Tour de France

Roglic und Pogacar: Ein slowenisches Radsport-Märchen

Primoz Roglic und Tadej Pogacar dominieren die Tour de France. Privat sind sie Freunde, auf dem Rad erbitterte Konkurrenten.

Tadej Pogacar (l.) und Primoz Roglic leisten sich von Etappe zu Etappe einen harten Kampf um das Gelbe Trikot. Die Entscheidung um den Gesamtsieg wird wohl erst am vorletzten Tag fallen.

Tadej Pogacar (l.) und Primoz Roglic leisten sich von Etappe zu Etappe einen harten Kampf um das Gelbe Trikot. Die Entscheidung um den Gesamtsieg wird wohl erst am vorletzten Tag fallen.

Foto: KENZO TRIBOUILLARD / AFP

Sassenage. Der Vorjahressieger keuchte, brachte mit letzter Kraft die Kurbel zur Umdrehung auf den finalen Metern im Anstieg zum Grand Colombier. „Ich habe das Gefühl, dass ich heute drei Lebensjahre verloren habe“, sagte Egan Bernal. Vor allem war ihm klar, dass er den Kampf um den Sieg bei der Tour de France verloren hatte. Denn über sieben Minuten vor dem Kolumbianer fuhren Tadej Pogacar und Primoz Roglic über die Ziellinie. Mit großer Leichtigkeit.

Wohl niemand zweifelt nach gut zwei Wochen Tour noch daran, dass die beiden Slowenen den Sieg beim größten Radrennen der Welt unter sich ausmachen. Beide kontrollieren die Konkurrenz in den Bergen, sind nur noch für einander gefährliche Gegner. Noch nie stand ein Slowene in Paris ganz oben auf dem Treppchen, und ob dem, was sich nun andeutet, gehen in der Heimat fast die Superlative aus. „Dies ist kein Märchen mehr und auch kein Traum, all dies ist Realität. Eine der größten Geschichten passiert derzeit im slowenischen Sport“, schrieb die Tageszeitung „Delo“ nach dem Doppelerfolg am Sonntag.

Roglic schulte einst vom Skispringer zum Radfahrer um

Pogacar, erst 21 Jahre alt, liegt nach der 15. Etappe in der Gesamtwertung dank der Bonussekunden nur 40 Sekunden hinter Spitzenreiter Roglic. „Im Moment scheint er nicht zu stoppen zu sein. Aber vielleicht gibt es einen Tag, wo er Schwächen zeigt“, sagte Pogacar, der bereits seinen zweiten Etappensieg bei der diesjährigen Tour feierte. Mit dem ersten kürte er sich zum jüngsten Tour-Tagessieger des 21. Jahrhunderts. Doch Landsmann Roglic lässt sich davon nicht beeindrucken. „Wir sind da, wo wir sein wollen. Wir haben die Etappe beherrscht“, erzählte Roglic. Der 30-Jährige zeigt mit seinem enorm starken Team Jumbo-Visma bislang nicht den Hauch einer Schwäche.

Die beiden Slowenen kennen sich gut. „Natürlich, wir sind echte Kumpels“, sagt Pogacar über sein Verhältnis zu Roglic. Doch auf dem Weg zum Ziel in Paris muss diese Freundschaft ruhen, zumindest „auf den letzten Renn-Kilometern“. Knapp neun Jahre liegen die beiden Profis auseinander, aber was auf den ersten Blick wie viel wirkt, relativiert sich ein wenig, wenn man auf die Karriere von Roglic blickt. Der war einst Skispringer, populär in dem kleinen Land mit zwei Millionen Einwohnern zwischen Alpen und Adria. Sogar Junioren-Weltmeister im Team wurde Roglic.

„Ich wollte der beste Skispringer der Welt werden, der Traum hat sich nicht erfüllt“, sagte er, „deshalb habe ich umgedacht und etwas anderes gemacht.“ Er kaufte sich für 1300 Euro ein gebrauchtes Fahrrad und erhielt 2013 tatsächlich beim unterklassigen Team Adria Mobil eine Chance. Schnell stellten sich die Erfolge ein, Jumbo-Visma wurde auf ihn aufmerksam. Ende 2015 wurde Roglic für das Mindestgehalt von knapp 40.000 Euro angestellt. Und noch vor dem ersten Rennen verblüffte der damals 26-Jährige mit seinen Plänen. Innerhalb von fünf Jahren wolle er die Tour gewinnen.

Pogacar fährt seine erste Tour de France

„Wir haben ihm geantwortet: Beruhige dich mal, wir sind hier in der WorldTour, und du hast noch kein Rennen gewonnen“, erinnerte sich Sportdirektor Frans Maassen in der französischen Sporttageszeitung „L’Equipe“. Seitdem folgte eine fulminante Entwicklung. 2016 gewann Roglic eine Etappe beim Giro d’Italia, ein Jahr später dann bei der Tour de France. Und es dauerte nicht lange, da war er ein kompletter Rundfahrer: Vierter bei der Tour 2018, Dritter beim Giro 2019 und schließlich Vuelta-Gesamtsieger im September vergangenen Jahres. Er beendete 41 Rennen als Erster.

Pogacar hingegen unterschrieb anders als der Spätstarter schon als Teenager seinen ersten Profi-Vertrag. Der Junge aus Komenda war schon immer seiner Zeit voraus, als Jugendlicher hängte er regelmäßig die älteren Rivalen ab. Und im vergangenen Jahr gewann er bei der Vuelta gleich drei Etappen, was noch keinem Fahrer vor ihm bei einer großen Rundfahrt mit 20 Jahren gelang. Für Pogacar mussten die Veranstalter der Kalifornien-Rundfahrt sogar die Siegerehrung umgestalten.

Weil er noch nicht 21 war, wurde ihm die Champagnerflasche verwehrt. Inzwischen hat er 15 Rennen gewonnen. Angesichts der Neigungen in der Heimat für Fußball und Wintersport fragen sich viele, wie es zu diesem kometenhaften Aufstieg der Radprofis kommen konnte. „Das Ergebnis harter Arbeit“, sagt Tour-Debütant Pogacar. Doch Zweifel fahren bei den beiden Slowenen durchaus mit. Dass einige Spuren in der Blutdopingaffäre um den Erfurter Sportmediziner Mark S. nach Slowenien führen, ist bekannt. Roglic versichert jedoch: „Von meiner Seite aus könnt ihr mir vertrauen. Ich habe nichts zu verstecken.“

Nach dem Ruhetag warten anspruchsvolle Berge

Verstecken will sich auch Pogacar nicht, das passt nicht zu seinem Fahrstil, er attackiert, wenn immer sich die Chance dazu bietet. Roglic hingegen kontrolliert die Rennen lieber, verfolgt seinen Plan, dank dem er seit der neunten Etappe, seit dem Tagessieg bei der Bergankunft in Orcieres-Merlette, das Gelbe Trikot trägt. Mit seiner Ruhe, seiner psychischen Stärke will er es bis nach Paris gegen den unbekümmerten Pogacar verteidigen. Den finalen Schlagabtausch dürfte es dabei beim Bergzeitfahren an der Planche des Belles Filles am Sonnabend geben.

Doch vorher geht es nach dem Ruhetag am Montag mit der 16. Etappe über 164 Kilometer von La Tour-du-Pin nach Villard-de-Lans weiter. Fünf Bergwertungen, davon eine der ersten Kategorie, stehen auf dem Programm. Und die sind anspruchsvoll. Roglic und Pogacar dürften sie aber nicht ins Straucheln bringen. Dafür haben sich beide schon zu stark präsentiert, zu konstant, als dass die Konkurrenz noch auf das Gelbe Trikot schielen dürfte.