E-Sport

Berliner Morgenpost diskutierte im Digital Talk über E-Sport

| Lesedauer: 7 Minuten
Klaus-Jürgen Meier, Tobias Assies und Mitglied der Geschäftsleitung Paul Keuter von Hertha BSC beim Berlin-Partner-Digital Talk am 23.02.2021 in Berlin,

Klaus-Jürgen Meier, Tobias Assies und Mitglied der Geschäftsleitung Paul Keuter von Hertha BSC beim Berlin-Partner-Digital Talk am 23.02.2021 in Berlin,

Foto: Jan-Philipp Burmann / City-Press GmbH

Erkenntnisse über eine boomende Branche. Und warum Herthas E-Sportler Cristiano Ronaldo bald Konkurrenz machen könnten.

Berlin. Derzeit ist es zwar noch Zukunftsmusik, aber es ist schon lange keine bloße Fantasterei mehr. „Noch sind unsere E-Sportler als Kai, Chrissy und Leroy bekannt“, erklärte Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsführung von Hertha BSC, „aber es wird irgendwann auch in Deutschland ähnlich wie bereits in Asien dazu kommen, dass sie zu Superstars werden wie die aktiven Spieler auf dem Platz.“ Dass sie dann wie etwa ein Cristiano Ronaldo von mehr Menschen auf der Straße erkannt werden würden als ohnehin schon, sei nicht an den Haaren herbei gezogen. „Unser E-Gamer Elias Nerlich ist beispielsweise schon jetzt einer der stärksten deutschen Fifa-Influencer mit einem hohem Bekanntheitsgrad und unglaublicher Reichweite“, so Keuter.

Unter anderem um diesen Trend zu verdeutlichen, lud die Berliner Morgenpost am Dienstag unter dem Titel „Das neue Gesicht der Stadt im Bereich Digitalisierung - eSport“ zum Berlin Partner Digital Talk in den Presseraum von Hertha BSC ein. Moderiert von Morgenpost-Sportchefin Alexandra Gross diskutierten Experten aus Sport und Wirtschaft offen und vielschichtig über den Status Quo des E-Sport in der deutschen Hauptstadt.

Eine Millionen Abrufe für den E-Sport von Hertha BSC

Was sich auch im Dialog mit den Zuschauern schnell herauskristallisierte: Die boomende E-Games-Branche ist ein anerkannter, wachstumsstarker Wirtschaftsfaktor in Berlin, der gut zum internationalen und weltoffenen Flair der Stadt passt. Und: Beim E-Sport handelt es sich nach Einschätzung aller Teilnehmer trotz anhaltender Vorurteile um eine echte Sportart - einen Leistungssport zudem, den in Deutschland zurzeit ca. 4,5 Millionen Menschen betreiben.

Es ist eine Entwicklung, die Hertha BSC früh erkannt hat. Bereits 2018 gründete der Verein die erste E-Sport-Akademie eines Bundesligisten, mit dem Ziel durch deren erfolgreiche Nachwuchsarbeit Talente innovativ und nachhaltig zu fördern. Mit Erfolg: Mittlerweile steht Hertha mit seinem E-Gaming-Team auf Platz 4 der virtuellen Bundesliga. „Wenn man einen Verein zukunftsgerecht digitalisieren will, kommt man um E-Gaming nicht herum“, sagte Keuter, „30.000 Fans verfolgen unsere Matches live, rund eine Millionen rufen sie insgesamt ab.“ Bei Hertha plane man daher sogar schon, den Sektor vom Fußball-Simulatoren Fifa auf beliebte Online-Spiele wie Fortnite und League Of Legends auszuweiten. Und sich für weibliche Teams zu öffnen. „Es ist zudem ein positiver Wirtschaftsfaktor, der durchaus Gewinne abwirft“, bestätigte Keuter.

Auch Hertha-Spieler zocken an der Konsole

Einen Beitrag dazu leistet auch Herthas E-Gamer Christoph Strietzl. Während des Digital Talk brach er eine Lanze für sich und seine Teamkameraden: „Auch bei uns geht es wie beim analogen Fußball darum, täglich Leistung zu zeigen und zu gewinnen - und das während eines Wettkampfs sieben bis acht Stunden am Stück. Wir absolvieren daher ein umfassendes Trainingsprogramm, um fit zu bleiben.“ Eigentlich mache man bei Hertha aber gar keinen großen Unterschied mehr zwischen den Abteilungen. So seien vor Corona auch schon einmal die Stars der Bundesligamannschaft nach einer Partie zum Zocken an der Konsole vorbeigekommen.

Tobias Assies, Geschäftsführender Gesellschafter der Limes Vertriebsgesellschaft, bestätigte: „Es mag zwar kein Sport im klassischen Sinne sein, aber er verlangt Höchstleistung vom Gehirn, den Nervenbahnen und den Reflexen.“ Es sei außerdem ganz eindeutig eine Sportart, da man Partien nur durch sein eigenes Können entscheide und nicht etwa wie bei reinen Videospielen durch teure Gadgets. „Bei den Spielern handelt es sich um eine junge, überdurchschnittlich gebildete Zielgruppe, die sich untereinander sehr gut vernetzt und kennt“, so Assies „teilweise gibt es daher schon jetzt Influencer mit einer Reichweite von bis zu 30.000 Zuschauern, die diese an ihrem eigenen Spiel teilhaben lassen und damit sehr viel Geld verdienen.“

E-Sport als Wachstumstreiber für Berlin

Dass sich die E-Sport-Branche in Berlin wohlfühlt, dafür sorgt derweil Nadine Jüdes, Abteilungsleiterin für Digitale Wirtschaft und Start-ups bei Berlin Partner und ebenfalls ein Gast des Talks. „Es ist eine boomende Branche, ein Wachstumstreiber und ein Jobmotor“, so Jüdes, „und Berlin hat sich zu ihrer europäischen Hauptstadt entwickelt.“ Mit Riot Games, Wargaming und GamevilCome2us sitzen große internationale Entwickler an der Spree, zusätzlich ist Berlin die Heimat von namhaften E-Sport-Veranstaltern wie Star Ladder, Investoren wie Bitkraft und hat eine enorme Anziehungskraft für Talente und Investoren aus aller Welt. „Unser Job ist es, dass sich auch weiterhin internationale Player hier ansiedeln“, sagte Jüdes, „somit werden für die Stadt enorm wichtige Arbeitsplätze geschaffen und erhalten.“

Für Talkgast Thomas Bremer, Professor für Game Design an der HTW Berlin, wird aber trotz dieser positiven Entwicklung gerade im Bund noch nicht genug über eine adäquate Förderung nachgedacht: „Seit vergangenem Jahr wird die Games-Branche zwar erstmals mit 50 Millionen Euro unterstützt“, sagte der Wissenschaftler, der 180 Studierende zu Spieledesignern ausbildet, „im Vergleich zu anderen Kulturförderungen ist das aber nicht viel.“ Dabei seien Videospiele momentan das Kulturprodukt mit dem weltweit am stärksten wachsenden Markt.. „Es sind echte internationale Export-Artikel, gerade für Berlin“, appellierte Bremer. Hier hinke Deutschland leider Asien aber auch etwa den skandinavischen Ländern deutlich hinterher.

Weltmeisterschaftskarten in 90 Sekunden ausverkauft

Das habe laut Talkgast Klaus-Jürgen Meier auch mit der hierzulande noch oft skeptischen Einstellung zum Thema E-Sport zu tun. „Das fängt schon bei der leidlichen Diskussion an, ob es nun ein Sport ist oder nicht“, sagte der Inhaber von Rosko & Meier, „für viele Zuschauer ist er das de facto einfach bereits.“ So verbrächten Zuschauer oft die doppelte Zeit mit E-Sport-Partien denn mit analogen Fußball-Matches: „Die Karten für eine E-Sport-Weltmeisterschaft sind innerhalb von 90 Sekunden ausverkauft.“ Für Meier sollten daher Furcht und Vorbehalte abgebaut und am besten bereits in Schulen mit der Thematik Videospiele begonnen werden, um zukünftige Generationen so umfassend auf digitale Zukunftsbranchen wie die Gaming-Szene vorzubereiten.

Dann ist es wohl irgendwann auch wirklich nicht mehr ungewöhnlich, wenn ein Elias Nerlich wie ein Cristiano Ronaldo auf der Straße von Fans erkannt wird.