiniert er das gesamte Renommee, dass er in dieser Saison gewonnen hat. Da ist wieder der alte „Mad Max" mit ihm durchgegangen. Selbst sein Team hat ihn da offenbar nicht mehr im Griff.