Olympia

Marathon-Läuferin Rabea Schöneborn: Wettlauf gegen die Zeit

| Lesedauer: 5 Minuten
Inga Böddeling
Rabea Schöneborn wechselte vom Modernen Fünfkampf auf die Marathon-Strecke.

Rabea Schöneborn wechselte vom Modernen Fünfkampf auf die Marathon-Strecke.

Foto: Kai Peters via www.imago-images.de / imago images/Jan Huebner

Rabea Schöneborn kämpft beim Marathon in Enschede um ein Ticket für die Olympischen Spiele, Doch die Qualifikation ist kompliziert

Berlin. Es ist dieser eine Satz, der die Situation perfekt beschreibt. „Sicher ist gar nichts“, sagt Rabea Schöneborn. Das gilt in der Corona-Pandemie nicht nur für die Frage nach dem nächsten Lockdown. Das trifft bei der 27 Jahre alten Marathon-Läuferin auch auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen zu. Und auf die Frage, wie viele Wettkämpfe bis dahin noch stattfinden können, um sich für das Event im Sommer zu qualifizieren.

Einer steht am kommenden Sonntag in Enschede (Niederlande) an. Die Alternativ-Veranstaltung für den Hamburg-Marathon, der am vergangenen Sonntag geplant war, wegen strenger Corona-Maßnahmen aber abgesagt werden musste. Und Rabea Schöneborn ist eine von 23 Läuferinnen, die in den Niederlanden an den Start gehen darf. „Das ist ein Rennen, in dem es nur um eine schnelle Zeit gehen wird“, weiß die Athletin der LG Nord Berlin.

Die drei Zeitschnellsten fahren zu Olympia nach Tokio

Drei Tickets für Olympia in Tokio (23. Juli bis 8. August) gibt es, fünf deutsche Läuferinnen haben bislang die Norm von 2:29:30 Stunden unterboten. Heißt: „Die schnellsten drei fahren nach Tokio“, erklärt Schöneborn, die bei ihrem Marathon-Debüt im Dezember in Valencia gleich 2:28:42 gelaufen war. „Man muss sich in der Rangliste jetzt behaupten.“ Die führt aktuell Melat Kejeta (Kassel) mit einer Zeit von 2:23:57 Stunden an. „Die ist im Grunde außer Konkurrenz, weil wir an ihre Zeit nicht rankommen“, weiß Schöneborn.

Ihre größte Gegnerin ist in Enschede gar nicht am Start. Und kommt auch noch aus der eigenen Familie. Zwillingsschwester Deborah liegt mit 2:26:55 Stunden gerade auf dem begehrten zweiten Rang. Deshalb geht es auf den 42,195 Kilometern am Sonntag darum „ihre Zeit zu schlagen“, sagt Rabea Schöneborn. Ein Problem ist das nicht. Für die beiden jüngeren Schwestern von Fünfkampf-Olympiasiegerin Lena Schöneborn ist die Konkurrenz-Situation schließlich nichts Neues.

Bis zum 31. Mai läuft der Kampf um die Olympia-Tickets

Beide hatten erst mal ihrer großen Schwester nachgeeifert, waren im Modernen Fünfkampf unterwegs. Bis 2017 die Liebe zur Laufstrecke so groß wurde, dass sich die Zwillinge für einen Wechsel entschieden. Seitdem haben sie so ziemlich alles ausprobiert, was die Leichtathletik da zu bieten hat. „Von 800 Metern aufwärts“, erzählt Rabea Schöneborn. „Mit der Zeit haben wir dann festgestellt, dass uns die langen Strecken einfach liegen. Wir sind sehr ausdauerstark, sehr trainingsfleißig und das kommt uns da einfach entgegen. Je länger desto besser.“

Seitdem arbeiten die Trainingspartnerinnen auf ihr großes Ziel Olympia hin. Bis zum 31. Mai läuft der Kampf um die drei Tokio-Tickets. Vielleicht findet noch ein Marathon in Mailand statt, vielleicht auch einer in Kopenhagen. Wer weiß das schon so genau. „Wir sind froh, wenn wir überhaupt ein Rennen finden“, sagt Schöneborn. „Und wenn die Olympischen Spiele stattfinden, muss es eben auch eine Qualifikations-Möglichkeit geben. Fair wird’s so oder so nur noch schwierig.“

Olympia-Qualifikation ist in vielen Sportarten kompliziert

Die Psychologie-Studentin schätzt sich glücklich, dass sie am Sonntag in Enschede starten darf. Das Glück hätten nicht viele Läuferinnen. In anderen Sportarten ist ein ähnliches Chaos ausgebrochen, Planungssicherheit hat kaum jemand. „Die Qualifikations-Thematik ist einfach super schwer in diesem Jahr“, sagt sie.

Nichtsdestotrotz sei es „für uns das Highlight, wenn wir beide nach Tokio fahren“, sagt Rabea Schöneborn. Sollte es aber für sie selbst nicht klappen, wäre das nicht der Weltuntergang. In drei Jahren stehen schließlich schon die nächsten Sommerspiele an. „Ja, ich will zu den Olympischen Spielen, und ich werde auch alles geben, das zu schaffen“, sagt sie. „Wenn es klappt, ist es megamäßig. Aber wenn es nicht funktioniert, dann ist meine Karriere noch jung.“

Im Grunewald laufen die Zwillinge am liebsten

Das vergangene Jahr und ihr Psychologie-Studium haben Schöneborn geholfen, ihre Pläne und Träume mit mehr Gelassenheit anzugehen. Unsicherheit gehört in dieser Saison eben dazu, Flexibilität ist die einzige Lösung. Das musste die Berlinerin auch im vergangenen Jahr schnell lernen, als plötzlich all ihre Trainingsstätten im Lockdown schließen mussten.

Kein Schwimmbad mehr, kein Fitnessstudio, stattdessen war der Kampf um Zeit-Slots im Kraftraum des Olympiastützpunktes Berlin in Hohenschönhausen entbrannt. Für viele Athleten die einzige Möglichkeit, ihr Training halbwegs normal weiterlaufen zu lassen. Schöneborn hatte immerhin den Vorteil, dass Laufen nach wie vor möglich war. Und weil die Zwillinge zusammen in Moabit wohnen, konnten sie als ein Haushalt auch weiterhin zusammen trainieren.

Also ging es regelmäßig in den Grunewald - die liebste Laufstrecke der Zwillinge. Weil der Weg von Moabit bis dorthin aber auf Dauer etwas lästig wird, suchen die beiden gerade eine Wohnung in Charlottenburg. Und mussten feststellen, dass die Wohnungssuche in Berlin fast so schwierig ist wie die Olympia-Qualifikation in diesem Jahr.