Istaf

Niko Kappel: Kleiner Mann mit großen Zielen

Erst der Weltrekord, jetzt die Teilnahme am Istaf: Para-Kugelstoßer Niko Kappel hat Sonntag im Olympiastadion viel vor.

Niko Kappel holte sich mit einer Weite von 14,30 Metern im Juli den Weltrekord.

Niko Kappel holte sich mit einer Weite von 14,30 Metern im Juli den Weltrekord.

Foto: Mika Volkmann / picture alliance / Mika

Berlin. Eine Rumpelkammer im Keller birgt viele Schätze. Lang vergessene Umzugskisten, verschmähte Möbelstücke oder aber Platz. Viel Platz für ein eigenes Fitnessstudio. Das erkannte auch Niko Kappel im Frühjahr und funktionierte seinen Keller kurzerhand zum Trainingsraum um. „Wenn man als gelernter Bankkaufmann so einen Keller ausräumt, Gummimatten und Gewichte schleppt, da ist man schon ein bisschen stolz. Ist ja nicht unbedingt mein tägliches G’schäft“, erzählt der Para-Kugelstoßer aus Schwaben. Flexibilität heißt das Gebot der Corona-Krise.

Im Untergeschoss des Hauses in Welzheim wurden Gewichte gestemmt, die Form gehalten, aber auch die eine oder andere (Gummi)Kugel gestoßen. Kein ungefährliches Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die nächste Wand nur eineinhalb Meter entfernt war. „Wenn die Kugel abgeprallt ist, ist sie meist über mich drüber geflogen. Ich bin ja nicht so groß“, sagt Kappel und lacht.

Weltrekord lässt Macher des Istaf aufhorchen

Seine Größe von 1,40 Meter behandelt der Kleinwüchsige, der mit Spitznamen Bonsai genannt wird, immer wieder mit einer gehörigen Portion Selbstironie – ob nun beim Bobbycar-Rennen oder mit ausreichender Beinfreiheit im Flugzeug. Denn sein Selbstbewusstsein übersteigt die Körpergröße des 25-Jährigen um einiges.

Nicht zu Unrecht, wie ein Blick auf die vergangenen zwei Monate zeigt. Anfang Juli stieß der Athlet des VfL Sindelfingen mit 14,30 Metern so weit wie niemand zuvor – Weltrekord. Eine Leistung, die auch die Verantwortlichen des Istaf in Berlin aufhorchen ließen. So ein Weltrekordhalter würde dem traditionsreichen Leichtathletik-Meeting in der Hauptstadt doch auch ganz gut zu Gesicht stehen.

„Das Istaf hat man immer im Hinterkopf. Ich dachte oft schon, ach, das wär’ doch cool, wenn die da mal einen Kleinwüchsigen-Wettkampf machen würden“, erzählt Kappel. „Und irgendwann kam dann der Anruf.“ Und das Para-Kugelstoßen wurde zu einem von elf Wettbewerben, die am Sonntag (ab 15 Uhr, Kugelstoßen um 16.45 Uhr) im Olympiastadion vor 3500 Zuschauern ausgetragen werden.

Kappels direkte Konkurrenten sind nicht am Start

Dabei hat Kappel auch noch eine kleine Rechnung offen mit Berlin. Als der Paralympics-Sieger von Rio vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark antrat, blieb er mit 12,60 Metern weit unter seinen Möglichkeiten. Platz zwei, der Frust war groß. „So richtig weit und gut hab ich in Berlin noch nicht gestoßen“, weiß Kappel. „Deswegen hoffe ich, dass ich das jetzt im Olympiastadion besser hinbekomme.“

Die Konkurrenz ist nicht sonderlich groß. In seiner Startklasse F41 ist Kappel der einzige Starter, unterstützt wird er von Yannis Fischer (STTV Singen) und dem Niederländer Take Zonneveld. „Take ist ein total korrekter Typ“, sagt Kappel und fügt lachend hinzu: „Er erinnert mich ein bisschen an Olli Kahn.“ Das Duo startet aber in der F40-Klasse der kleineren Athleten. Schade, findet Kappel, dass keiner seiner direkten Rivalen nach Berlin reisen wollte.

Aber weder der bisherige Weltrekordhalter Kyron Duke (Großbritannien) noch der Europameister von Berlin 2018 Bartosz Tyszkowski (Polen) wagen sich gerade über die Grenzen ihrer Heimatländer hinaus. Kappels beeindruckende Leistungen – im Juni stieß er bei einem nicht offiziell gemeldeten Wettkampf sogar 14,40 Meter – dürften ihr Übriges getan haben.

Paralympics-Gold in Tokio ist Kappels Ziel

Also geht Kappel allein auf Weitenjagd. Und der WM-Zweite von 2019 ist zuversichtlich, dass das Maximum noch nicht erreicht ist. „Ich glaube auf jeden Fall, dass noch ein bisschen was drin ist. Das hab ich auch schon bei dem einen oder anderen Wettkampf gesehen“, sagt er. Also darf’s am Sonntag die Verbesserung des eigenen Rekords sein? „Das wär ein Traum“, findet Kappel. „Aber wenn das immer so planbar wäre, dann wäre es kein Sport.“

Eine bittere Wahrheit, die auch die Macher der paralympischen und olympischen Spiele einsehen mussten. Dass die Paralympics in Tokio auf das nächste Jahr verschoben wurden, ist für Kappel nachvollziehbar. „Wenn man sich die Corona-Lage anschaut, musste man sich schnell eingestehen, dass aktuell nicht die ganze Welt zusammenkommen kann“, sagt er.

Kappels Leistungskurve zeigt nach oben

Die Hoffnung aber ist da, dass sich das bis zum nächsten Sommer geändert hat. Seinen Sieg von Rio will Kappel nach wie vor verteidigen. „Gold wäre natürlich schön“, da würde der Weltmeister von 2017 nicht nein sagen. „Aber im Moment sieht es ja ganz gut aus, dass ich da vorn mit dabei bin.“ Eine winzige Untertreibung, bei der sich Kappel ein Lachen nicht verkneifen kann.

Seine Entwicklungskurve zeigt auch nach mehr als zehn Jahren Jahren als Leistungssportler nach oben. Mittlerweile sind die Sprünge zwar nicht mehr so groß, „aber das ist ja normal“ mit fortschreitendem Alter, findet Kappel. Locker lässt er trotzdem nicht. Nicht einmal, wenn dafür der Keller entrümpelt werden muss.