Handball-WM

Warum die Angst bei der Handball-WM mitspielt

Mit Paul Drux und Marian Michalczik sind zwei Füchse bei der Handball-WM am Start – mit unterschiedlichen Voraussetzungen.

Die Ungewissheit wird Paul Drux (v.) bei dieser WM begleiten, Marian Michalczik (r.) ist deutlich entspannter. 

Die Ungewissheit wird Paul Drux (v.) bei dieser WM begleiten, Marian Michalczik (r.) ist deutlich entspannter. 

Foto: Pahnke / picture alliance / Christina Pahnke / sampics

Der erste Kaffee in Kairo schmeckte schon mal. Paul Drux saß am Mittwoch entspannt mit seinen Teamkollegen auf der Hotelterrasse, das Pyramiden-Panorama im Rücken, ein Tässchen Koffein in der Hand. Bevor die deutschen Handballer am Freitag mit dem Gruppenspiel gegen Uruguay (18 Uhr, ARD) in die Weltmeisterschaft starten, stand Akklimatisieren in der Blase auf dem Programm.

Viel mehr als die Hotelanlage, die Sporthalle und den Weg dazwischen wird die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) in den kommenden Tagen, vielleicht Wochen nicht zu sehen bekommen. Das Turnier soll nicht zum Superspreader-Event werden, die Corona-Pandemie nicht noch weiter verschärfen. Deshalb werden die Mannschaften isoliert, vom Hotel-Personal getrennt und treffen nur in der Halle auf ihre gegnerischen Mannschaften. „Man muss natürlich sehr, sehr vorsichtig sein. Und darauf vertrauen, dass das Konzept funktioniert“, sagt Drux (25). „Man muss sich einfach selbst so gut es geht schützen, damit man sich nicht infiziert. Sonst ist man relativ schnell raus.“

Nationalspieler fordern Charterflieger im Corona-Fall

Eine Angst, die bei dieser WM mitspielt. Ein positiver Test würde das sofortige Aus bedeuten. Mit einem eigens vom DHB gestellten Charterflieger würde es zurück in die Heimat gehen. Das war eine Bedingung, die von den Nationalspielern vor der Reise nach Ägypten gestellt worden war, um die Quarantäne zu Hause verbringen und auf die gewohnte medizinische Betreuung zurückgreifen zu können.

Doch trotz der ständigen Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, kam für Drux eine Absage nicht infrage. „Ich hab' mir gedacht, dass es nicht mehr so viele Chancen geben wird“, sagt der Berliner, der in Ägypten sein sechstes großes Turnier spielt. „Und ich diese Chance auf jeden Fall nutzen will, wenn ich sie bekomme.“

Alle Spieler müssen sich an das Hygienekonzept halten

Füchse-Teamkollege Marian Michalczik wollte sich die Chance auf seine erste WM ebenfalls nicht nehmen lassen, muss sich aber auch nicht so große Sorgen machen. Anfang November war der 23-Jährige positiv auf Covid-19 getestet worden. Deswegen sei es für ihn „schon ein Stück entspannter“. Und: „Wenn man den Medizinern glaubt, habe ich höchstwahrscheinlich Antikörper entwickelt. Dementsprechend werde ich mich wohl nicht noch einmal infizieren und kann alles ein wenig lockerer sehen.“

Zwei Berliner, deren Voraussetzungen vor diesem Turnier nicht unterschiedlicher sein könnten. Die Vorgaben des Hygienekonzepts gelten aber für alle – unabhängig von überstandenen Erkrankungen oder Antikörpern. Bei Drux schläft immerhin kein Infektionsrisiko im Bett nebenan. Der gebürtige Gummersbacher teilt sich ein Zimmer mit Ex-Füchse-Keeper Silvio Heinevetter (36), der sich im Dezember das Coronavirus eingefangen hatte.

Für die Berliner kommt das Turnier genau richtig

Ebenso wenig Sorgen, sich beim Zimmernachbarn anzustecken, hat Johannes Golla. Der Kreisläufer von Bundesliga-Tabellenführer Flensburg-Handewitt hat sein Quartier im Hotel mit Michalczik bezogen. „Ich hoffe einfach, dass das Hygienekonzept und die Blase so gut sind, dass sich niemand infiziert und wir alle beisammenbleiben können“, sagt Michalczik.

Einschränkungen hat er nicht mehr. In den Wochen direkt nach seiner Erkrankung musste der Rechtshänder kämpfen, sich langsam wieder an sein altes Fitness-Level heranarbeiten. Mittlerweile ist Michalczik wieder in Topform. „Ich fühl mich gut, ich bin fit und bereit für die Weltmeisterschaft“, sagt er. Anders sah das bei Nationalspieler Christian Dissinger aus. Nach wochenlanger Quarantäne und Corona-Infektion musste der Rückraumspieler gemeinsam mit Bundestrainer Alfred Gislason Anfang dieser Woche einsehen, nicht fit genug für das Turnier zu sein.

Bei Drux und Michalczik ist eher das Gegenteil der Fall. „Für die beiden kommt die WM zur rechten Zeit“, hatte Füchse-Geschäftsführer und DHB-Vizepräsident Bob Hanning nach der Nominierung im Dezember gesagt.

Die beiden Füchse-Profis sollen Selbstvertrauen tanken

Drux hat bislang eine durchwachsene Saison in der Bundesliga hinter sich, in den EM-Qualifikationsspielen gegen Österreich vergangene Woche habe man aber schon gesehen, „dass er eine wichtige Stütze sein kann und sich bei der Nationalmannschaft jetzt Selbstvertrauen holen wird“, ist sich Hanning sicher.

Bei Michalczik hofft der Manager, dass die WM dem jungen Spielmacher noch eine gehörige Portion internationalen Glanz verleiht. „Wenn du ein Spiel führen sollst, neben so erfahrenen Spielern wie Lasse Andersson und Fabian Wiede, ist es natürlich auch wichtig, dass du ein gewisses Standing hast“, erklärt Hanning. Und ein solches Standing entwickle man eben bei der Nationalmannschaft.

Dafür braucht es sportliche Ausrufezeichen, die all die coronabedingten Fragezeichen spätestens ab Freitag ein wenig verdrängen sollen. „Wir wollen alle drei Gruppenspiele gewinnen, um eine gute Ausgangslage für die Hauptrunde zu sichern“, sagt Michalczik, „und dann wird man sehen, wo die Reise für uns hinführt.“ Idealerweise für jeden Einzelnen immer wieder ins Hotel – und nicht mit der Chartermaschine zurück nach Deutschland.