Radsport

Tour de France im Schatten von Corona

Die Sorge, dass das Peloton der Tour de France gar nicht in Paris ankommt, ist groß in den Tagen der Pandemie.

Das Abklatschen mit den Fans, so wie bei Julian Alaphilippe, wird es dieses Jahr nicht geben bei der Tour de France.

Das Abklatschen mit den Fans, so wie bei Julian Alaphilippe, wird es dieses Jahr nicht geben bei der Tour de France.

Foto: Yorick Jansens / dpa

Berlin/Nizza. Radsport lebt von der Nähe, vom Gefühl, die Helden der Landstraße quasi anfassen zu können. Erst recht bei den gut 3500 Kilometern, die jeden Sommer in Frankreich abgespult werden. Die Tour de France ist eine Institution, eines der größten Sportereignisse der Welt – und eben auch ein Volksfest, gerade an den Start- und Zielorten. Diesmal aber wird die Tour einen ganz anderen Charakter haben. Distanz ist das oberste Gebot in Zeiten der Corona-Pandemie.

Es wird vielen Fans schwer fallen, selbst die einfachsten Regeln zu befolgen. Das hatte sich zuletzt bei einigen Rennen schon abgezeichnet. Deshalb sendet der niederländische Radprofi Tom Dumoulin vor dem Beginn der Tour am Sonnabend in Nizza eine Botschaft an die Zuschauer: „Tragt eine Maske. Das sollte verpflichtend sein.“ Die Angst vor Infektionen, selbst durch Fans am Straßenrand, ist bei allen groß, denn die Folgen können verheerend sein. Das Virus beherrscht diese Tour mehr als der beste Kletterspezialist das Peloton.

Bis zu 5000 Zuschauer sind bei Start und Ziel erlaubt

Warum trotzdem Zuschauer zugelassen sind, versteht mancher nicht. „Ich finde es kritisch“, sagt Tony Martin, deutscher Teamkollege von Dumoulin bei Jumbo-Visma. Die Situation verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die Cote d’Azur, an der auch Nizza liegt, wurde vom Robert-Koch-Institut als Risikogebiet eingestuft, ebenso Paris als finales Ziel. Bis zu 5000 Menschen haben sich zuletzt in Frankreich pro Tag infiziert. Doch die ganze Strecke der Tour vor Zuschauern abzuschirmen, wäre wohl unmöglich. So wurde der Zugang zum Start- und Zielbereich auf 5000 Fans limitiert, die Zufahrten zu den sonst stark frequentierten Pässen werden kontrolliert – und bei zu großem Andrang geschlossen. Zuschauer sollen Maske tragen, Abstand halten, auf Autogramme verzichten, bittet auch der Veranstalter ASO.

Über Monate arbeitete die Tour-Organisation daran, ein möglichst sicheres Konzept zu finden, das eine Rundfahrt auch unter diesen schwierigen Umständen möglich macht. Mehr als 2500 PCR-Tests werden in den dreieinhalb Wochen vorgenommen. Ein positiver Test zieht für den Einzelnen einen Ausschluss nach sich, doch bei einem zweiten Corona-Fall innerhalb einer Mannschaft, egal ob Profi oder Masseur, in einem Zeitraum von sieben Tagen wird das komplette Team aus dem Rennen genommen. Inklusive Betreuer und Mechaniker gehören ca. 30 Leute zu einer Mannschaft.

Überzeugt von den neuen Bedingungen sind längst nicht alle. „Ich finde erst mal gut, dass bei zwei positiven Tests Maßnahmen getroffen werden. Die sollten aber nicht so streng und so gravierend sein. Man sollte Zwischenschritte einbauen“, findet der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Martin. Auch Ralph Denk, Teamchef bei der deutschen Equipe Bora-hansgrohe, ist kritisch. Sein Team erlebte kürzlich, dass ein Fahrer zunächst positiv, anschließend aber negativ getestet worden ist. „Es werden Entscheidungen anhand von solchen Testergebnissen getroffen, die massiv sind. Wir sprechen vom weltgrößten Sportereignis in diesem Jahr. Und dann verlässt man sich auf Tests ohne Gegenprobe“, so Denk. B-Proben sind anders als bei Dopingproben nicht vorgesehen.

Fahrer werden gut abgeschirmt, aber es gibt keine Sicherheit

Um so wichtiger wird es für die Teams, alle Maßgaben einzuhalten und das Infektionsrisiko zu minimieren. In den Hotels werden sie in getrennten Etagen und Speisesälen abgeschirmt, trainieren unter strengen Sicherheitsvorkehrungen, werden per Teambus zum abgesperrten Startbereich gebracht und nach der Etappe, auf der Zuschauerkontakt am schwierigsten zu verhindern ist, im Zielbereich wieder in Empfang genommen und ins Hotel gebracht. „Die Blase muss sauber bleiben. Wenn man die Blase nicht sauber halten kann, dann wird die französische Regierung das Event stilllegen“, sagt Iwan Spekenbrink, Manager des deutschen Sunweb-Teams.

Die Gefahr, dass die Tour gar nicht am 20. September in Paris ankommt, wenn die Lage außer Kontrolle gerät, die fährt mit in diesen Tagen. „Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, dass jeder Tag der letzte sein kann“, sagt Tony Martin, der trotz der vielen Auflagen immerhin einen kleinen Effekt sieht, den er nicht schlecht findet. Es gibt weniger Ablenkungen, wenn der Trubel bei der Tour mal nicht dem eines Volksfestes entspricht. Man kann sich besser auf die Arbeit konzentrieren.