Fußball

Kann Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann auch den FC Bayern?

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Martin Henkel
Bewegung in der deutschen Trainerszene: Der Leipziger Julian Nagelsmann (l.) wird als möglicher Bayern-Coach gehandelt. Hansi Flick (r.) gilt als heißer Kandidat für den Posten des Bundestrainers.

Bewegung in der deutschen Trainerszene: Der Leipziger Julian Nagelsmann (l.) wird als möglicher Bayern-Coach gehandelt. Hansi Flick (r.) gilt als heißer Kandidat für den Posten des Bundestrainers.

Mit 28 war Nagelsmann jüngster Cheftrainer der Bundesliga, nun gilt der Leipziger als Nachfolger von Bayern-Coach Flick. Kann er das?

Leipzig. Während der Länderspielpause ist Julian Nagelsmann in seiner Heimat gewesen. Der gebürtige Landsberger hat davon auf Twitter ein Bild gepostet. Es zeigt den Trainer von RB Leipzig mit Fahrradhelm, im Hintergrund leuchten die Gipfel der Alpen. Darüber stand: „Kraft tanken für das Spiel gegen die Bayern.“

Am Samstagabend (18.30 Uhr) ist es soweit. In Leipzig empfängt der von Nagelsmann trainierte Tabellenzweite den Spitzenreiter, dessen Trainer Hansi Flick ebenfalls ein paar Tage zu Hause verbracht hat. Er war in Bammental bei Heidelberg gleich neben Wiesenbach, wo auch Nagelsmann mal gewohnt hat, damals, als er Trainer bei Hoffenheim gewesen ist und Flick zur selben Zeit Geschäftsführer des Klubs. Gern traf man sich auf Kaffee und Kuchen.

Flick gilt als Nachfolger Löws, Nagelsmann als sein Erbe

Der Showdown um die deutsche Meisterschaft ist also auch ein Wiedersehen früherer Weggefährten, die gegeneinander ausspielen, ob die Liga noch spannend bleibt oder Samstagabend vorentschieden wird. Vier Punkte liegen beide Klubs auseinander.

Doch darum geht es in dieser Partie nicht allein. Seit Joachim Löw seinen Rücktritt vom Posten des Bundestrainers nach der EM im Sommer verkündet hat, machen Domino-Spekulationen die Runde, die die alten Freunde in ein Spannungsfeld stellen. Flick gilt als Nachfolgekandidat beim DFB – und Nagelsmann als sein Erbe bei den Bayern.

Zerwürfnis zwischen Flick und Salihamidzic

Zumindest ist das die Geschichte, die aus der Gerüchteküche herauskocht und einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entbehrt. Zwar grenzt es auf den ersten Blick an Absurdität, einen wie Flick gehenzulassen, der seinem Arbeitgeber in nur eineinhalb Jahren sechs Titel gewonnen hat, aber was heißt das schon im Fußball?

Die Bayern sind in Trainerfragen ohnehin ein Fall für sich. Hinzu kommt ein tiefgreifendes Zerwürfnis zwischen Flick und Bayerns Sportchef Hasan Salihamidzic, die sich über die Frage entzweit haben, wer entscheidet, welches Personal gekauft und wie es eingesetzt wird. Bei einem dieser Dispute fing sich der Bosnier Anfang des Jahres ein „Jetzt halt endlich mal dein Maul“ von seinem Trainer ein, was Salihamidzic u.a. damit konterte, dass er sich von der Bild-Zeitung als „Bewunderer der Arbeit“ von Julian Nagelsmann bezeichnen ließ.

Nagelsmann wie Flick ohne Ausstiegsklausel

Es kann im Sommer also alles Mögliche passieren auf drei im deutschen Fußball nicht unwesentlichen Trainerstühlen, obwohl Nagelsmann wie auch Flick Verträge ohne Ausstiegsklausel bis 2023 besitzen und RB-Boss Oliver Mintzlaff zu Wochenbeginn meinte: „Man kann immer über alles sprechen. Wenn die andere Seite aber an Verträgen festhalten möchte, sollte das respektiert werden.“

Und dennoch, ausgeschlossen ist es nicht, dass der RB-Coach trotzdem schneller an der Säbener Straße landet, als sein Arbeitspapier endet. Das liegt nicht zuletzt an seinen fortgesetzt ausweichenden Antworten zur Wechselfrage, so wie der am Karfreitag, dass „ich Vertrag bis 2023 habe. Das sind die Parameter, die gelten.“

Serge Gnabry auf Topklub-Niveau geformt

Ein Dementi klingt anders, denn es fehlt ihm das Pathos für seinen aktuellen Arbeitgeber. Womöglich soll es das aber auch gar nicht sein. Nagelsmann ist in Bayern zu Hause, hat als Kind in der Bettwäsche des Rekordmeisters geschlafen, besitzt eine Wohnung in München, in der seine Frau und die zwei gemeinsamen Kinder leben, und er hat schon zu seiner Zeit als TSG-Coach auf die Frage, welchen Topklub er lieber trainieren wolle - Madrid, Barcelona oder München -, geantwortet: „Die Bayern würden mich vielleicht ein Stück glücklicher machen.“

Die Vorliebe ist also vorhanden, das Fachwissen auch, zudem hat Nagelsmann ein exzellentes Händchen für die Ausbildung von Talenten wie etwa Bayerns Stürmer Serge Gnabry, den er zu dessen Zeit als Leihspieler in Hoffenheim auf Topklub-Niveau formte. Salihamidzic jedenfalls käme das entgegen, dessen Job der stille Umbruch im älter werdenden Kader ist. Nur eines ist noch ungeklärt, und bei allem, was für einen baldigen Wechsel nach München spricht, diese Antwort ist das Zünglein an der Waage: Ist der jugendliche Coach schon reif für einen Verein wie den deutschen Branchenführer?

Als Nagelsmann 2018 eine lose Anfrage von Real Madrid hatte, winkte er damals mit der Überzeugung ab: „Du hast bei einem solchen Klub nicht die Chance, dich zu einem besseren Trainer zu entwickeln. Du musst bereits der Beste sein.“

Stattdessen entschied er sich für den Schritt nach Leipzig. Junge formbare Spieler, exzellente Arbeitsbedingungen, entspanntes Umfeld – und kein Titeldruck. Perfekt also für die eigene Reifung, der ja auch noch ein erster Titel im Profibereich fehlt - nicht unerheblich, um eine Kabine voller Stars zu managen.

Bei einem Sieg wäre für Leipzig der Titel möglich

Doch genau das kann sich in dieser Spielzeit ja ändern. Im Pokal steht RB im Halbfinale – und gewinnen die Sachsen an diesem Samstag, ist auch die Meisterschaft drin. In diesem Falle bekäme das Krafttanken in seiner Heimat für Nagelsmann eine völlig neue Bedeutung.