BR Volleys

Éder Carbonera und sein besonderes Gefühl für die BR Volleys

Éder Carbonera fühlt sich bei den BR Volleys wie in einer Familie. Dennoch plagt den Brasilianer ein Zwiespalt der Gefühle.

Zuspiel vom Olympiasieger Sergej Grankin aus Russland (l.), Schmetterschlag vom Olympiasieger Éder Carbonera aus Brasilien: Die Mannschaft der BR Volleys ist auch diese Saison von hoher Qualität.

Zuspiel vom Olympiasieger Sergej Grankin aus Russland (l.), Schmetterschlag vom Olympiasieger Éder Carbonera aus Brasilien: Die Mannschaft der BR Volleys ist auch diese Saison von hoher Qualität.

Foto: Andreas Gora / picture alliance / Andreas Gora

Berlin. Saudade ist ein Gefühl, das den meisten von uns fremd ist. Es existiert dafür ja nicht einmal eine deutsche oder englische Übersetzung. Ebenso wenig in einer anderen Sprache. Es ist ein Begriff aus dem Portugiesischen, und Éder Carbonera sagt, ihn überkomme dieses Gefühl manchmal, wenn er an seine Frau denke, mit der er seit acht Jahren verheiratet ist, die aber in der Heimat geblieben ist: „Ich vermisse sie sehr.“ Er denkt dann nicht nur an sie, auch an die Sonne, Freunde, Familie. Es ist eine sonderbare Mischung aus Traurigkeit, Melancholie, aber auch freudiger Erinnerung an etwas, das zurückliegt.

Wegen Corona haben die BR Volleys jetzt gleich drei Brasilianer

„Das geht vielen Brasilianern so“, erklärt der Volleyball-Profi, der in dieser Saison im Trikot der BR Volleys aufläuft und an diesem Sonnabend (18.30 Uhr) in der Bundesliga mit seinem Team auf die Grizzlys Giesen trifft. Und der gleichzeitig sagt: „Ich bin sehr glücklich, nach Berlin gewechselt zu sein.“

Highlights im Nationalteam

Er ist im Oktober 37 geworden, wollte eigentlich noch eine Saison bei Sesi Sao Paulo dranhängen. Der Vertrag war unterschrieben. Dann kam Corona, das die Profiklubs in Brasilien härter traf als jene in Europa. Etliche Verträge wurden aufgelöst, auch der von Éder, wie er von allen genannt wird und wie auf seinem Trikot steht. Er und viele seiner Landsleute machten sich auf über den Atlantik. Unter anderem landeten zugleich Renan Michelucci und Davy Moraes bei den BR Volleys.

Aber kaum einer hat vorzuweisen, was Éder Carbonera als Bewerbungsprofil in die Waagschale werfen kann. Olympiasieger wurde der Mittelblocker 2016. Was ihm dieser Erfolg bedeutete? Die Bilder von dem weinenden Riesen mit der Goldmedaille sagten mehr als tausend Worte. Sieben Mal war Éder brasilianischer Meister, viermal Pokalsieger, mit verschiedenen Klubs. Unzählige Länderspiele für eine der stärksten Volleyball-Nationen der Welt hat er bestritten, viele Medaillen gewonnen, meistens silberne. Angebote für ihn gab es aus Polen, Frankreich, der Türkei. Und aus Berlin. Der Stadt seiner Wahl.

Wegen Corona: Zugang der BR Volleys verliert acht Kilo Körpergewicht

„Viele Dinge haben dabei eine Rolle gespielt“, sagt der 2,05 Meter große Hüne. Ein wichtiges Argument war die Teilnahme an der Champions League, „in meiner ganzen Karriere habe ich immer auf einem hohen Level gespielt.“ Nun schwärmt er geradezu von seinem neuen Verein. „Einer der am besten organisierten Klubs in der Welt“, sagt er, „er hat eine sehr gute Struktur, ein sehr gutes Team, sehr gute medizinische Bedingungen. Es ist alles gut“. Überhaupt – die BR Volleys seien ein Beispiel dafür, wie in Deutschland gearbeitet werde. Zuverlässig, professionell. „Und wie sie mit Corona umgehen.“

Éder selbst hat da seine unangenehmen Erfahrungen gemacht. In Brasilien infizierte er sich mit Covid-19, hatte nur geringe Symptome, eigentlich gar keine. Die Krankheit war schon fest vergessen, da nahm er plötzlich acht Kilo ab. Eine Erklärung hatte er nicht.

„Ich glaube, das hat ihn sehr irritiert“, vermutet Berlins Trainer Cédric Énard, „er hat sich große Sorgen gemacht.“ Noch immer hat der Spieler sein altes Kampfgewicht von 108 Kilogramm nicht erreicht, liegt vier Kilogramm darunter. Trotzdem glaubt Énard: „Es geht ihm besser und besser.“

Bei den BR Volleys gehört Eder von Anfang an zur Familie

Der sensible Brasilianer sagt: „Corona ist ein Rätsel.“ Er will aber nicht den Eindruck erwecken, er fühle sich unwohl in Berlin. „Alle geben mir von Anfang an das Gefühl, zur Familie zu gehören, hier zu Hause zu sein.“

Den russischen Olympiasieger Sergej Grankin , den Amerikaner Benjamin Patch, die Franzosen Pierre Pujol und Samuel Tuia kennt er aus vielen internationalen Vergleichen – „aber immer als Gegner. Übrigens genau wie Davy und Renan, auch mit ihnen habe ich noch nie zusammengespielt.“

Ein Problem sei das nicht, im Gegenteil: „Wir verstehen uns alle gut. Außerdem ist Berlin eine sehr interessante Stadt.“ Obwohl man sich gerade nicht alles anschauen kann. Und obwohl durch den Teil-Lockdown gegen Giesen keine Zuschauer in der Schmeling-Halle erlaubt sind.

Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand ist besorgt, dass diese Situation, die Enttäuschung über die fehlende Atmosphäre, „zum Bumerang für uns werden könnte“. Spieler kommen ja nicht zuletzt nach Berlin, weil hier im Durchschnitt 4000 bis 5000 Fans ein Heidenspektakel veranstalten. Nun ist es gespenstisch still. „Spieler sind keine Automaten“, sagt der Manager, „sie leiden genau wie wir. Der Push von den Fans wird uns fehlen.“

Die 1:3-Niederlage in Bühl vor zwei Wochen, die erst dritte im 30. Vergleich, hat ihn verunsichert. „Ich hätte mir zu diesem Zeitpunkt ein besseres Niveau gewünscht. Insgesamt ist unsere Mannschaft weit entfernt von einer guten Form“, spricht Niroomand wie immer Klartext. Vermutlich trifft das auch auf Éder zu. Der Geschäftsführer lobt dessen solides Angriffsspiel, seine „hohe soziale Kompetenz im Team“. Auch der Aufschlag des Brasilianers sei sehr gut, „aber ich würde mir wünschen, dass auch mal zwei, drei Asse hintereinander kommen“.

Die Blocks von Éder helfen den BR Volleys

Trainer Énard ist überzeugt, dass das noch geschehen wird: „Éder braucht nach seiner langen Pause noch etwas Zeit. Sein Aufschlag ist auch verbunden mit seiner gesamten Form.“ Er schätzt die Erfahrung des Brasilianers und seine Qualitäten als Blockspieler. Weniger als dreißig Prozent von Éders Blocks, hat er beobachtet, landen im Aus. Das ist ein sehr guter Wert. Alles andere muss sich entwickeln. Die ganze Mannschaft muss sich besser finden. Überzeugende Auftritte an diesem Sonnabend gegen Giesen und eine Woche darauf in Friedrichshafen wären große Fortschritte für das ganze Team. Und würden sicher helfen, dass die Saudade nicht zu groß wird.

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