Olympia in Tokio

Olympia in Tokio: Wenn die Qualifikation zur Qual wird

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Inga Böddeling
Im Juli 2019 war Wasserspringer Patrick Hausding bei der WM im Einsatz - und muss für die Qualifikation für Olympia vielleicht auf seine Ergebnisse von damals zurückgreifen.

Im Juli 2019 war Wasserspringer Patrick Hausding bei der WM im Einsatz - und muss für die Qualifikation für Olympia vielleicht auf seine Ergebnisse von damals zurückgreifen.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Etwas mehr als drei Monate vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio ist die Verunsicherung unter den Athleten groß.

Berlin. Es soll ein goldener Abschluss werden. Wenn es nach Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, geht, soll die deutsche Nationalmannschaft im Sommer bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille holen. Und dem Berliner damit bei seinem letzten großen Turnier als DHB-Funktionär einen erfolgreichen Abschied bescheren.

Die Voraussetzungen dafür sind gar nicht schlecht. Die Qualifikation für Olympia haben die Handballer bereits in der Tasche. Um die ganz persönlichen Tickets müssen die Spieler allerdings noch kämpfen. Wer die Reise nach Japan antreten darf, entscheidet Bundestrainer Alfred Gislason erst in ein paar Wochen. Bis dahin können die Profis ihre Bewerbungen mit guten Leistungen in der Bundesliga noch einreichen.

Wasserspringer müssen wohl auf Ergebnisse von 2019 zurückgreifen

Gut 100 Tage vor dem weltweit größten Sportevent (23. Juli bis 8. August) ist der Weg zum Tokio-Ticket nicht überall so einfach. Patrick Hausding beispielsweise muss sich wohl auf seine Leistungen von vor zwei Jahren verlassen. Der Berliner Wasserspringer sollte eigentlich im April und Mai in Tokio – genau wie die Freiwasser- und Synchronschwimmer – seine Olympia-Qualifikation austragen. Doch die Wettkämpfe mussten wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Wie nun die Tickets vergeben werden sollen, ist noch unklar. Vielleicht auf Grundlage der Ergebnisse der WM 2019.

Dass angesichts eines solchen Chaos die Sorgen bei Sportlerinnen und Sportlern groß sind, ist nicht überraschend. Und weil es jede Menge Redebedarf gibt, haben Max Hartung und sein Athletenverein eine Hotline für besorgte Olympia-Anwärter eingerichtet. Die Stimmung sei sehr angespannt, erzählt der viermalige Fecht-Europameister und Präsident vom Verein Athleten Deutschland Hartung.

Bei den Gewichthebern sollen die Vorgaben plötzlich geändert werden

Der Athletensprecher hat eine „große Unsicherheit“ ausgemacht, „die es extrem schwer macht, sich ganz auf den Sport zu konzentrieren und die besten Leistungen zu bringen“. Befeuert werden die Sorgen durch mangelnde Planbarkeit, fehlende Kommunikation, unterschiedliche Qualifikations-Voraussetzungen und löchrige Schutz-Konzepte. Nicht nur im Wasserspringen, auch im Reiten, Judo oder Fechten gibt es Probleme.

Und bei den Gewichthebern. „Wir haben momentan das Problem, dass wir ein bisschen in der Schwebe sind“, sagte Bundestrainer David Kurch. Der Weltverband IWF hat dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vorgeschlagen, die Qualifikationskriterien noch einmal zu ändern. Zum Ärger vieler noch nicht qualifizierter Sportler, die noch im alten System rechnen und hoffen, dass ihre Leistungen am Ende reichen.

Berlins Basketball-Nationalspieler müssen Ende Juni ran

Selbst die weltweit erfolgreichste Dressurreiterin, Isabell Werth, bangt noch um Olympia. Weil ihr Top-Pferd Bella Rose seit der EM 2019 nicht international aufgetreten ist und deshalb den vom Weltverband geforderten Leistungsnachweis bisher nicht erbracht hat, fehlt die Starterlaubnis für die Sommerspiele. Im Dressurreiten bekommt man die eigentlich nur bei internationalen Turnieren, von denen es bis zu Olympia keine mehr gibt. Die schlussendliche Qualifikation steigt im Sommer in Balve.

Wie auch bei den deutschen Basketballern. Weil die Nationalmannschaft um die Berliner Alba-Profis Niels Giffey, Johannes Thiemann und Maodo Lo das direkte Ticket verpasst hat, muss das Team von Bundestrainer Henrik Rödl beim Qualifikationsturnier in Split/Kroatien (29. Juni bis 4. Juli) gewinnen, um nach Tokio zu dürfen.

Andere Länder haben ihre Olympia-Starter schon geimpft

Bei den Ruderern startet der Showdown schon Mitte Mai – wenn nicht noch irgendein Lockdown dazwischenkommt. Erst sechs von 14 deutschen Booten haben sich bislang zu den Olympischen Spielen gerudert. Die restlichen acht Boote müssen in gut vier Wochen auf dem Rotsee von Luzern in die Nach-Qualifikation.

Der Blick vieler deutscher Athleten geht aber nicht nur wegen der anstehenden Qualifikationen ins Ausland. Auch in Sachen Gesundheitsschutz wird der eine oder andere mit Blick auf die internationale Konkurrenz ein wenig neidisch. Da einige Nationen ihre Impfkampagne schneller vorangetrieben haben als Deutschland, sind dort auch viele Athleten bereits geimpft.

„Die können sich jetzt viel unbesorgter vorbereiten und mit viel weniger Sorge an Quali-Wettkämpfen teilnehmen“, sagt Hartung, der selbst als Kontaktperson einer Schwangeren ein Impfangebot erhalten hatte: „Das bringt diejenigen, die jetzt die ganze Zeit aufpassen und Kontakte vermieden haben in einen Wettbewerbsnachteil. Das fühlt sich auch ein Stück weit ungerecht an.“ Und macht die Voraussetzungen für den Kampf um die Goldmedaillen im Sommer in Tokio nicht gerade fairer.