Helden der Hauptstadt

Ali Lacin sprintet auf Federn nach Tokio

| Lesedauer: 5 Minuten
Inga Böddeling

Ali Lacin haderte mit seiner Behinderung. Bis ein TV-Beitrag sein Leben veränderte. Jetzt träumt er von einer Paralympics-Medaille.

Berlin. Am Anfang wollten sie den Jungen mit den Prothesen nicht in ihrem Team haben. Beim Hallenfußball war Ali Lacin meist der Letzte, der in die Mannschaft gewählt wurde. Sie kannten den fremden Jungen nicht, und dann waren da ja auch noch diese merkwürdigen Stelzen statt ganz normaler Fußballschuhe. Als die anderen Kinder aber sahen, wie der kleine Ali reaktionsschnell die Bälle von seinem Tor fernhielt, „war ich die Nummer eins, die man gern im Team haben wollte“, erzählt er heute.

Aus einer Fußballkarriere ist trotzdem nichts geworden. Dafür geht Lacin (33) ab kommender Woche bei den Paralympics in Tokio (24. August bis 5. September) im Leichtathletik-Stadion auf Medaillenjagd. 200 Meter Sprint und Weitsprung, in der Startklasse T61 der beidseitig oberschenkelamputierten Athleten.

Die gesamte Folge mit Ali Lacin finden Sie hier.

Lacin wurde mit einer Tibiaaplasie geboren, also mit Füßen und Wadenbeinen, aber ohne Schienbeine und deshalb auch ohne Kniegelenke. Mit eineinhalb Jahren wurden ihm die Beine abgenommen. Ein Einschnitt, mit dem er lange haderte, seine ganze Kindheit, seine gesamte Jugend, bis in die frühen Jahre als Erwachsener.

„Ich hatte große Probleme, war die meiste Zeit zu Hause“, erzählt Lacin in der neuen Folge „Helden der Hauptstadt“, dem Podcast des Olympiastützpunktes Berlin und der Berliner Morgenpost. „Ich wollte mich nie ohne Prothesen oder in Shorts zeigen, wollte nie zeigen, dass ich eine Behinderung habe. Die Blicke der Menschen haben mir so weh getan, dass ich damit nicht umgehen konnte.“

In der neunten Klasse saß Lacin dann ein Jahr lang im Rollstuhl, die Psyche hatte nicht mehr mitgemacht, das Laufen auf Prothesen funktionierte nicht mehr. „Das waren die dunkelsten Jahre“, sagt er. „Ich habe immer zu spüren bekommen, dass ich anders bin.“ Der Junge aus dem Wedding wollte nicht bemitleidet werden, wollte nicht anders sein.

Auf Carbonfedern muss er noch einmal laufen lernen

Die große Veränderung kam Ende des Jahres 2011. Vor gut zehn Jahren sah Lacin einen TV-Beitrag über Leichtathleten, die sich auf die Paralympics 2012 in London vorbereiteten. „Ich wusste vorher nicht, was die Paralympics sind“, erinnert er sich, „ich wusste dann aber, dass ich das auch machen will. Ich spiele zwar Fußball, aber stehe da nur im Tor, kann keine Sprints machen. Ich war neugierig, und dann ging die Reise auch schon los.“

Die neue Perspektive machte den Para-Leichtathleten so optimistisch, dass er direkt London 2012 anpeilte. Bei den ersten Gehversuchen musste Lacin dann aber einsehen, dass er nicht einfach loslaufen kann. „Ich musste ein Jahr lang das Laufen neu lernen“, erzählt er. Beim Sprinten trägt er Carbonfedern, die aus der Hüfte heraus in Bewegung gesetzt werden, beim Laufen machen die Beine Sichelbewegungen.

„Am Anfang ist es natürlich total schwer, mit etwas umzugehen oder etwas zu kontrollieren, was einem gar nicht gehört“, weiß Lacin, der sich im Januar 2013 sogar das Schlüsselbein brach, weil er beim Training stürzte. „Es ist zwar eine perfekte Anpassung, aber trotzdem hat man nicht die Kontrolle darüber.“

Für seinen Traum von den Paralympics gibt er das eigene Unternehmen auf

Mittlerweile weiß er genau, was er tun muss, um seine Federn in Schwung zu bringen. Das brachte ihm bei der Para-EM 2018 in Berlin Silber und bei der WM 2019 in Doha Bronze über 200 Meter ein – seine bislang größten Erfolge. Und seine größte Erkenntnis? „Ich kann Sprinter ohne Beine sein.“

Die Blicke sind jetzt anerkennend, Lacin genießt es, wenn neugierige Fragen kommen und er über seine große Leidenschaft sprechen kann. Das sei genau der richtige Weg, für mehr Toleranz und weniger Ausgrenzung. „Gespräche können Welten öffnen“, sagt er.

Ein Gespräch, das für ihn selbst noch einmal eine Welt öffnete, fand Ende 2017 am Olympiastützpunkt in Berlin statt. Weil Lacin die Paralympics 2016 in Rio verpasst hatte, beendete er seine Sportkarriere. Ein Jahr lang hatte er nicht mehr trainiert. Beim OSP waren sie aber davon überzeugt, dass die Para-EM 2018 in Berlin eine gute Gelegenheit wäre, um die Federn noch einmal anzuschnallen.

In Tokio ist eine Medaille das Ziel

Lacin war klar, dass sich etwas ändern muss, wenn er noch einmal einen Anlauf wagt. Er stieg aus dem 2013 mit seinem Bruder Osman gegründeten Süßwaren-Großhandel Sweetstore aus, bekam über die Laufbahnberatung eine neue Stelle, die sich besser mit seinen sportlichen Ambitionen vereinbaren ließ. „Leistungssport und Selbstständigkeit, das ist unmöglich“, sagt er heute. „Mein armer Bruder musste alles allein stemmen. Jetzt hat er sich einen anderen Bruder ins Boot geholt und das klappt super.“

Und auch beim sprintenden Bruder läuft’s. Selbst ein Armbruch Ende April diesen Jahres konnte Ali Lacin nicht stoppen. In Tokio peilt er mindestens eine Medaille an, über eine zweite würde er sich natürlich auch nicht beschweren. Der Junge mit den Prothesen, er will es noch einmal allen beweisen.

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