Istaf Berlin

Armand Duplantis ist beim Istaf der Herr der Berliner Lüfte

Armand Duplantis gewinnt beim Istaf im Stabhochsprung. 3500 begeisterte Fans im Berliner Olympiastadion feiern mit.

Die Berliner Luft liegt ihm: Armand Duplantis gewinnt nicht nur beim Istaf, der Schwede wurde im Olympiastadion 2018 auch Europameister.

Die Berliner Luft liegt ihm: Armand Duplantis gewinnt nicht nur beim Istaf, der Schwede wurde im Olympiastadion 2018 auch Europameister.

Foto: ODD ANDERSEN / AFP

Berlin. Armand Duplantis lief ein bisschen planlos durch die Gegend. Was nun? Der 20-Jährige hatte gerade das Stabhochspringen beim Istaf am Sonntag im Olympiastadion gewonnen. Aber die Höhe von 5,91 Metern? Nicht das, was man von dem Schweden gewohnt ist. Nicht das, womit sich der Ausnahmekönner zufrieden geben wollte.

Also nahm Duplantis noch einmal Maß, schnaufte tief durch und lief in seiner so unnachahmlichen Weise an. Die Augen weit aufgerissen, die Schulter wippend, die Latte auf einer Höhe von 6,15 Metern fest im Blick. So hoch war er außerhalb der Halle noch nicht gesprungen, 6,07 Meter standen da bislang zu Buche. Und bleiben es auch erstmal.

Den Zuschauern war es egal, dass die magische Marke von 6 Metern nicht geknackt werden konnte. Die 3500 Fans, die den Corona-Leitlinien entsprechend Deutschlands traditionsreichstes Leichtathletik-Meeting besuchen durften, feierten ihn trotzdem. Den schwedischen Superspringer und die 105 anderen Athleten, die im Vorfeld des Events allesamt negativ auf das Coronavirus getestet worden waren.

Istaf geht als gutes Beispiel in der Corona-Krise voran

Dass sie ins Rund des Olympiastadions durften, noch vor den Fußball-Fans, das erfüllte den einen oder anderen sichtlich mit Stolz. Und damit diese kleine, aber feine Leichtathletikparty, auf die vor einigen Monaten noch niemand hoffen mochte, kein Rückschritt im Kampf um Zuschauer in den Stadien ist, hielt sich auch jeder brav an die Vorgaben.

Schön auf der rechten Seite die Treppe hoch, auf der linken wieder runter, die Maske nicht vergessen – und bitte, immer den Abstand einhalten. Alles kein Problem. Auch nicht für die Stimmung. Wo sonst 35.000 Leichtathletik begeisterte Zuschauer jubelten, fehlte jetzt eben eine Null. Aber Klatschpappe sei Dank fiel das gar nicht mal so sehr auf. „Die Fans waren wirklich laut heute“, sagte Duplantis. „Hat sich angefühlt wie ein ausverkauftes Haus, die Stimmung war großartig.“

Vielleicht war es der Entzug, diese langen Monate des zuschauerlosen Sports, die fehlenden Emotionen – Gänsehaut war jedenfalls Dauergast an diesem Nachmittag. Und das lag bei sonnigen 25 Grad definitiv nicht an der Witterung.

Warholm und Muir laufen Meeting-Rekord beim Istaf

Die Härchen auf den Armen standen zu Berge, als der Norweger Karsten Warholm über 400 Meter Hürden mit Meeting-Rekord glänzte (47,08 Sekunden). Als Laura Muir (Großbritannien) Weltjahresbestleistung über 1500 Meter lief (3:57,40 Minuten) und danach freudestrahlend ins Mikrofon rief: „Ich liebe dieses Stadion einfach!“ Als der US-Amerikaner Christian Taylor sich im Dreisprung auf 17,57 Meter katapultierte und seine eigene Weltjahresbestleistung um zehn Zentimeter steigerte.

Als Johannes Vetter auf dem Bauch liegend seinem Speer nachschaute und wenig später mit 87,26 Metern seinen vierten Sieg beim Istaf feiern konnte. Der weltbeste Speerwerfer, der vor wenigen Tagen in Polen noch mit 97,76 Metern haarscharf am Weltrekord vorbeigeworfen hatte, genoss die Atmosphäre im Olympiastadion in vollen Zügen. „Ich hätte nie gedacht, dass 3500 Zuschauer so viel Bambule machen können“, sagte der strahlende Sieger.

Bei Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo reichte es zwar nicht für den erhofften Sprung über sieben Meter. Das Istaf war für die 26-Jährige trotzdem ein versöhnlicher Saisonabschluss. „Ich hatte Schwierigkeiten, in den Wettkampf reinzukommen. Mit 6,77 Metern habe ich es aber gut hinbekommen“, sagte Mihambo und verabschiedete sich winkend von den feiernden Fans.

Duplantis kehrt beim Istaf an den Ort seines EM-Triumphes zurück

Genau wie Duplantis, der nach seinem dritten Fehlversuch über 6,15 Meter auf der Stabhochsprungmatte stand und trotzdem zufrieden klatschte. „Die Verhältnisse müssen sehr gut sein, wenn du 6,15 Meter springen willst“, erzählte Duplantis. „Aber ich wollte heute kein Risiko angehen.“ Die Erwartungen an den WM-Zweiten von Doha 2019 waren aber auch riesig. Schließlich hatten die Macher des Istaf den Weltrekordhalter eingeladen, den Leichtathleten, der auf dem allerbesten Weg ist, zum absoluten Superstar seiner Sportart aufzusteigen. Weil er jung ist, immer für einen Spaß zu haben und weil er im Februar mit 6,18 Metern Weltrekord sprang. Leistungen, die den einen oder anderen schon mal abheben lassen.

Nicht aber Duplantis. Schüchtern winkte er ins Publikum, als er die blaue Bahn in Berlin betrat, wo sein Stern bei der EM 2018 aufgegangen war, ein kleines Handküsschen für die Kamera. „Berlin ist ein spezieller Ort für mich und ich bin sehr glücklich, hier zu sein“, sagte Duplantis. Entspannt saß er in seinem weißen Sessel neben der Stabhochsprunganlage, das Bein lässig überschlagen, und schaute sich das Treiben der Konkurrenz an. 5,42 Meter, keine Höhe, für die der Europameister seine Trainingsjacke auszieht.

Ein Sprung über 5,57 Meter durfte es dann sein. Die Latte wird aber wohl nicht einmal mitbekommen haben, dass sie überquert wurde. So viel Abstand hatte Duplantis – ganz coronakonform – gehalten. Dann machte er erst mal wieder Pause, ließ sich die anderen an ihren Höhen abarbeiten.

Diese Ruhe hat er seinen Eltern zu verdanken, die ihren Sprössling trainieren. Darauf achten, dass er nicht allzu viel von dem Druck mitbekommt, der in der Öffentlichkeit aufgebaut wird. Der Weltrekordhalter gibt wenige Interviews, verbringt seine Wettkampfpausen am liebsten in der Versenkung. Um Kraft zu sammeln, um die Reserven wieder aufzufüllen, um dann wieder voll anzugreifen, wenn es darauf ankommt.

So wie Anfang September in Lausanne, als er beim Diamond-League-Meeting die 6,07 Meter überquerte und nur von der eintretenden Dunkelheit gestoppt wurde. Das Riesentalent mit der schwedischen und US-amerikanischen Staatsbürgerschaft hat sich vom Coronavirus nicht aus dem Tritt bringen lassen.

In Berlin würde Duplantis irgendwann gern Weltrekord springen

Im heimischen Garten seiner Eltern in Louisiana trainierte Duplantis fleißig. Dort, wo er vor vielen Jahren den Grundstein für seine Ausnahmekarriere legte. Als er mit einem Besenstiel immer wieder aufs Sofa hüpfte. Damals hatte Mondo, wie er mit Spitznamen genannt wird, die Begeisterung gepackt. „Seit ich die ersten Sprünge gemacht habe, wollte ich der Beste werden, der jemals gelebt hat“, hat er mal erzählt. Er ist auf einem guten Weg dorthin. Nicht wenige sehen in ihm schon den nächsten Sergej Bubka, den Nachfolger jenes Stabhochspringers, der über 30 Jahre den Weltrekord hielt.

Den würde Duplantis gern in Berlin springen. „Dieses Stadion wäre perfekt für einen Weltrekord, wenn der Wind passt“, sagte er. Die Hauptstadt darf also auf eine Rückkehr des Wunderkindes hoffen. Denn
Duplantis hat einen Plan: Die 6,20 Meter, die will er auf jeden Fall noch knacken.