Not macht erfinderisch – und manchmal kommt dabei sogar etwas ganz Besonderes heraus. Wie im Fall der Berliner Champions-Gala. Normalerweise findet sie Ende November oder Anfang Dezember im Neuköllner Estrel statt, mit 2000 Gästen und den Berliner Top-Sportlern, die im vorangegangenen Jahr die besten Leistungen gezeigt haben. Doch diesmal fielen wegen Corona viele sportliche Highlights aus, mit Olympischen Spielen und Fußball-EM an der Spitze. Und eine Feier mit Tausenden Gästen? Undenkbar.

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Also wurde diesmal die Veranstaltung – wie so vieles – ins Digitale verlegt. Aber vor allem wurde wegen der fehlenden Wettkämpfe beschlossen, nicht die Sportler des Jahres zu küren, sondern die größten Athleten seit 1979. So lange gibt es diese Wahl schon. Beteiligt daran waren zu je fünfzig Prozent die Berliner und Berlinerinnen, die online abstimmen konnten, sowie eine Expertenjury aus Sportjournalisten, Vertretern der Stadt, des Landessportbundes und des Olympiastützpunktes.

Van Almsick wurde der erste gesamtdeutsche Sportstar

In einer Sportstadt wie Berlin mit ihren vielen Olympiasiegern und deutschen Meistern in den verschiedensten Disziplinen verwundert es kaum, dass sich etliche Legenden diesmal nicht wie gewohnt Platz eins sichern konnten. Aber die Sieger in den vier Kategorien – Franziska van Almsick bei den Sportlerinnen, Robert Harting bei den Sportlern, Alba Berlin bei den Mannschaften und Kaweh Niroomand bei den Trainern/Managern – sie haben es wahrlich verdient.

Franziska van Almsick gewann bei den Sportlerinnen.
Franziska van Almsick gewann bei den Sportlerinnen. © Fabian Hensel Photography | Fabian Hensel Photography

Dementsprechend emotional reagierten die Gewinner. „Berlin ist meine große Liebe“, sagte die einstige Schwimmweltmeisterin Franziska van Almsick (42), die inzwischen in Heidelberg lebt, „um so stolzer bin ich, weil ich weiß, dass mich die Berlinerinnen und Berliner nicht vergessen haben.“ Obwohl sie nie Olympia-Gold gewann. Das 14-jährige Mädchen aus dem Osten Berlins gewann 1992 in Barcelona nicht nur mit seinen vier Medaillen, sondern wegen seiner ungekünstelten Art die Herzen im Sturm. Von da an gab es nur noch Franzi, den ersten gesamtdeutschen Sportstar nach der Wende – mit allen sportlichen wie privaten Höhepunkten und Dramen, die sie nur noch populärer machten.

Harting war nie um politischen Standpunkt verlegen

Ebenso geehrt fühlte sich Robert Harting (36), Olympiasieger im Diskuswerfen 2012 in London, dreimal Welt- und zweimal Europameister: „Ich bin sehr stolz. Das ist praktisch eine Auszeichnung fürs Lebenswerk.“ Er wuchs in Cottbus auf, kam als Teenager nach Berlin und mischte von hier aus die Sportwelt auf. Nicht nur im Diskusring: Er scheute sich nie, politisch Stellung zu nehmen, selbst den höchsten Funktionären und Politikern in die Parade zu fahren, wenn ihm etwas zu dumm wurde. Das kam nicht selten vor. Sein Markenzeichen: DER Harting.

Harting wurde zur Stimme des deutschen Sports. Doch besonders als Kraftpaket, das in London erst das Trikot zerriss und dann mit Deutschland-Fahne über Hürden rannte vor lauter überschüssigem Adrenalin, riss er die Menschen mit, auch er in Ost wie West. Heute ist es ruhiger um Harting geworden, der seine Karriere 2018 nach vielen Verletzungen beendete. „Mein Sportlerleben ist vorbei. Mein neues Leben ist aber voll da, jeden Morgen um 6.30 Uhr“, sagte der Vater von Zwillingen.

Robert Harting erhielt in der Kategorie Sportler die meisten Stimmen.
Robert Harting erhielt in der Kategorie Sportler die meisten Stimmen. © Tilo Wiedensohler/camera4 | Tilo Wiedensohler

Niroomand machte die BR Volleys zu Europas Nummer eins

„Ich war überrascht“, kommentierte Kaweh Niroomand (68) seine Wahl, „Berlin ist ja eine Sportmetropole, wo es viele hervorragende Leute gibt, die viele gute Projekte auf die Beine gestellt haben.“ Er selbst hat die BR Volleys vor gut zehn Jahren vom Mief der Sömmering-Sporthalle befreit und zog mit seinem Team in die Schmeling-Halle. Manche glaubten, er werde bald reumütig zurückkehren, doch der Klub hat den Wechsel nie bereut, wurde in Europa zum Volleyballverein mit den meisten Zuschauern. Und ist mittlerweile außerdem zehn Mal deutscher Meister sowie fünf Mal Pokalsieger.

Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand sicherte sich den Bären in der Kategorie Trainer/Manager.
Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand sicherte sich den Bären in der Kategorie Trainer/Manager. © Tilo Wiedensohler/camera4 | Tilo Wiedensohler

Gleichzeitig ist Niroomand das beste Beispiel für gelungene Integration. Seine Eltern schickten den Zwölfjährigen aus Teheran nach Deutschland, wo er zunächst großes Heimweh hatte, nach dem Abitur aber eine Karriere als sehr erfolgreicher Unternehmer startete. Und seine Liebe zum Volleyball entdeckte. In vielen gesellschaftlichen Ehrenämtern ist der gebürtige Iraner seit Langem tätig, seit 2019 auch als Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Alba wechselte als erster Verein von West nach Ost

Bei den Mannschaften gewann den Champions-Bären Alba Berlin, neunmaliger deutscher Meister, zehnmaliger Pokalsieger und 1995 Korac-Cup-Sieger. Wie die BR Volleys zogen die Basketballer aus Charlottenburg zunächst in die Schmeling-Halle und 2008 in die noch größere Mercedes-Benz Arena. Sie waren die ersten, die vom Westen in den Osten wechselten. Der Grund für ihren Sieg ist neben den Titeln ihre Verwurzelung in der Stadt. Alba ist durch seine mehrfach ausgezeichnete Nachwuchsarbeit der größte Basketballverein Deutschlands.

Teamkapitän Niels Giffey sieht in dem Preis eine Bestätigung dafür, „wie der Verein sich entwickelt und welchen Status er in der Stadt hat. Ich glaube der Spirit des Vereins ist besonders“, sagte er, „der Wert von Alba ist tief in Berlin verankert.“ Nicht nur dort: Soziale Projekte des Klubs werden inzwischen bundesweit im Programm „soziale Stadt“ weitergeführt. Und „Albas tägliche Sportstunde“ zum Mitmachen für alle lockte Millionen vor die Endgeräte. Digital natürlich.

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