Formel-E-Saisonfinale

Elektrischer Motorsport: Eine Formel für die Zukunft

Die Formel E kehrt in Berlin auf die Rennstrecke zurück – mit besten Aussichten, noch mehr an Popularität zu gewinnen.

Maximilian Günther mit seinem BMW i Andretti ist der beste Deutsche in der Gesamtwertung der Formel E.

Maximilian Günther mit seinem BMW i Andretti ist der beste Deutsche in der Gesamtwertung der Formel E.

Foto: Simon Galloway / Fia Formula E

Berlin. Konsequenter geht es nicht. Die Umstände verlangen Zugeständnisse, wegen der Corona-Pandemie müssen viele Veranstaltungen noch ohne Zuschauer auskommen. Da macht auch die Formel E keine Ausnahme, wenn sie in diesen Tagen in Berlin gastiert. Aber die Macher haben sich etwas einfallen lassen. Für ein bisschen Gemeinschaftsgefühl in der Renn- und Fan-Gemeinde bietet die elektrische Motorsport-Serie passenderweise ein Autokino-Erlebnis unweit des Olympiastadions an. Zufahrt hat aber nur, wer mit Elektro- oder Hybridwagen anrollt. Stilecht eben.

Zum sechsten Mal kommt die noch junge Formel E nach Berlin, startet am Mittwoch aber nicht nur ein Rennen, sondern absolviert binnen neun Tagen gleich sechs Läufe (jeweils ab 19 Uhr live bei Eurosport). Ebenfalls bedingt durch die Pandemie. Nach fünf Rennen wurde die Serie im März unterbrochen, der Kalender angepasst – und Berlin als zentraler Standort ausgewählt, um die sechste Saison der Formel E bestmöglich über die Bühne zu bringen. Die Rahmenbedingungen stimmen einfach. Der ehemalige Flughafen Tempelhof liegt mitten in der Stadt und ist dennoch leicht abzuriegeln.

Günther ist als Vierter bester Deutscher in der Formel-E-Wertung

„Es wird sicherlich eine große Herausforderung für uns alle, nicht nur die Fahrer gehen an die Grenzen, sondern jedes einzelne Teammitglied. Berlin hat einen gewissen Turnier-Charakter, das ist anders als sonst“, sagt Maximilian Günther von BMW i Andretti Motorsport. Der 23-Jährige aus Oberstdorf ist einer Gründe, warum die Formel E gerade aus deutscher Perspektive immer spannender wird. Als Vierter im Klassement besitzt er sogar die Chance, sich in der Hauptstadt zum Champion krönen.

Das würde der Wahrnehmung der Formel E in Deutschland sicher helfen. Lang ist schließlich der Schatten der Formel 1. Dort vollziehen sich aber auch Veränderungen, deren Konsequenzen noch nicht eindeutig vorhersehbar sind. Allerdings lässt sich erahnen, dass mit dem Ausstieg des Free-TV-Senders RTL ab dem nächsten Jahr das Interesse eher sinken wird. Sollte mit Sebastian Vettel der letzte verbliebene deutsche Fahrer dann ebenso nicht mehr dabei sein, würde sich die Position sicher noch einmal verschlechtern. Zumal es der Nürburgring nur als Corona-Ersatz-Programm in den diesjährigen Kalender schaffte und zukünftige Rennen hierzulande sehr fraglich sind.

Formel E ist sehr interessant für die Hersteller

Auch Günther kennt den Zauber der großen Boliden „Die Formel 1 lebt vom Mythos, von der Historie. Aber im Vergleich sieht man einfach, dass die Formel E zeitgemäß und modern ist, alle Hersteller wollen da einsteigen“, sagt der Bayer. Während in der Formel 1 nur noch Mercedes unterwegs ist, tummeln sich die deutschen Hersteller lieber in der Formel E. BMW und Audi mischen mit, Porsche auch, selbst Mercedes hat sich in dieser Saison ebenso elektrifiziert. Die Relevanz der Serie steht außer Frage. In einer Zeit, in der die Entwicklung von E-Autos oberste Priorität genießt, lassen sich aus dem Motorsport wichtige technische Erkenntnisse auf die Alltagswagen übertragen. Dazu gibt es vier deutsche Fahrer, mit Berlin ein schon traditionelles Rennen. Jede Menge Potenzial, um die bei der Formel 1 frei werdenden Interessen zu bündeln und irgendwann zum neuen deutschen Motorsport-Liebling aufzusteigen.

Der Kurs zumindest ist gesetzt. Aus den wenig attraktiven Elektroautos der ersten Generation sind schon echte Rennwagen geworden. Ab 2022 soll die dritte Generation über die Pisten der zuschauerfreundlichen Stadtkurse rollen. Mit noch mehr Power, noch mehr Renncharakter – dann sogar auch mit Boxenstopps zum schnellen Nachladen von Energie. „Mit Generation drei gehen wir aufs Ganze. Wir gehen voll auf Performance. Wir wollen zeigen, was diese Autos zu leisten imstande sind“, sagt Alejandro Agag, der Gründer der Formel E.

Sechs Rennen in neun Tagen auf dem Tempelhofer Flughafengelände

In Berlin präsentiert sich seine Serie nun als großes Event. Auch das passt in die Zeit, mit dem „härtesten Finale im Motorsport“ wirbt die Formel E. Untertrieben ist das sicher nicht, nach Mittwoch müssen Fahrer und Teams am Donnerstag, Sonnabend, Sonntag, Mittwoch sowie Donnerstag die Räder zum Drehen bringen auf dem einstigen Flughafen in Tempelhof. Falls Corona nicht doch noch dazwischenfunkt. Trotz der strengen Auflagen sind zwei Personen positiv getestet worden. Darunter der indische Mahindra-Teamchef Dilbagh Gill, die Kontaktverfolgung läuft.

Bislang gab es in der Hauptstadt lediglich einen deutschen Sieger. Daniel Abt gewann 2018, er ist auch diesmal dabei, aber nach seinem Rauswurf bei Audi vor ein paar Wochen ganz neu in seinem Wagen von Nio 333 und ohne allzu große Hoffnungen. Im Titelkampf besitzen der Portugiese António Félix da Costa (DS Techeetah/67 Punkte) und der Neuseeländer Mitch Evans (Jaguar/56) die besten Karten. Allerdings wird in Berlin mehr als die Hälfte der Saison gefahren, 180 Punkte sind zu vergeben und das Feld liegt oft sehr eng beisammen. „Am Ende wird es darauf ankommen, wer die wenigsten Fehler macht. Wer es schafft, sich Tag für Tag zu fokussieren“, sagt Maximilian Günther, dem solche Drucksituationen liegen. Ihm gelang bereits ein Sieg in dieser Saison, ein nächster Erfolg in Berlin wäre also eine logische Konsequenz.