Interview

Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner: „Typisch deutsch“

| Lesedauer: 5 Minuten
Marco Alles
Der Thüringer Mark Kirchner (51) ist seit 2010 Bundestrainer der Biathleten. Vor dem Weltcup-Auftakt in Östersund (Schweden) spricht er im Interview über die Erwartungen für die Olympia-Saison.

Der Thüringer Mark Kirchner (51) ist seit 2010 Bundestrainer der Biathleten. Vor dem Weltcup-Auftakt in Östersund (Schweden) spricht er im Interview über die Erwartungen für die Olympia-Saison.

Foto: Getty

Vor dem Start der Biathleten äußert sich Bundestrainer Mark Kirchner zu den Neulingen, den Norwegern und olympischen Nebenschauplätzen.

Erfurt. An diesem Wochenende starten die deutschen Biathleten in die Olympia-Saison. Beim Weltcup-Auftakt in Östersund (Schweden) stehen Einzel- und Sprintrennen auf dem Programm. Vor den ersten Entscheidungen sprachen wir mit Bundestrainer Mark Kirchner (51).

Herr Kirchner, sind Ihre Schützlinge gerüstet für die Olympia-Saison?

Das werden wir sehen. Wir haben jedenfalls in der Vorbereitung vernünftig gearbeitet. Zuletzt in Muonio hatten wir Super-Verhältnisse; richtigen Winter mit Naturschnee. Wir konnten gut trainieren. Jetzt bin ich gespannt auf die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen. Unsere Herausforderung wird sein, die Leistung in den Wettkämpfen konstant abzurufen.

Hat sich das Männerteam nach den Rücktritten von Arnd Peiffer und Simon Schempp neu geordnet?

Es musste sich ja neu aufstellen. Benni Doll und Erik Lesser stehen jetzt vorn dran und müssen mit ih­rer Erfahrung den anderen helfen. Aber das Spannende ist ja auch: Immer, wenn jemand aufhört, ergibt sich eine Chance für die Jungen, den Platz einzunehmen. Wir sind mitten in dem Generationswechsel.

Mit den beiden Thüringerinnen Juliane Frühwirt und Vanessa Voigt sowie dem seit fünf Jahren in Oberhof lebenden Justus Strelow tauchen neue Gesichter im Weltcup auf. Was erwarten Sie von ihnen?

Sie haben letzte Saison ja schon erste Erfahrungen gesammelt. Jetzt konnten sich Jule und Justus in der Qualifikation durchsetzen und haben gezeigt, dass sie bereit sind für den nächsten Schritt. Genauso wie Vanessa, die nach dem IBU-Cup-Gesamtsieg ein persönliches Startrecht für den Auftakt besitzt. Für alle drei ist das schießlastige Einzel ein passender Einstieg. Wir dürfen aber keine Wunderdinge erwarten.

Wie knapp ging es beim Fünfkampf der Männer um die zwei offenen Plätze zu?

Es war nicht so, dass jemand vorneweg marschiert ist. Die Leistungen waren eher wechselhaft. Deshalb haben wir uns auch dafür entschieden, dass Johannes Kühn den zweiten Weltcup bestreitet; entweder für Philipp Horn oder Justus Strelow. Auch Philipp Lipowitz war nicht weit weg. Leider hatte sich Johannes Donhauser erkältet und konnte die Wettkämpfe nicht mitmachen.

Hat Philipp Horn seinen verkorksten letzten Winter abgehakt?

Es bringt nichts, negative Dinge ewig mit sich herumzuschleppen. Konditionell ist er in einer ordentlichen Verfassung; aber er ist auch ein Paradebeispiel für unsere fehlende Konstanz. Sein Sprint in Muonio mit drei Fehlern war schlecht; dafür gewann er die Verfolgung mit nur ei­nem. Kann Philipp das, was er drauf hat, über einen längeren Zeitraum zeigen, wird er eine feste Größe.

Ist die Nervosität vor einer olympischen Saison größer als sonst?

Bei mir nicht. Ich versuche auch, den Sportlern zu vermitteln, dass sie keine Manschetten haben müssen. Sie sollen nicht an Punkte und Qualifikationsnormen denken, sondern sich einfach auf die Rennen freuen. Es bringt nichts, sich vorher über Eventualitäten den Kopf zu zerbrechen. Aber das ist typisch deutsch. Da können wir uns von den Norwegern einiges abgucken: Die sind da bei aller Lockerheit kompromissloser, fokussierter. Die machen erst und denken dann über die Folgen nach – nicht andersherum.

Dennoch werfen die Corona-Begleiterscheinungen in Peking ihre Schatten voraus, oder?

Natürlich. Wir müssen unzählige Formalitäten erledigen, tausend Dinge beachten, auf Regularien hinweisen. Man hat teilweise das Gefühl, es geht gar nicht mehr um den Sport. Diese ganzen Nebenschauplätze nerven und machen keinen Spaß. Aber es bringt nichts, wenn sich die Athleten schon mit Dingen beschäftigen, die eintreten könnten: Was passiert bei einem positiven Test? Wie läuft die Isolation ab? Diese Gedanken müssen wir wegschieben, sonst gehen zehn Prozent der Kraft allein dafür verloren.

Der Weltcup in China als olympische Generalprobe fiel coronabedingt aus. Werden die Strecken ein Überraschungspaket sein?

Ja, das betrifft aber alle Nationen. Wir kennen das Profil, können uns daher entsprechend vorbereiten. Und nach ein paar Trainings sollte es kein Problem sein, sich auf die Strecken eingestellt zu haben. Mehr Bauchschmerzen bereitet mir die Materialfrage. Die Techniker fahren jetzt im Dezember zum ersten Mal für ein paar Tage hin. Wir beginnen mit den Tests praktisch bei null und müssen in der Kürze der Zeit für alle Bedingungen das Top-Material finden. Das wird ein Kraftakt.

Darf Deutschland dennoch auf eine Biathlon-Medaille hoffen?

An den Kräfteverhältnissen wird sich nichts ändern. Die Norweger und Franzosen werden mit ihrer Armada das Niveau an der Spitze bestimmen. Dazu kommen Einzelkönner aus anderen Nationen, die immer mal rausgucken. Auch wir haben das Potenzial fürs Podium, müssen aber konstant Leistung bringen, um Richtung Olympia das nötige Selbstvertrauen aufzubauen. Gelingt uns das, ist einiges möglich.

Aufgebot und Zeitplan

Das deutsche Aufgebot, Frauen: Denise Herrmann (Oberwiesenthal), Juliane Frühwirt (Tambach-Dietharz), Janina Hettich (Schönwald), Vanessa Hinz (Schliersee), Franziska Preuß (Haag), Vanessa Voigt (Rotterode), Anna Weidel (Kiefersfelden). Männer: Benedikt Doll (Breitnau), Philipp Horn, Erik Lesser (beide Frankenhain), Philipp Nawrath (Nesselwang), Roman Rees (Schauinsland), Justus Strelow (Schmiedeberg).

Zeitplan, Samstag, 11.45 Uhr: Damen-Einzel, 15 km. 15 Uhr: Herren-Einzel, 20 km. Sonntag, 11 Uhr: Damen-Sprint, 7,5 km. 13.45 Uhr: Herren Sprint, 10 km (jeweils live im ZDF und Eurosport).