DTM und Formel E

René Rast: Vielfahrer sucht Perspektive

René Rast geht als Champion in die DTM-Saison, die am Sonnabend startet. Ein paar Tage später fährt er in der Formel E um seine Zukunft.

René Rast und der Wagen, mit dem er in die letzte DTM-Saison für Audi geht.

René Rast und der Wagen, mit dem er in die letzte DTM-Saison für Audi geht.

Foto: Audi Communications Motorsport

Berlin. Raus aus dem einen Auto, hinein in das andere. Er hat es probiert. Ist ja auch mal interessant, diesen Unterschied live und direkt zu erleben. Nur unterbrochen von einem kurzen Mittagessen. „Das ist brutal schwierig“, sagt René Rast. Rennwagen ist eben nicht Rennwagen. Schon gar nicht, wenn der eine mit dem guten Rennsprit läuft und der andere mit Strom.

In den vergangenen Wochen wechselte Rast sehr häufig sein Fahrzeug oder die Simulator-Konfiguration. Weil er sich auf zwei verschiedene Rennserien gleichzeitig vorbereiten musste. „Das ist nicht ohne. Aber wir hatten ja viel Zeit“, sagt der 33-Jährige. Corona hat die Abläufe durcheinander gebracht. Aber an diesem Sonnabend steigt er in Spa (Belgien) in der DTM in die Saison ein, ab 5. August fährt der Mindener in Berlin in der Formel E. Vor ihm liegt ein Mammutprogramm, zwölf Rennen in 23 Tagen, je sechs pro Serie. „Das hat wahrscheinlich noch keiner von uns erlebt“, so Rast, der Vielfahrer.

In der DTM der Titelverteidiger, in der Formel E der Neuling

Es sind keineswegs nur die sehr verschiedenen Wagen und Serien, mit denen sich Rast auseinandersetzen muss. Er geht auch mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in die Rennen. In der DTM ist Rast der Titelverteidiger, der dominierende Fahrer der vergangenen drei Jahre mit zwei Meisterschaften und einem zweiten Platz. In der Formel E „würde ich mir wünschen, ein- oder zweimal in die Punkte zu fahren. Das wäre ein tolles Ergebnis“. Er ist dort ein Neuling, der nach einer Perspektive sucht.

Geplant war das alles nicht so, es hat sich ergeben. In der Formel E bestritt das Team Audi Sport Abt Schaeffler die ersten fünf Saisonrennen mit Daniel Abt und Lucas di Grassi in den beiden Cockpits. Doch als Abt während der Corona-Pause bei einem virtuellen Rennen seinen Platz im Simulator einem E-Sport-Profi überließ, kündigte ihm Audi. Rast, der in der DTM beim Audi Sport Team Rosberg fährt, übernimmt nun anstelle von Abt in der Formel E in der zweiten Saisonhälfte, die mit sechs Rennen in neun Tagen komplett in Berlin ausgetragen wird.

Audi-Cockpit für die nächste Formel-E-Saison ist das Ziel

Für Abt tut es Rast leid, aber für ihn selbst kann diese ungewöhnliche Konstellation noch sehr wertvoll werden. „Wenn sich eine Tür öffnet, muss man die Chance nutzen und hindurchgehen“, sagt der Audi-Pilot, dessen Arbeitgeber klare Prämissen für die Zukunft hat. Audi verlässt nach dieser Saison die DTM, konzentriert sich auf die Formel E. „Dann brauche ich ein neues Betätigungsfeld“, erzählt Rast. Für die nächste Saison der elektrischen Serie hat Audi noch ein freies Cockpit, in Berlin „versuche ich, eine Bewerbung abzugeben“.

Allein die stolze DTM-Vita genügt nämlich nicht. Dort steht das schnelle Fahren im Vordergrund, mit einem extrem leistungsstarken Wagen, hohen Kurvengeschwindigkeiten. Das Auto ist „sehr präzise im Fahren“. Dagegen muss man in der Formel E „ein bisschen mit dem Auto spielen, es bewegt sich einfach viel mehr, ist ein bisschen nervöser“, so Rast. Was viel an den stark profilierten Reifen liegt, dazu ist die Aerodynamik nicht so ausgeprägt wie in der DTM, die Leistung geringer.

2016 fuhr er schon ein Formel-E-Rennen in Berlin

Ebenso herausfordernd ist die Fahrweise. In der Formel E zählt nicht Schnelligkeit als einziges Kriterium. Clever zu fahren, ist das Geheimnis. Der Pilot muss nicht nur Gas geben, sondern Batterieenergie sparen und zurückgewinnen. Ungefähr zwischen 25 und 35 Prozent der für ein Rennen benötigten Energiemenge müssen rekuperiert werden. Der Antriebsstrang arbeitet dann (beim Bremsen und in Phasen, in denen nicht Gas gegeben wird) in entgegengesetzter Richtung.

Völlig fremd ist Rast das nicht, 2016 fuhr er bereits aushilfsweise ein Formel-E-Rennen, zufällig in Berlin. Aber damals auf der Karl-Marx-Allee, nicht wie jetzt auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Und in einem Auto der ersten Generation. Mittlerweile gibt es die zweite Generation, die sich sehr verändert hat. „Da steckt viel mehr Technik drin, mehr Software. Das ist einfach nicht mehr zu vergleichen. Früher hatte der Fahrer noch wenig Systeme, auf die er sich verlassen konnte“, erzählt Rast. Damals fuhr man aufgrund der geringeren Batteriekapazität noch mit zwei Autos, die gewechselt wurden. Jetzt reicht die Power für die volle Renndistanz, mehr Leistung haben die Wagen auch.

Sechs Rennen absolviert die Formel E Anfang August in Berlin

Damit muss Rast nun gut umgehen. Die Dichte der Rennen erfordert eine sehr penible Vorbereitung. Nach den Einsätzen abzuschalten, wird „wahrscheinlich schwierig sein“, glaubt der Audi-Fahrer, dessen Ansprüche in der DTM selbsterklärend sind. In seiner Herangehensweise unterscheiden sich die Fahrten in der Formel E davon nicht. „Ich will das Maximale herausholen“, sagt René Rast. Vorrangig muss er aber lernen, er muss spüren, ob die Formel E mehr sein kann als nur ein Ausflugsziel. Das ist für ihn genauso wichtig wie der nächste Titel in der DTM.

Das elektrische Saisonfinale komplett in Berlin zu fahren, dürfte sich für Rast sogar als vorteilhaft erweisen. Weil hier die Strecken in der Vergangenheit weniger verwinkelt und nicht so schmal konfiguriert waren wie an anderen Standorten. Für einen Neuling macht das den Weg in die Zukunft durchaus leichter. Wenn er den Umstieg vom einen in den anderen Wagen gut schafft. Aber nach zwei Rennen im DTM-Auto sind erst einmal zwei Tage Pause, bevor es in der Formel E losgeht. „Wenn man ein, zwei Nächte drüber schläft, dann kommt man da ohne Probleme rein“, sagt Rast, der sich in jedem Rennen ein bisschen verbessern will. Damit er in der Formel E noch andere Strecken zu sehen bekommt als die in der Hauptstadt.