Interview

Handball: Gislason befürchtet „Rückfall in die 70er-Jahre“

Bundestrainer Gislason sorgt sich vor dem Bundesliga-Start um den Handball, wenn es wegen Corona bei 20 Prozent Zuschauern bleibt.

Handball-Bundestrainer Alfred Gislason freut sich auf den Bundesliga-Start macht sich aber Sorgen um die Clubs.

Handball-Bundestrainer Alfred Gislason freut sich auf den Bundesliga-Start macht sich aber Sorgen um die Clubs.

Foto: dpa

Essen. Wenn Alfred Gislason aus seiner Kleidung springen möchte, dann nicht, weil sie unbequem wäre oder ihm nicht gefiele. Der 61 Jahre alte Isländer – 1,91 Meter groß, kein Anzeichen von Wohlstandsbäuchlein, noch immer breite Schultern – macht bei der Einkleidung der Handball-Nationalspieler in Solingen eine gute Figur, auch wenn er einen Anzug aus beruflichem Anlass „das letzte Mal 2010 nach dem Champions-League-Sieg mit dem THW Kiel“ getragen hat.

Trotzdem würde der Bundestrainer sich am liebsten gleich wieder in einen Sportdress werfen und mit seinen Nationalspielern trainieren. Für die meisten von ihnen beginnt am Donnerstag die neue Bundesliga-Saison. Es wird eine ganz besondere – für die Vereine, für die Spieler und für Gislason, der in den 80er-Jahren Tore für Tusem Essen warf und seit der Ernennung zum Bundestrainer im Februar kurz vor dem Abbruch der letzten Spielzeit nun endlich richtig seiner Arbeit nachgehen kann.

Herr Gislason, Sie gelten als passionierter Rosenzüchter, auf Ihrem Bauernhof in der Nähe von Magdeburg wachsen unter anderem 300 Jahre alte Sorten. Haben die Rosen in den vergangenen Wochen gelitten oder haben sie eher von Ihrer erzwungenen Handball-Untätigkeit profitiert?

Alfred Gislason: Die haben wirklich profitiert und endlich mal wieder gut ausgesehen, auch wenn sich meist meine Frau oder meine Mutter primär darum gekümmert haben. In den vergangenen 15 Jahren kam ich nur wenig dazu, mich wirklich um die Rosen oder um die 160 Obstbäume zu kümmern. Wenn Haus und Hof in Corona-Zeiten nicht gut aussehen würden, wann dann? Ich habe alles gemacht, was ich in den 15 Jahren zuvor nicht geschafft habe. Jetzt ist das aber hoffentlich vorbei. Und zu den alten Rosensorten: Als gelernter Historiker habe ich mir in den Kopf gesetzt, eher seltene Dinge zu erhalten. Und dann gibt es bei mir immer nur ganz oder gar nicht. Das ist manchmal ein Problem (lacht).

Sie müssten wahrscheinlich kein studierter Historiker sein, um vorherzusagen, dass auch die zurückliegenden Monate in die Geschichte eingehen werden…

Alfred Gislason: Definitiv, besonders in die der USA, aber nicht nur dort. Es ist schon erschreckend, was derzeit möglich ist. Welche Dummheiten über das Internet verbreitet werden und als Wahrheiten von der Bevölkerung angenommen werden. Und das wird immer mehr.

Für den Sport ist es auch eine historische, ja bedrohliche Situation. In der am Donnerstag beginnenden Bundesliga dürfen die Hallen nun bis zu 20 Prozent ihrer Kapazität gefüllt werden. Für das wirtschaftliche Überleben ist das dauerhaft zu wenig, oder?

Alfred Gislason: Viel zu wenig. Das kann nicht die ganze Saison so gehen. Den Fußball wird es aufgrund der hohen Fernsehgelder wohl nicht so hart treffen. Aber Handball, Basketball und Eishockey – die werden das in Europa dauerhaft nicht überleben. Zumindest nicht in der jetzigen Form. Das wird ein Rückfall in die 70er-Jahre. Man hofft natürlich, dass die Infektionszahlen in Deutschland nicht zu hoch steigen. Aber das steht und fällt mit der Bereitschaft der Leute, da mitzumachen: Masken tragen, Hände desinfizieren, Menschenmassen meiden. Das ist genau diese Dummheit, dass immer mehr Leute sagen, dass es den Virus nicht gibt, oder sie schlichtweg keine Masken tragen wollen. Weil es ihnen schlichtweg egal ist.

Hat die Corona-Zeit auch Sie verändert?

Alfred Gislason: Ich denke, dass man mehr zu schätzen lernt, was man hatte. Vor einem Jahr war eine solche Situation wie die jetzige nicht vorstellbar. Das Wir-Gefühl, das muss wieder stärker werden. Wir müssen einander schützen. Weg von diesem grenzenlosen Egoismus in unserer Gesellschaft. Vielen ist egal, was mit anderen geschieht, solange sie ihren Willen durchsetzen können. Da passt es gut, dass die Bundesligaklubs sich in dieser Phase darauf geeinigt haben, sich nicht einander die Spieler abzuluchsen, wenn es einem Klub mal wirtschaftlich schlechter geht. Eine Art Gentlemen’s Agreement.

Wie sind Sie als Trainer mit dem Corona-Lockdown umgegangen?

Alfred Gislason: Das war wirklich schwierig. Als ich 2019 den THW Kiel verlassen habe, wollte ich nach 22 Jahren in der Bundesliga eine Nationalmannschaft übernehmen. Ich hätte nie gedacht, dass aus diesem guten halben Jahr fast eineinhalb werden. Das war wirklich frustrierend. All die Vorbereitung, und dann fällt Spiel um Spiel aus. Aber was sollte ich machen? Ich musste es nehmen wie jeder andere auf dieser Welt. Nun müssen wir hoffen, dass wir jetzt nicht wieder gestoppt werden durch Corona. Aber ganz ehrlich, es gab eine Frustphase, in der ich mir einen Verein in der Nähe gesucht hatte und zwei Stunden dessen A-Jugend trainiert hatte. Einfach aus Spaß. Ich hätte gerne vier Stunden gemacht, so befreiend hat sich das angefühlt. Da habe ich so richtig gemerkt, wie sehr mir Handball gefehlt hat.

Verändert haben müssen Sie sich ja zwangsläufig, nach fast 30 Jahren als Vereinstrainer sind Sie nun Bundestrainer. Wie anders ist diese Arbeit?

Alfred Gislason: Als Vereinstrainer hat man die Spieler ja ständig vor Ort. Man kann sie formen, kann viel mit ihnen trainieren, kann steuern, was sie machen und wie sie es tun sollten. Als Bundestrainer ist das anders. Ein Beispiel: Im November werden die Spieler zum Start der EM-Qualifikation zu mir kommen. Ich habe dann zwei Tage Zeit, sie auf das Spiel gegen Bosnien-Herzegowina vorzubereiten. Die Spieler werden durch die Liga entsprechend beansprucht sein. Ich habe also weniger Zeit, muss den Leuten einzeln mehr erklären und kann nicht alles so durchziehen, wie ich es als Vereinstrainer machen würde. Das kann erst nach und nach kommen. Ich kann nicht hinkommen und sagen: Ich ändere jetzt alles, ich stelle alles auf den Kopf. Das würde zum Chaos führen. Ich habe aber Glück, dass mein Vorgänger Christian Prokop das alte Kieler Abwehrmodell übernommen hatte, das macht es da schon einfacher. Zunächst stehen Feinarbeiten an, dann kommen die langwierigen Sachen. Mein größter Fehler wäre es, zu schnell zu viel ändern zu wollen.

Nun beginnt am Donnerstag die Bundesliga. Da freut sich auch der Bundestrainer?

Alfred Gislason: Ich freue mich sehr, dass es wieder losgeht. Alle Klubs, die Spieler und Mitarbeiter haben eine sehr schwierige Zeit hinter sich. Es war extrem frustrierend. Es war sehr schwierig für alle, die Füße still zu halten. Ich hoffe, dass wir nicht noch einmal durch Corona gestoppt werden.

Der Spielplan ist durch die Verschiebung nach hinten und die Aufstockung der Liga auf 20 Teams extrem eng getaktet, besonders für die Topklubs. Die Spieler des THW Kiel beispielsweise werden inklusive der Champions League im Durchschnitt drei Spiele pro Woche bestreiten. Fürchten Sie auch um die Gesundheit Ihrer Nationalspieler?

Alfred Gislason: Natürlich mache ich mir Sorgen, das machen sich auch die Vereine. Bis die Mannschaft am 2. November zu mir kommt, werden die Spieler schon extrem viele Spiele in den Knochen haben. Zwei der vier etatmäßigen Kreisläufer sind schon verletzt, Jannik Kohlbacher von den Rhein-Neckar Löwen und Johannes Golla von der SG Flensburg-Handewitt. Bleiben noch die beiden Kieler Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler. Natürlich mache ich mir da Sorgen, aber das soll nicht als Kritik an der Liga gelten, auch ich bin wie gesagt froh, dass es wieder losgeht. Nun hoffe ich, dass alle gut durch diese kommenden Wochen kommen.

Wer ist denn aus Ihrer Sicht Favorit auf die Meisterschaft?

Alfred Gislason: Das ist extrem schwierig. Ich denke, dass dieses Jahr eine ganz besondere Saison sein wird, alleine durch die enorme Wettkampfdichte. Der THW Kiel und die SG Flensburg-Handewitt werden weiterhin die Favoriten sein, diese beiden Teams sind komplett auf Augenhöhe. Aber es gibt durchaus auch andere Mannschaften, die Meister werden könnten. Die Füchse Berlin haben einen sehr guten und breiten Kader, die Rhein-Neckar Löwen haben sich gut verstärkt, auch in der Breite. Der SC Magdeburg hat keine Riesenbreite, aber einen guten Kader. Die MT Melsungen hat auch gut zugelegt. Es kann aber sehr viel passieren, ein, zwei Verletzte können in jedem dieser Teams alles durcheinanderwirbeln.

Werfen wir mal einen Blick zurück: Ihre erste Station als Spieler in Deutschland war Tusem Essen, zweimal wurden Sie dort in den 80er-Jahren Deutscher Meister. Nun ist der Tusem aufgestiegen.

Alfred Gislason: Das finde ich extrem schön, auch wenn ich weiß, dass es bei vier Absteigern richtig brutal wird für die Essener. Es wird spannend genug, wer da oben um die Meisterschaft mitspielen wird. Aber unten: Das wird noch mal extrem schwierig, sich dort zu behaupten. Aber klar freue ich mich für Essen, für diese Stadt mit einer solch großen Handball-Tradition.

Haben Sie noch viele Erinnerungen an die Zeit auf der Margarethenhöhe?

Alfred Gislason: Doch, schon. Die alten Tusem-Spieler haben noch eine WhatsApp-Gruppe, wir versuchen, uns einmal im Jahr zu reffen. Das ist schon immer wieder schön. Dann trifft man sich und merkt, dass Handball kein besonders gesunder Sport ist. So wie wir alle rumlaufen. Aber kein Wunder, in den 80er-Jahren bekam man eine Zwei-Minuten-Strafe erst für einen Mordversuch (lacht).

In Jaron Siewert hatte der Tusem vergangene Saison den jüngsten Trainer im deutschen Profi-Handball. Nun trainiert er mit 26 Jahren die Füchse Berlin, einen Klub mit großen Ambitionen. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Alfred Gislason: Ich halt sehr viel von ihm. Er ist ein sehr großes Talent auf der Trainerebene. Sicher ist es schon ungewöhnlich, dass jemand so junges einen Klub wie die Füchse Berlin trainiert. Das ist mutig, aber warum nicht? Er hat sehr gute Arbeit beim Tusem geleistet. Man sollte einfach die Zahl vergessen, diese 26. Am Ende zählt das Talent. Sicher wird er wie alle Trainer Spiele haben, in denen es mal nicht so gut läuft. Dann sollte man aber nicht darauf abzielen, dass er so jung ist. Aber ich denke, dass er in Geschäftsführer Bob Hanning und Sportvorstand Stefan Kretzschmar einen starken Hinterhalt haben wird.

Wie wichtig wäre es, Hamburg zurück auf die Landkarte der Handball-Erstligisten zu bekommen?

Alfred Gislason: Das wäre ein Gewinn. Eine große Stadt mit vielen Handball-Fans. Die Zeiten, in denen Hamburg da oben war mit Mäzen Andreas Rudolph und Trainer Martin Schwalb – das war eine gute für die Liga. Jeder, der Handball liebt, hofft, dass Hamburg bald wieder in der Bundesliga spielt.

Und am 5. November dürfen Sie dann auch endlich selbst nach zahlreichen ausgefallen Länderspielen und der Olympia-Verlegung ihre Premiere als Bundestrainer feiern.

Alfred Gislason: Endlich. Wenn das auch noch verschoben wird, dann kommt der richtige Frust (lacht). Ich freue mich darauf. Es ist alles vorbereitet für Bosnien. Klar sind die Jungs jetzt voll auf ihre Vereine konzentriert, aber ich erwarte schon, dass sie drei, vier Wochen vor dem Spiel anfangen, sich mit den Gegnern in der EM-Qualifikation und meinen dazugehörigen Materialien zu beschäftigen.

Sie sind Anfang September 61 geworden. Wollten Sie nicht mit 60 Jahren im Ruhestand leben? Zumindest sollen Sie Ihrer Frau das einmal versprochen haben.

Alfred Gislason: Das war so: Unser Leben bestand ja lange nur aus Handball. 1997 hatte ich ihr schon versprochen, dass nach meiner Zeit als Trainer in Island Schluss mit dem Handball ist, zumal sie in ihrem Job auch erfolgreich gearbeitet hatte. Dann kamen Anfragen aus Deutschland, zuerst von Tusem Essen. Wir waren uns schon einig, doch dann musste es plötzlich so schnell gehen, dass ich meine isländische Mannschaft mitten in den Play-offs hätte verlassen müssen. Das wollte ich nicht, sie hängen lassen, nachdem ich das Team fünf Jahre lang aufgebaut hatte. Das Engagement in Essen kam nicht zustande, schließlich bin ich in Hameln und dann in Magdeburg gelandet.

Das war wohl nichts mit dem Versprechen. Sie leben aber immer noch glücklich mit Ihrer Frau?

Alfred Gislason: Aber ja. Das Versprechen habe ich 22 Jahre überzogen. Bei meiner letzten Verlängerung in Kiel 2016 hatte ich ihr dann versprochen: Ab 60 ist Schluss mit der Bundesliga. Immerhin das habe ich gehalten (lacht). Wenn, dann wollte ich nur noch ein Nationalteam. Wie lange das nun gilt, hängt davon ab, ob der Verband und ich beide zufrieden sind.