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DFB: Müller nennt Streit mit Löw "Schnee von gestern"

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Sebastian Weßling

Foto: firo

Thomas Müller ist zurück im Kreis der Fußball-Nationalelf. Der Veteran mit 100 Länderspielen ist in der EM-Vorbereitung voller Tatendrang.

Seefeld. Thomas Müller ist in seinem Element. „Das Trikot spannt aber ganz schön“, ruft er einem Betreuer der deutschen Nationalmannschaft zu. Und dann, zum Teamfotografen: „Halt da mal drauf, das ist doch ein Bild für die Götter.“

Müller ist wieder da, ist zurück in der Nationalmannschaft – das ist nicht zu übersehen und nicht zu überhören im Trainingslager für die Europameisterschaft (11. Juni bis 11. Juli). Oliver Bierhoff, der DFB-Direktor, hat schon kurz nach der Anreise ein paar Sprüche gedrückt bekommen und den Mitspielern geht es nicht besser. „Duell der LKWs!“, brüllt Müller, als die wuchtigen Innenverteidiger Mats Hummels und Niklas Süle sich bei einer Zweikampfübung beharken. Aber der Angreifer ist auch zu hören, wenn er selbst aktiv ist, wenn Spielformen angesetzt sind. Dann dirigiert er die Mitspieler lautstark, dann treibt er sie an, dann gibt er das Kommando, ins Pressing zu gehen. „Ich weiß eigentlich, dass er sehr viel redet, aber ich hatte es irgendwie vergessen“, sagt Mitspieler Emre Can grinsend. „Er ist wirklich wie ein Radio.“

Der Spitzname "Radio Müller" ist nicht neu

Radio Müller – der Spitzname ist nicht neu und dieser Wesenszug ist ein Grund, warum Müller wieder dabei ist in der deutschen Elite-Auswahl, nachdem ihn Bundestrainer Joachim Löw vor gut zwei Jahren aussortiert hatte. Löw wollte einen Umbruch, wollte neuen Talenten Raum zur Entfaltung geben ohne so eine dominante Figur wie Müller – und musste vor der EM erkennen, dass das nicht wie gewünscht funktioniert hat. Der Mannschaft fehlte es zuletzt an Führung auf dem Platz, an Sicherheit in schwierigen Phasen und an zuverlässigen Torgaranten. All das bringt Müller mit.

Löw machte also die Rolle rückwärts, reaktivierte den Veteranen mit 100 Länderspielen, den Weltmeister von 2014 – und der ist voller Tatendrang, zitiert seinen früheren Trainer Jupp Heynckes: „Ich habe meine größte Motivation immer aus Niederlagen gezogen.“

"Überfall" von Bundestrainer Joachim Löw in München

Denn die Ausbootung aus der Nationalmannschaft war eine Niederlage, daraus macht Müller keinen Hehl. Und sie war damals sogar nachvollziehbar, weil der Angreifer bei den Bayern eine Schwächephase erlebte. „Ich hätte die Entscheidung gerne anders gehabt, aber ich habe verstanden, was der Bundestrainer meint“, sagt Müller. Ihn störte „die Art und Weise, wie das abgelaufen ist“. Löw hatte ihn regelrecht überfallen in München, genau wie die Mitspieler Mats Hummels und Jerome Boateng, und ihnen mitgeteilt, dass er nicht mehr mit ihnen plane. Müller ließ daran öffentlich am deutlichsten seinen Unmut erkennen.

„Schnee von gestern“, sagt er heute. Beim FC Bayern erlebte er unter Hansi Flick einen sensationellen Aufschwung und in mehreren Telefonaten näherten sich der Bundestrainer und der Verstoßene wieder an. „Wenn ich die Möglichkeit habe, die deutschen Farben bei einem Turnier zu vertreten und vielleicht einen Titel zu holen und den deutschen Fußball etwas wachzumachen, bin ich sehr glücklich darüber“, sagt der 31-Jährige.

Müller und die Europameisterschaft, das ist ja ein ganz spezielles Thema. Bei zwei Turnieren und insgesamt zehn Spielen gelang ihm eine einzige Vorlage – lächerlich wenig für seine Verhältnisse. Die Bilanz kann er nun aufpolieren, und auch wenn er den Titel nicht als Ziel ausgibt: Durchgängig spricht der Angreifer von sechs gemeinsamen Wochen mit der Mannschaft – das würde zumindest die Finalteilnahme bedeuten.

Sané über Müller: "Er wird uns sehr weiterhelfen"

Die Chancen darauf haben sich mit seiner Rückkehr erheblich erhöht, finden die Mitspieler: „Ich freue mich, dass er wieder dabei ist“, sagt Leroy Sané. „Mit seiner Art und seiner Spielweise wird er uns sehr weiterhelfen.“ Dabei geht der Start ziemlich in die Hose: Als sich die Mannschaft zum Aufwärmen den Ball durch die Luft zuspielen soll, mit maximal zwei Kontakten, ist Müller der erste, dem die Kugel auf den Boden fällt – das gibt eine Runde Ohrenschnippen und ein paar Sprüche der Kollegen.

Aber ein Edeltechniker war Müller noch nie, er bringt andere Stärken ein: sein Spielverständnis, sein Gespür für Räume, die noch gar nicht da sind, seine Zweikampfstärke auch in der Defensive. „Ich will der Katalysator sein, der den Turbo der Mannschaft zünden kann“, sagt er selbstbewusst. Sich selbst aber wolle er gar nicht zu wichtig nehmen: „Wir sind als Einzelperson ganz klein. Ich bin weit davon weg, mich über andere zu stellen.“ Aber der Rückkehrer soll schon vorangehen, das hat Löw ihm zwar nicht explizit mit auf den Weg gegeben – aber der Bundestrainer hat ja genau gewusst, wen er sich da zurückholt und welches Sendungsbewusstsein zum Paket Thomas Müller gehört.

Und das wissen auch die Mitspieler. Als Müller am Sonntag in Seefeld zu den Journalisten spricht, kommt irgendwann Mats Hummels vorbei, der zweite Rückkehrer. „Ich muss den Mull jetzt mitnehmen“, sagt der. „Aber er wird euch in den nächsten Tagen schon noch genug Geschichten liefern.“