Berlin-Derby

Union ist nur der gefühlte Sieger, Hertha enttäuscht

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Michael Färber und Jörn Lange
Robert Andrich (r.) brachte Union Berlin in Führung, Dodi Lukebakio traf für Hertha BSC vom Punkt.

Robert Andrich (r.) brachte Union Berlin in Führung, Dodi Lukebakio traf für Hertha BSC vom Punkt.

Foto: Andreas Gora / dpa

Das Hauptstadt-Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC endet 1:1. Andrich erzielt die Führung, Lukebakio gleicht per Elfmeter aus.

Berlin. Die Frage, wer nach dem Berliner Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC denn nun zufriedener sei, beantwortete Oliver Ruhnert treffend. „Wir sind sicherlich nicht unzufriedener, als es der Gegner sein dürfte“, sagte Unions Geschäftsführer Profifußball nach dem 1:1 (1:1) am Ostersonntag in der Alten Försterei.

Tatsächlich hatte das achte Duell um die Stadtmeisterschaft nicht wirklich einen Sieger verdient, auch wenn die Köpenicker vor allem „in der zweiten Halbzeit die klar aktivere Mannschaft“ waren, so Ruhnert weiter, „aber uns hat die Tiefe gefehlt. In der ersten Halbzeit mussten wir das zweite Tor machen, dann wäre das Spiel für uns in eine ideale Richtung gelaufen. In der zweiten Halbzeit war nur noch eine Mannschaft aktiv, das waren wir.“

Während man sich bei Union, das mit nun 39 Punkten weiter Siebter ist, zumindest als moralischer Sieger fühlen darf, muss der Auftritt der Herthaner im Abstiegskampf als Rückschritt bewertet werden. „Ich habe meine Mannschaft nicht erkannt. Wir haben nicht nach vorne verteidigt“, war Hertha-Trainer Pal Dardai sichtlich enttäuscht von seinem Team.

Nach einem über weite Strecken mutlosen Auftritt bleibt Hertha mit 25 Zählern als Tabellen-14. nur zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz. „Wir müssen das ganze Spiel schnell vergessen und uns fragen, wie das sein kann. Wir waren lange Zeit wie gelähmt. In der zweiten Halbzeit hatten wir keine dynamischen Balleroberungen mehr. Die konntest du komplett vergessen“, so Dardai.

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Hertha-Torwart Jarstein positiv auf Corona getestet

Vor dem Spiel begrüßten sich Union-Trainer Urs Fischer und Dardai durchaus herzlich. Beide Trainer standen sich das erste Mal gegenüber, beim kurzen Plausch vor dem Spiel wurde viel gelacht. Doch mit dem Anpfiff ging es auf dem Platz ordentlich zur Sache. Es war kein unfaires Derby in der ersten Halbzeit, doch beide Mannschaften schenkten sich nichts.

„Die richtige Lösung zu finden, war heute kompliziert. Es ist schwierig, wenn ein Gegner so tief steht“, analysierte Fischer: „Wir müssen 2:0 in Führung gehen und verschulden das 1:1 selber. Das hat Spuren hinterlassen. Wir haben es versucht, es ist heute einfach nicht so gut gelungen. Man muss gewisse Dingen auch akzeptieren.“

Fischer hatte seine Elf auf zwei Positionen verändert. Statt Marcus Ingvartsen rückte Christian Gentner ins offensive Mittelfeld, und neben Max Kruse stürmte Petar Musa, nicht Joel Pohjanpalo. Bei Hertha stand Alexander Schwolow erstmals nach acht Spielen wieder im Tor, weil sich Stammkeeper Rune Jarstein mit dem Coronavirus infiziert hat. Außerdem musste Dardai seinen Sohn Marton ersetzen, der wegen einer Knieverletzung fehlte. Für ihn rückte Jordan Torunarigha erstmals seit Anfang Februar wieder in die Startelf.

Das Derby beginnt mit Böllern hinter der Alten Försterei

Union stellte sich mit der gewohnten defensiven Ordnung dem Lokalrivalen entgegen. Hertha wiederum versuchte diese Ordnung durch aggressives Anlaufen vor allem seines Offensivtrios Jhon Cordoba, Dodi Lukebakio und Matheus Cunha zu stören. Das gelang nur bedingt, denn die Köpenicker ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht durch die gut drei Minuten zu Spielbeginn, in denen von der Waldseite hinter dem Stadion diverse Böller und Feuerwerkskörper von Union-Fans gezündet wurden.

Stattdessen hatten die Gastgeber durch Max Kruse die erste Torchance des Spiels, Schwolow war auf dem Posten (7.). Doch kurze Zeit später war der Hertha-Torwart geschlagen. Als Bogenlampe fiel Robert Andrich der Ball vor die Füße, und der Mittelfeldspieler zog aus 20 Metern einfach ab, 1:0 für Union nach zehn Minuten. Ausgerechnet Andrich, der mit seinem Platzverweis im ersten Derby dieser Saison maßgeblich zum Hertha-Sieg (3:1) beigetragen hatte, brachte Union in Führung. Es schien, als wollte er sich den Derby-Frust endgültig von der Seele schießen.

Union Berlin vergibt höhere Führung

„Für mich persönlich war das sehr, sehr schön“, sagte Andrich, „wir sind gut in die Partie gekommen, hätten eigentlich noch das 2:0 nachlegen müssen. Insgesamt ist es leider nur ein Punkt. Wir wollten hier zu Hause gewinnen. Doch die Chancen waren nicht unbedingt da.“

Doch Union blieb am Drücker. Julian Ryerson hatte mit seinem Schuss nur die Latte des Hertha-Tores getroffen, den Abpraller setzte dann Musa weit über das Tor. Das hätte das 2:0 für die Köpenicker sein müssen (12.).

Wie hitzig es zuweilen auf dem Platz zuging, verdeutlichte eine Szene aus der 27. Minute. Unions Grischa Prömel bearbeitete Herthas Mattéo Guendouzi im Mittelfeld derart, dass sich der Franzose mit einem Ellbogenschlag revanchierte, nachdem der Ball längt gespielt war. Glück für den Herthaner, dass er Prömel nicht wirklich getroffen hatte, beide sahen die Gelbe Karte.

Hertha gleicht durch Lukebakios Elfmeter aus

Hertha kam nicht wirklich vor das Union-Tor, es brauchte Hilfe vom Gegner. Und die sollte in der 32. Minute auch kommen. Union-Verteidiger Marvin Friedrich erwischte Guendouzi beim Klärungsversuch ungewollt am Fuß, jedoch ausreichend genug, damit Schiedsrichter Sascha Stegemann (Niederkassel) auf Elfmeter entschied. Lukebakio ließ sich die Chance nicht entgehen und verwandelte zum 1:1. Nach Torunarighas Kopfball auf die Latte (19.) war es der erste echte Torschuss der Herthaner.

„Ohne den Elfmeter schießt Hertha aus meinen Augen heute kein Tor“, sagte Unions Gentner: „Wir sind weiter voll im Soll, das ist heute in Ordnung. Wir brauchen keine großen Töne zu spucken. Ich würde mir einfach wünschen, dass es auch im nächsten Jahr ein Derby gibt, deshalb soll Hertha in der Liga bleiben. Dann mit Zuschauern.“

Hertha-Trainer Dardai mit mutlosen Wechseln

Noch vor der Partie hatte Dardai im Morgenpost-Interview gesagt: „Wir wollen die Nummer eins sein.“ Davon war jedoch auch nach dem Seitenwechsel nichts zu sehen. Union übernahm das Spiel, wenn auch ohne große Torgefahr auszustrahlen. Von Torjäger Max Kruse war bis auf seinen Schuss in der Anfangsphase nur wenig zu sehen.

Dennoch sah sich Dardai genötigt, die Hertha-Defensive zu stärken, Santiago Ascacibar kam nach gut einer Stunde für Lukebakio, Sami Khedira (für Guendouzi) feierte elf Minuten vor dem Ende sein Comeback. Zwei Wechsel, die nicht wirklich signalisierten, dass Hertha in der Alten Försterei unbedingt gewinnen wollte. „Wir haben nicht das beste Spiel gemacht, aber wir haben uns einen Punkt erarbeitet. Den nehmen wir mit Blick auf die Tabelle gern mit“, sagte Herthas Niklas Stark.

Union-Coach Fischer brachte mit Ingvartsen für Prömel (74.) einen frischen Offensivmann, Gentner rückte dafür nach hinten. An dem Abnutzungskampf, den sich beide Mannschaften inzwischen lieferten, änderte dies jedoch nichts. Nach 82 Minuten kam Unions Musa im Fünfmeterraum zum Kopfball – zu harmlos, um für Gefahr zu sorgen. Erst in der Nachspielzeit brachte Dardai mit Krzysztof Piatek für Cordoba Herthas Derbyhelden aus dem Hinspiel. Viel zu spät, um noch irgendwelche Gefahr heraufzubeschwören.

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