Hertha vs. Union

Geisterderby in Berlin – „Es ist zum Heulen“

Leeres Olympiastadion: So verfolgten die Fans von Hertha und Union das zweite Bundesliga-Derby. Der Spaß hielt sich dabei in Grenzen.

Nicht nur Herthas Fans mussten sich mit der Fernsehübertragung des Derbys begnügen.

Nicht nur Herthas Fans mussten sich mit der Fernsehübertragung des Derbys begnügen.

Foto: Jörg Krauthöfer / Vertragsfotografen

Berlin. Während sich im Olympiastadion die Spieler für das Derby warm machten, glich die Gegend drum herum einer Geisterstadt. Als die Spieler des 1. FC Union gegen 19.15 Uhr in zwei Bussen vorfuhren, war kein einziges rotes Trikot im näheren Umkreis zu sehen. Und blau waren einzig die Hertha-BSC-Graffitis um U- und S-Bahnhof Olympiastadion sowie die Uniformen der rund 50 Polizisten, die rundherum Position bezogen hatten und weitgehend zum Nichtstun gezwungen waren.

Eine Handvoll Hertha-Fans saß vor Anpfiff am Olympia-Eck an der Trakehner Allee und trank Bier. „Es ist zum Heulen“, sagte Jessy Zippel. Normalerweise sei sie mit ihrer Dauerkarte im Stadion gewesen. Und beim letzten Heimspiel vor der coronabedingten Pause gegen Bremen sei sie krank gewesen. „Hätte ich das gewusst, hätte ich mir sonst was eingeworfen, um hingehen zu können“, so die 42-Jährige, die mit ihren Freunden zum Anpfiff um 20.30 Uhr ins benachbarte Preußische Landwirtshaus umzog.

Dort wurde das Spiel vor knapp 25 Fans gezeigt, die abstandswahrend vor der Leinwand Platz nahmen. Beim 1:0 für Hertha in der 51. Minute drang dennoch lautstarker Jubel aus dem Raum, der bis zum 2:0 in der 52. Minute ununterbrochen anhielt. Zwei Polizisten verschafften sich noch vor Anpfiff einen Eindruck, hatten nichts zu beanstanden und zogen weiter. Eigentümer Benjamin Renger freute sich hingegen, dass er das Spiel bis zum Ende zeigen darf. Eigentlich hätte er wegen der Corona-Regeln eine Viertelstunde vor Abpfiff um 22 Uhr schließen müssen. „Die Polizei hat aber keine Lust auf das Theater“, habe man ihm gesagt.

Berliner Polizei war mit rund 600 Kräften im Einsatz

Bei Einbruch der Dunkelheit zeugte einzig das aus dem Stadion dringende Flutlicht davon, dass im Inneren eine Bundesliga-Partie ausgetragen wird. Und statt der obligatorischen Fangesänge war das Zwitschern der Vögel und der Regen zu hören, der auf den Asphalt prasselte.

Die Polizei verzeichnete am Olympiastadion, aber auch stadtweit laut Sprecher Stefan Petersen bis zur Halbzeitpause keinerlei Zwischenfälle – „es ist recht ruhig, wie eigentlich auch erwartet“, gab sich Petersen zufrieden. Man sei an diesem Abend mit rund 600 Kräften im Einsatz und habe auch andere mögliche Fantreffs im Blick.

Aber am Derby-Abend wollte nicht jeder Berliner Kneipenwirt auf die Kulanz der Polizei hoffen. In Mitte öffnete ein als Fußball-Treff bekanntes Lokal mit verringerter Bestuhlung. Und mit der festen Absicht des Wirts, die 22 Uhr-Schließzeit mutwillig zu brechen. „Es könnte sein, dass wir eine fette Anzeige bekommen“, sagte der Betreiber. Und wies den Reporter deshalb ab.

Viele Fan-Kneipen blieben geschlossen

Völlig regelkonform, dafür fast ohne Gäste ging es am Gründungsort von Hertha BSC zur Sache. 1,50 Meter Abstand, Masken für 1,50 Euro – und der Bildschirm schwarz. Wirtin Andrea Klyszcz war es in ihrem Bierlokal an der Plumpe nicht gelungen, die Übertragungsrechte zu regeln. So wenig Hertha and der Plumpe war beim Stadt-Derby noch nie. „Wir hatten neun Wochen zu. Jetzt müssen wir versuchen, das Loch zu stopfen. Und nun, da Fußball wieder läuft, gehen die Gäste nach Hause zum Fernsehen“, fasste Klyszcz das Drama zusammen.

Etliche Fan-Kneipen wie „Zum Kugelblitz“ in Wedding verzichteten unter den schwierigen Bedingungen gleich ganz auf die Öffnung. In Zeiten der Pandemie haben sich die Vorzüge des geselligen Fußball-Vergnügens in Nachteile verkehrt.