Helden der Hauptstadt

Kirsten Bruhn: Das zähe Ringen um Anerkennung

| Lesedauer: 6 Minuten
Inga Böddeling
Kirsten Bruhn (l.) ist Deutschlands erfolgreichste Para-Schwimmerin, da gratuliert auch Franziska van Almsick.

Kirsten Bruhn (l.) ist Deutschlands erfolgreichste Para-Schwimmerin, da gratuliert auch Franziska van Almsick.

Foto: BREUEL-BILD/ABB/BM

Kirsten Bruhn war erfolgreiche Paralympionikin, ist in Tokio als TV-Expertin dabei und kämpft um mehr Wertschätzung im Para-Sport.

Berlin. Am Freitag wurde Kirsten Bruhn emotional. Als Mira Jeanne Maack in ihrem ersten Paralympics-Finale über 100 Meter Rücken auf den fünften Platz schwamm, hatte die Expertin am ARD-Mikrofon Gänsehaut. Sie kann sich eben noch gut erinnern, wie das damals bei ihr war – die ersten Spiele, 2004 in Athen.

„Die Stühle in der Halle haben mich regelrecht überfordert“, erzählt die einstige Para-Schwimmerin in der neuen Folge „Helden der Hauptstadt“, dem Podcast des Olympiastützpunktes Berlin und der Berliner Morgenpost. „Die waren alle noch nicht besetzt, aber ich hatte schon das Gefühl, die Stühle gucken mich an. Das hat mich sehr aufgewühlt und angespannt.“

Die gesamte Folge mit Kirsten Bruhn finden Sie hier.

Bruhn war damals 35 und damit 18 Jahre älter als die junge Berlinerin, die am Freitag mit 17 Jahren ihre Paralympics-Premiere feierte. Die nächste Generation um Mira Jeanne Maack trumpft im Becken in Tokio gerade auf – und Bruhn ist wieder hautnah dabei.

Für die 51-Jährige sind es die fünften Paralympics, drei hat sie als Sportlerin erlebt, 2016 in Rio und nun in Tokio hat sie die Perspektive gewechselt, ist als TV-Expertin am Start. Nach gut 20 Jahren mit drei Goldmedaillen bei den Paralympics, diversen Welt- und Europameistertiteln und unzähligen deutschen Meistertiteln ist Bruhn die richtige Ansprechpartnerin, wenn es um den Para-Sport geht.

Paralympics entwickeln sich über die Jahre immer besser

Sie hat viel erlebt, nicht nur in Athen, auch in Peking 2008 und vier Jahre später in London. Seit einem Motorradunfall vor 30 Jahren ist die Berlinerin inkomplett querschnittgelähmt, braucht einen Rollstuhl als Hilfsmittel und ist damit auch bei den Paralympics immer mal wieder auf Hindernisse gestoßen.

„Es wird immer besser“, sagt sie zum Thema Barrierefreiheit. „In Athen war es noch nicht so gut wie in Peking, und in London war es dann noch mal besser. Das war ein tolles Miteinander, eine tolle Organisation. Es kann aber immer noch besser werden.“

Aus Tokio fluteten während der Olympischen Spiele Videos das Internet, in denen sich die Sportlerinnen und Sportler im olympischen Dorf in ihre engen Badewannen quetschten. Das war lustig, kann für Menschen mit Handicap aber zu einem echten Problem werden.

Paralympics sind kein Luxusurlaub

„Es werden vielleicht keine Suiten sein, aber das hatten wir nie“, erzählt Bruhn. „Wir Sportler werden da nicht hofiert, haben keine Luxusbetreuung. Damit muss sich der Athlet arrangieren, das gehört zu seiner Vorbereitung, zur Fokussierung. Es war auch immer eine logistische Herausforderung. Barrierearme, rolli-gerechte Zimmer waren rar gesät. Da musste so geplant werden, dass dort die reinkommen, die es am nötigsten haben.“

Nötig sind da vor allem Betreuer und Therapeuten, die Tag und Nacht mit Rat und Tat zur Seite stehen, um die großen und kleinen Hürden des täglichen Lebens im Athletendorf zu überwinden. „Es ist nicht nur Spaß“, weiß Bruhn, „das sind knallharte drei Wochen, nach denen jeder wahrscheinlich wie eine Kerze umfällt.“

Knallharte drei Wochen, in denen diverse Lebensträume in Erfüllung gehen. Von Menschen, die lange mit ihrer Beeinträchtigung gehadert haben, für die ihre Behinderung Ansporn ist, allen zu zeigen, wie leistungsfähig sie sind, die nach einem Unfall erst damit klarkommen mussten, dass ihr Leben jetzt anders aussieht.

Bruhn ging für ihre Eltern an den Start, nicht für Deutschland

So wie Kirsten Bruhn. „Es ist ein ständiger Kampf, akzeptieren werde ich das nie, ich versuche einfach, das Beste draus zu machen“, sagt die Paralympionikin, die 2014 ihre Karriere beendete. „Es ist einfach so hoch anzuerkennen, was die Athleten da in ihren Sportarten abliefern. Man muss sie mal beobachten, wie viel Freude sie dabei haben.“

Es ist ein Kampf, den der Para-Sport schon seit vielen Jahren führt: der Kampf um mehr Anerkennung. Die Aufmerksamkeit sei schon gestiegen, das hat auch Bruhn beobachtet. Bei der Anerkennung könne Deutschland aber noch nachlegen. Das würden andere Länder deutlich besser hinbekommen.

„Es heißt immer, wir präsentieren hier unser Land“, erklärt Bruhn. „Ja, aber ich glaube, wir würden das noch mehr mit gestählter Brust machen, wenn wir noch mehr das Gefühl hätten, dass unser Land auch hinter uns steht. Und das haben wir nicht, das haben viele andere Nationen viel mehr. Deshalb habe ich auch immer gesagt: Ich bin nicht für Deutschland an den Start gegangen, ich bin für mich und meine Eltern an den Start gegangen.“

Schubladendenken ist ein großes Problem

Vorurteile, Schubladendenken, Stempel aufgedrückt bekommen – all das hat Bruhn selbst erlebt. Sie hat erlebt, wie sich die Wahrnehmung änderte, als sie plötzlich im Rollstuhl saß. Wie sich Menschen ihr gegenüber völlig anders verhielten. „Das macht das Ganze noch mal viel schlimmer“, findet Bruhn. „Das ändert sich nicht, auch nicht nach 30 Jahren.“

Auch nicht nach diversen Medaillen, Paralympics-Siegen und Rekorden. Bruhn würde sich wünschen, dass auch in Deutschland die Wertschätzung für Menschen mit Behinderung zunimmt. „Jeder kann erkranken, jeder kann einen Unfall haben, niemand hat die Wahl getroffen, mit einer Einschränkung auf die Welt zu kommen“, sagt sie.

Dass aus Tokio mehrere Stunden lang berichtet wird, dürfte ein nächster kleiner Schritt sein, um Barrieren abzubauen. Bruhn wird am Mikrofon dazu beitragen. Und zusehen, wie auch die nächste Generation um mehr Anerkennung kämpft.

Alle Folgen „Helden der Hauptstadt“ finden Sie hier.