Eisschnelllauf

Claudia Pechstein: Das Zugpferd im Dauerstress

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Marcel Stein
Im Massenstart ist die Berlinerin Claudia Pechstein (r.) immer für eine Überraschung gut.

Im Massenstart ist die Berlinerin Claudia Pechstein (r.) immer für eine Überraschung gut.

Foto: Peter Dejong / dpa

Bei der Eisschnelllauf-WM geht die Berlinerin Claudia Pechstein in drei Rennen an den Start. Medaillenhoffnungen tragen aber andere.

Berlin. Die Zeit verging besser, als mancher es sich zunächst vorgestellt hatte. Fast fünf Wochen schon sind die Eisschnellläufer Dauergäste in Heerenveen, als Teil der Blase, die der Weltverband ISU geschaffen hat, damit es überhaupt eine kleine Saison geben kann. „Ich fand es kein Problem“, sagt Bundestrainer Helge Jasch: „Die Hotels sind top, die Zimmer groß, das Essen ist gut. Die Sportler sind sehr gut damit umgegangen.“ Ordentliche Voraussetzungen also, um gelassen den Höhepunkt anzupeilen. Nach einer EM und zwei Weltcups absolvieren die Athleten zum Abschluss die Einzelstrecken-Weltmeisterschaften im niederländischen Eisschnelllauf-Mekka.

Am meisten sollte dabei ausgerechnet die Älteste im deutschen Team beansprucht werden. Claudia Pechstein wird übernächste Woche 49 Jahre alt, war aber für vier Strecken eingeplant. „Wenn ich in diesem Alter eine Leistung bringen könnte, die mich unter die Top Ten bringt, wäre ich hoch zufrieden“, so die Berlinerin, die zum 20. Mal bei diesen Welttitelkämpfen dabei ist. Beim ersten Weltcup landete sie immerhin auf Platz sechs im Massenstart.

Rückenprobleme verhindern Start über 3000 Meter

Zuletzt plagte sich die fünfmalige Olympiasiegerin, die trotz ihres Alters noch immer das Zugpferd des Verbandes ist, jedoch mit Rückenproblemen herum. Was nun kurzfristig zu ihrer Absage für die 3000 Meter am Donnerstag führte. „Jetzt muss ich von Tag zu Tag planen“, sagt die Berlinerin, die am Freitag in der Team-Verfolgung, am Sonnabend im Massenstart und am Sonntag über 5000 Meter antreten will.

Schön sind die Schmerzen gewiss nicht, angesichts der Umstände und der Einordnung der Wettkämpfe spielen sie aber keine entscheidende Rolle. Denn trotz der Möglichkeiten in Heerenveen sei klar, „dass wir von einer Corona-Saison sprechen müssen“, so Pechstein. Dementsprechend liege der sportliche Wert nicht so hoch wie normal. Was die WM zu einer guten Gelegenheit macht, dem um Pechstein herum neu formierten Frauen-Team in der Verfolgung mit Mareike Thum (Darmstadt/29) und Josephine Heimerl (Inzell/20) eine WM-Premiere ohne Druck zu verschaffen. „Ich habe dem Verband versprochen, dass ich für die Team-Verfolgung zur Verfügung stehe“, sagt Pechstein trotz der Rückenprobleme.

Ähnlich wie Pechstein schätzt Langstreckenspezialist Patrick Beckert die Titelkämpfe ein. Große Erwartungen will der Erfurter nicht schüren. „Das war kein vollwertiges Training, sondern eher ein Bereitmachen für den Saisonhöhepunkt“, so der 30-Jährige über die vergangenen Monate, der die WM nur als Durchgangsstation in Richtung der Olympischen Spiele in Peking in einem Jahr betrachtet. Dennoch trägt Beckert als WM-Dritter des Vorjahres über 10.000 Meter die Hoffnung des Verbandes auf eine Medaille in seinen Rennen.

Sprinter Dufter startet mit Medaillenchancen

Eine Chance auf Edelmetall ergibt sich auch für Joel Dufter (Inzell). Der 25-Jährige zeigte in diesem kurzen Eisschnelllauf-Winter die besten Leistungen der deutschen Athleten, wurde EM-Dritter im Sprint-Mehrkampf und Vierter im Weltcup über 1000 Meter. Obwohl er den von ihm geschätzten Bundestrainer Danny Leger nicht mehr an seiner Seite hat.

Dessen Vertrag wurde vom Verband unter dem neuen Präsidenten Matthias Große nicht verlängert, was Dufter vor Saisonbeginn zum Anlass genommen hatte, öffentlich harsche Kritik zu äußern am Lebensgefährten von Pechstein. Nun überlegt Dufter, sich anders zu orientieren, vielleicht in den Niederlanden zu trainieren. „Der Reiz ist da“, sagt er. Was passiert, wenn die Blase in Heerenveen platzt, wird spannend zu beobachten sein.