Nationalmannschaft

Wie sich Timo Werner den Frust von der Seele spielt

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Sebastian Weßling
Erleichtert fällt DFB-Stürmer Timo Werner nach seinem Tor zum 2:0 Thomas Müller in die Arme. Werner tankte mit seinen beiden Toten Selbstvertrauen.

Erleichtert fällt DFB-Stürmer Timo Werner nach seinem Tor zum 2:0 Thomas Müller in die Arme. Werner tankte mit seinen beiden Toten Selbstvertrauen.

Foto: Getty

Als Chancentod schon abgestempelt, als zweifacher Torschütze die DFB-Elf auf WM-Kurs gebracht: Timo Werner zahlt das Vertrauen zurück.

Skopje. Normalerweise ist Beifall ein Balsam für die Seele, gerade für eine sensible Stürmernatur wie Timo Werner. Der Applaus, der ihm vor Anpfiff von rund 16.000 Zuschauern in der Tose-Proeski-Arena in Skopje entgegenbrandete, nachdem seine Mannschaftskollegen ausgepfiffen worden waren, dürfte dem Nationalspieler Werner aber keine besondere Freude bereitet haben. Denn er war kein Ausdruck nordmazedonischer Gastfreundschaft oder gar besonderer Wertschätzung – sondern eine hämische Erinnerung an die jüngere Vergangenheit.

Werner vergab im Hinspiel auf klägliche Weise

Am Ende war es ausgerechnet Werner, der die heimischen Fans verstummen ließ, der den Gastgebern mit seinen Treffern zum 2:0 und 3:0 endgültig die Hoffnung auf die Sensation nahm und einen wichtigen Teil beitrug zum 4:0 (0:0)-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen den Außenseiter Nordmazedonien.

Aber es lohnt sich noch einmal zurückzublicken auf den Applaus und seine Ursache: Beim ersten Aufeinandertreffen beider Mannschaften im März in Duisburg hatte Werner beim Stand von 1:1 den Ball auf beinahe klägliche Weise am leeren Tor vorbeigeschoben und so den Weg bereitet für die blamable 1:2-Niederlage. In Deutschland war er Depp der Nation, in Nordmazedonien ernannte ihn die Tageszeitung Vecer zum Ehrenbürger.

Bundestrainer Flick: Vielleicht ist der Knoten geplatzt

Werner hat es nicht leicht in diesen Tagen: Beim FC Chelsea bekommt er deutlich weniger Spielzeit, seit der den Sturmhünen Romelu Lukaku verpflichtet hat. Werner ist eher ein Sturmrenner: Er hat enormes Tempo, braucht aber Räume, um das auszuspielen – und tut sich schwer, wenn der Gegner die verweigert. Das war besonders beim mühsamen 2:1 gegen Rumänien am Freitag zu sehen, als er zwar viel ackerte und immer wieder in die Tiefe startete, aber oft die falschen Laufwege wählte und am Ende torlos blieb.

Auch in Nordmazedonien startete er glücklos, traf einmal den Pfosten und vergab weitere gute Chancen. Dann aber „ist der Knoten geplatzt, bei der Mannschaft und vielleicht auch bei Timo“, sagte Bundestrainer Hansi Flick. Dessen zweiter Treffer, ein herrlicher Schlenzer vom linken Strafraumeck, war wohl auch ein Produkt frisch erworbenen Selbstvertrauens.

Einzelgespräche mit dem Bundestrainer fruchteten

So schnell kann es eben gehen als Stürmer, nun hat Werner fünf Tore in fünf Spielen unter Flick vorzuweisen – eine exzellente Quote. Der Bundestrainer ist ohnehin ein wichtiger Förderer, er hat in den vergangenen Wochen vielmehr keine Gelegenheit ausgelassen, Werner zu loben – auch vor der Mannschaft und in mehreren Einzelgesprächen. Das fruchtete. „Ich habe es schon oft gesagt, wenn ein Trainer einen mag und auf einen setzt, dann hilft das jedem Spieler“, sagt Werner. „Gerade als Stürmer braucht man dieses Vertrauen, und ich vielleicht doppelt. Und das gibt er mir zu hundert Prozent.“

Flick hat allerdings auch keine andere Wahl. Er braucht den Mittelstürmer Werner in guter Verfassung, weil er sich frei nach Vorgänger Joachim Löw ja keinen anderen Mittelstürmer schnitzen kann. In der Bundesliga sind Angreifer mit deutschem Pass rar gesät und von der Idee, einen Zweitliga-Torjäger wie den Schalker Simon Terodde mitzunehmen, hält Flick wenig. Und so lässt er Werner bei der Nationalmannschaft konsequent spielen und den Frust von der Seele. Die Nationalmannschaft war zuletzt eine Art Sanatorium für ihn, das hat Werner auf Nachfrage dieser Redaktion selbst gesagt: „Natürlich wirkt es sich bei Chelsea aus, wenn man mit mehr Selbstbewusstsein von der Nationalmannschaft zurückkommt.“

Es wäre aber für alle Seiten hilfreich, wenn dieses Selbstvertrauen nun dauerhaft erhalten bleibt – und nicht bei jedem Wiedersehen mit der Nationalmannschaft erst mühsam wieder aufgebaut werden muss.