Eiskunstlauf

Eiskunstlauf: In Gedanken in New York

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Marcel Stein
Minerva-Fabienne Hase und Nolan Seegert müssen diese Saison verletzungsbedingt abhaken.

Minerva-Fabienne Hase und Nolan Seegert müssen diese Saison verletzungsbedingt abhaken.

Foto: Igor Russak / picture alliance / NurPhoto

Wettkämpfe waren zuletzt Mangelware. Um sich auf die WM vorzubereiten, lassen sich die Paarläufer etwas einfallen.

Berlin. Es klingt wie ein Märchen, fast zu schön, um wahr zu sein. Das Olympiasieger-Paar, zumindest eine Hälfte davon, trägt sich mit Comeback-Ambitionen, träumt von Olympia 2022 in Peking. Aljona Savchenko (37) gilt als über alle Maße ehrgeizig, vielleicht wäre ihr das sogar zuzutrauen. Doch Bruno Massot (32) plagt der Rücken, seit drei Jahren sind die beiden keine Wettkämpfe mehr gelaufen. Trotzdem erhellt die Vorstellung, sie noch mal auf dem Eis zu sehen, in diesen Tagen so manches Gesicht im deutschen Verband.

Die Realität im Paarlauf ist nämlich leider weit weniger strahlend als das Lächeln von Savchenko nach einer gelungenen Todesspirale. Es sollte gerade wieder richtig losgehen, nachdem wegen der Corona-Pandemie etliche Eiskunstlauf-Wettkämpfe gestrichen worden sind. Doch mit dem Beginn der direkten Vorbereitung auf die WM in Stockholm (22. bis 27. März) riss sich Minerva-Fabienne Hase (21) bei einer missglückten Landung eines dreifachen Twists das Syndesmoseband. Das aktuelle deutsche Spitzenpaar, das sie mit Nolan Seegert (28) bildet, fällt für die WM aus.

Der verletzungsbedingte Ausfall von Hase/Seegert schmerzt

Annika Hocke (20) und Robert Kunkel (21) müssen also allein versuchen, einen Startplatz für die Olympischen Spiele zu erobern. „Zunächst ist es für Minerva eine sehr blöde Geschichte. Aber wir haben leider auch keinen Ersatz, das macht die Sache so bitter. Daran arbeiten wir, dass mehr Paare in das Weltklasseniveau vorstoßen“, sagt Paarlauf-Bundestrainer Alexander König, der Savchenko/Massot 2018 zu Olympiagold geführt hat, deren Rückkehr allerdings als wenig realistisch einschätzt.

Die Bürde für Hocke/Kunkel ist nicht klein, der letzte internationale Wettkampf war die EM im Januar 2020, wo beide Siebte wurden. Seither beschränkten sich die sportlichen Erlebnisse fast ausnahmslos auf das Training. Das hatte nicht nur Nachteile, Defizite konnten besser aufgearbeitet, Stärken noch mehr ausgeprägt werden. „Wir hatten die Möglichkeit, vielfältiger zu arbeiten“, so der Bundestrainer. Hase/Seegert probierten sich an einer neuen Kür, in welcher der Schwerpunkt der Optimierungen in der Präsentation der EM-Fünften lag, insbesondere bei Seegert. So wollten sie in der künstlerischen Note mehr Punkte sammeln. Hocke und Kunkel feilten viel an den Solosprüngen.

In Den Haag gibt es nächste Woche endlich einen echten Wettkampf

Insgesamt gefällt König die Entwicklung, beide Paare liefen zuletzt harmonischer. „Die Synchronität wurde gesteigert, das Timing in den Top-Elementen ist besser, die Stabilität größer geworden“, freut er sich. Doch Eiskunstlauf hat viel mit Druck, mit Nervenstärke zu tun, kleinste Fehler enden schnell mit Stürzen. Hier ist der Unterschied in der mentalen Beanspruchung der Athleten in Training und Wettkampf enorm. Was bei allen positiven Effekten der vergangenen Monate nun gerade für Hocke/Kunkel zu einer heiklen Angelegenheit werden kann. „Den Umgang mit dem Adrenalin konnten wir nicht üben“, so der Bundestrainer. Andere Nationen wie etwa Russland, das eine ganze Schar von Spitzenpaaren hat, konnte die Athleten oft in internen Wettkämpfen gegeneinander antreten lassen.

König versucht es ein paar Nummern kleiner, in einem Test im Sportforum Hohenschönhausen, wo alle üben, ließ er kürzlich die Ansage so gestalten, als würde im Madison Square Garden in New York gelaufen: „Wir geben einen Rahmen, in den sich die Sportler hineindenken sollen.“ Damit will er eine wettkampfähnliche Atmosphäre kreieren in der Vorbereitung auf Stockholm. Nächste Woche in Den Haag beim Challenge Cup wird der Rahmen wieder realistischer, dort dürften einige Paare kurz vor der WM die seltene Gelegenheit nutzen und ihre Leistungsfähigkeit überprüfen. Vielleicht lässt sich dann bereits erkennen, wovon man beim deutschen Verband wirklich träumen darf.