Hertha vs. 1. FC Union

Fans vor Derby: In den Farben getrennt, im Gefühl vereint

Warum weder bei den Anhängern von Hertha BSC noch bei den Fans des 1. FC Union echte Derby-Euphorie aufkommen will.

Vor Beginn des Hinspiels sorgten die Fans von Hertha und Union für eine grandiose Kulisse. Das Rückspiel wird indes vor leeren Rängen stattfinden.

Vor Beginn des Hinspiels sorgten die Fans von Hertha und Union für eine grandiose Kulisse. Das Rückspiel wird indes vor leeren Rängen stattfinden.

Foto: Thomas F. Starke / Bongarts/Getty ImagesGetty Images! Dienstbilder honorarfrei für FMG-Tageszeitungen!

Berlin. Viel ist von der Vorfreude nicht geblieben. Eigentlich hatten Hertha- und Union-Fans das zweite Bundesliga-Duell ihrer Klubs ja kaum abwarten können, fieberten dem nächsten Kampf um die Hauptstadt-Krone seit Anfang November entgegen. Im blau-weißen Lager brannten sie nach dem bitteren 0:1 im Hinspiel auf Revanche, und wer es mit den Köpenickern hält, malte sich schon den nächsten Coup des Aufsteigers aus. Gefühle, die längst in den Hintergrund gerückt sind. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Geisterspiele haben die Rivalität so weit verdünnt, dass sie aktuell so fad schmeckt wie ein abgestandenes Glas Bier.

Wie sich die Hertha-Fans vor dem Derby am Freitagabend im Olympiastadion (20.30 Uhr, DAZN) fühlen? Im Blog „Hertha Immer“ lautet die meistgeklickte Antwort „Gespannt, aber nicht elektrisiert“. Gut zehn Prozent der Umfrage-Teilnehmer haben sogar festgestellt, dass sie das vermeintliche Spiel der Spiele momentan „kalt lässt“.

„Werden in keinster Weise teilnehmen“

In der aktiven Fanszene ist der Verdruss sogar noch größer. „Dieses ganze Schauspiel hat nichts mit dem Fußball zu tun, den wir lieben und unterstützen“, erklärte das Hertha-Fan-Bündnis Förderkreis Ostkurve. Dem Mantra der Deutschen Fußball Liga (DFL), wonach ein Drittel der 36 Profiklubs dringend auf Geisterspiele und die damit verbundenen TV-Millionen angewiesen ist, stehen die aktiven Fans skeptisch gegenüber. „Ob mit den Geisterspielen das Überleben der Vereine oder doch schlichtweg die Rettung der bestehenden Gehaltsstrukturen in Millionenhöhe gesichert werden soll“, sei offen, heißt es in ihrem Statement.

Hertha als Klub versuchte unter der Woche, das Derby-Gefühl mit einem aufwendig produzierten „Spreeathen“-Film zu befeuern. Ein sehenswerter Clip, nur dürfte er kaum stärker sein als das bei den Ultras vorherrschende Gefühl, dass Fußball ohne Stadionpublikum seinen Sinn und Zweck gänzlich verfehlt. Man habe die Geisterspiele zwar nicht verhindern können, schrieb die Hertha-Gruppierung Harlekins 98, „aber wir werden in keinster Weise an ihnen teilnehmen“.

Der Resonanzraum fehlt

In gemäßigteren Fan-Kreisen machte sich am Donnerstag Erleichterung breit, dass sich mit DAZN ein Sender fand, der das Derby übertragen wird. Ansonsten: Euphorie-Windstille allenthalben, von der Wuhle bis nach Westend.

Dass sich eingefleischte Fans im Umfeld des Olympiastadions treffen, ist derzeit nicht zu befürchten. Ausschreitungen wie im Hinspiel, als beide Fan-Lager im großen Stil Pyrotechnik abbrannten und sich diverse Geschmacklosigkeiten an die Köpfe warfen, werden wohl ausbleiben. Nicht die schlechteste Nachricht für ein Derby, aber deshalb noch lange keine gute. Ohne die Energie von den Rängen fehlt einem Derby nun mal der nötige Resonanzraum, ohne den selbst ein furioses 4:0 wie jenes von Borussia Dortmund gegen Erzrivale Schalke schnell verhallt.