Bahnrad

Sechstagerennen: Das lange Warten auf den nächsten Start

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Marcel Sein
Theo Reinhardt im Weltmeistertrikot bei der Vorjahresauflage des Berliner Sechstagerennens.

Theo Reinhardt im Weltmeistertrikot bei der Vorjahresauflage des Berliner Sechstagerennens.

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Am Dienstag sollte das Berliner Sechstagerennen starten. Doch die Pandemie verlangt Bahn-Spezialisten wie Theo Reinhardt viel ab.

Berlin. Die Temperaturen liegen im angenehmen mittleren Bereich, die Sonne kommt oft durch. Mallorca bietet Radfahrern dieser Tage wie fast immer schöne Bedingungen, um an der Form zu feilen. Gut vier Wochen verbringt Theo Reinhardt deshalb gerade auf der Insel, unterbrochen nur durch einen kurzen Heimatbesuch bei der Familie in Berlin.

Für den 30-Jährigen fühlt sich dieses Trainingslager allerdings fremd an. Der Belag, auf dem er rollt, sollte jetzt eigentlich kein Asphalt sein. Die Strecke sollte ihn durch ein 250 Meter langes Holzoval führen, statt am Meer entlang. In einer Halle, angetrieben von enthusiastischen Fans. Am Dienstag war der Start beim Berliner Sechstagerennen geplant, doch die Pandemie hat den Bahnradsport fast zum Erliegen gebracht. „Die vergangenen drei Jahre war ich den ganzen Winter nonstop unterwegs, hatte viele, viele Wettkampfkilometer mit den Sechstagerennen, den Weltcups. Jetzt gibt es gar nichts, im Prinzip herrscht seit fast einem Jahr Stillstand“, sagt Reinhardt. Anfang März 2020 bei der WM im Velodrom bestritt er seinen bislang letzten Wettkampf auf der Bahn.

Der zweifache Weltmeister kann seit elf Monaten nur trainieren

Reinhardt treffen die Auswirkungen der Corona-Krise besonders hart, denn er ist Bahn-Spezialist, Teil des deutschen Vierers und selten auf der Straße im Wettkampfeinsatz. Dort stehen jüngst nur zwei kleine Rundfahrten in der Statistik, ansonsten trainiert der Berliner seit elf Monaten fast ausschließlich. „Das ist eine große Umstellung. Wir versuchen jetzt, Sachen zu simulieren, zu kompensieren. Irgendwie, um leistungsmäßig nicht den Anschluss zu verlieren“, erzählt Reinhardt, der im Oktober 2020 gern die EM in Bulgarien gefahren wäre. Doch der Verband versagte die Teilnahme, weil Bulgarien als Risikogebiet galt.

Welche Ambitionen er noch hegen soll, das ist für ihn schwer zu einzuschätzen. Ohne Wettkämpfe „kann man nicht zu 100 Prozent überprüfen, ob das Training anschlägt“, derzeit helfe „nur eine Menge Vertrauen in sich selbst“. Mit dem Vierer gibt es zumindest eine Orientierung, die vergangenen Lehrgänge waren ordentlich. „Ich denke, dass wir nicht stagniert, sondern Schritte nach vorn gemacht haben.“ Beim Madison, dem Zweier-Mannschaftsfahren, lässt sich das nicht behaupten, denn das wird nur sporadisch trainiert, dafür aber eben bei den Sechstagerennen gefahren – normalerweise.

Das Ziel für Olympia ist nur noch ein Traum

Das Madison war für Reinhardt die große Hoffnung, es bei den Olympischen Spielen weit zu bringen. Mit Partner Roger Kluge (Berlin/35) gewann er zuletzt zwei WM-Titel, wurde in Berlin WM-Dritter. Das Ziel in Tokio hieß Gold. Doch Kluge ist hauptsächlich Straßenprofi, dort seinem Team verpflichtet. Da bleibt keine Zeit für spezielles Training, und wenn dann noch die Bahn-Wettkämpfe fehlen, muss es die Erfahrung richten, wenn es im Sommer nach Tokio geht. Denn ein gemeinsames Rennen bis dahin dürfte kaum realistisch sein.

Deshalb will Reinhardt die Erwartungen nicht mehr ganz so weit oben ansiedeln. „Natürlich ist es der Traum, in Tokio auf dem Podest zu stehen. Aber es ist eben mehr ein Traum, denn das Ziel ist zurzeit undefinierbar“, sagt der Berliner, dem durch die Absage der Sechstage-Saison einiges an Startgeldern verloren gehen. Das ist schmerzlich, aber verkraftbar. Die Ungewissheit, ob es überhaupt noch irgendeinen Bahn-Wettkampf gibt vor den Spielen, wiegt schwerer. Genießen lässt sich Mallorca daher gerade nicht.