National Football League

Wie Quarterback Smith die Fleischfresser besiegte

| Lesedauer: 4 Minuten
Uli Schember
Ein Bild zum Gruseln: Washingtons Quarterback Alex Smith wird von JJ Watt von den Houston Texans zu Boden gerissen. Dabei bricht sein rechtes Bein.

Ein Bild zum Gruseln: Washingtons Quarterback Alex Smith wird von JJ Watt von den Houston Texans zu Boden gerissen. Dabei bricht sein rechtes Bein.

Foto: Mark Tenally / picture alliance/AP Photo

Nach einer Horrorverletzung bangte Quarterback Alex Smith um sein Bein – und sein Leben. 17 Operationen später träumt er vom Comeback.

Köln. Apathisch liegt Alex Smith im Krankenbett. Immer wieder tritt er weg, drei Tage nach der Notoperation wegen einer Horrorverletzung im rechten Bein kann der Quarterback die Augen kaum offen halten. Etwas stimmt nicht mit dem Footballprofi, im Nova Firfac Medical Campus in Woodburn nahe Washington herrscht Alarmstimmung.

„Das Fieber ging durch die Decke, der Blutdruck sackte ab. Alex war nicht mehr Alex“, beschreibt Ehefrau Elisabeth in einer jüngst veröffentlichten ESPN-Doku rückblickend die schlimmen Stunden. „Die Chirurgen kamen und sagten: Es geht darum, sein Leben zu retten und sein Bein. Aber in dieser Reihenfolge“, erinnert sich ihre Schwiegermutter Pam.

Bakterien fressen den Unterschenkel von Smith fast auf

Fleischfressende Bakterien hatten den Unterschenkel befallen, er war an manchen Stellen schwarz, auf der Haut bildeten sich dicke Blasen. Die Aufnahmen, die im 45-Minüter nach einem Warnhinweis („beinhaltet grausame Bilder“) gezeigt werden, sind wahrlich nichts für schwache Nerven, schon gar nichts für Leute mit nervösem Magen.

Die Vorgeschichte: Es ist der 18. November 2018. Smith spielt mit seinen Washington Redskins in der National Football League (NFL) gegen die Houston Texans. Er will den Ball passen, doch JJ Watt und Kareem Jackson bringen ihn zu Boden – dabei passiert es. Der Unterschenkel wird verdreht und kann dem Druck nicht standhalten. Es kracht.

Infektion ändert alles für Alex Smith

Smith zieht sofort seinen Helm ab und das Trikot über das Gesicht. Er weiß, es hat ihn schwer erwischt. „Als ich gefallen bin, habe ich nichts gehört“, sagt er Jahre später, aber das Bein sei gebogen gewesen, „wo es nicht gebogen sein sollte“.

Röntgenaufnahmen zeigen mehrere Frakturen im Schien- und im Wadenbein, teilweise offen, deshalb kommt Smith sofort auf den Operationstisch. Erst läuft alles glatt, beim Eingriff werden drei Platten und mehr als 20 Schrauben eingesetzt, eigentlich soll er schon zwei Tage später entlassen werden. Durch die Infektion ändert sich alles.

Als hätte ein Weißer Hai Smith angefallen

„So etwas konnte ich mir nicht einmal in einem Kriegsfilm vorstellen“, sagt Elisabeth Smith, geschockt vom Anblick. Nach acht Wundausscheidungen, bei denen tote Haut und Muskulatur entfernt wird, ist alles so weit wieder unter Kontrolle.

Doch das Bein sieht nun aus, als hätte sich ein Weißer Hai daran zu schaffen gemacht. Knochen liegen frei, es fehlen Fleisch und Haut, aber Alex Smith lebt. Eine Amputation bleibt ein Thema, doch der langjährige NFL-Profi ist ein Kämpfer.

Haut sowie Muskeln werden aus der Wade und dem Oberschenkel transplantiert, ein großer Ringfixateur, quasi ein Metallkäfig, stabilisiert das Bein. Smith, Nummer eins Pick im Draft 2005, darf nach gut zwei Monaten und 13 Operationen nach Hause und wird in einem Militärkrankenhaus in San Antonio weiterbehandelt. Er tauscht sich mit ähnlich verletzten Kriegsversehrten aus und trainiert.

Der Quarterback macht Wettläufe mit seinen Kindern

Im Sommer 2019 kommt der Käfig ab, es folgt die 17. und letzte OP. Und Smith überrascht mit seinen Fortschritten die Ärzte. Er rennt mit seinen drei Kindern um die Wette, wirft wieder Bälle und träumt von einem Comeback. Sein Vertrag läuft noch drei Jahre.

Sportlich hat Smith mehrere Rückschläge erlebt. Bei den San Francisco 49ers wurde er nach einer Gehirnerschütterung von Ersatzmann Colin Kaepernick verdrängt, bei den Kansas City Chiefs schnappte ihm Patrick Mahomes den Posten weg, ehe der Youngster das Team in diesem Frühjahr zum Titel führte.

Smith konnte schon immer viel wegstecken, nach dem Kampf mit den Fleischfressern kann ihn nichts mehr schocken. „Ich fühle mich gut mit Blick auf den Rest meines Lebens - egal, wie es mit dem Football weitergeht“, sagt das Stehaufmännchen: „Ich weiß zu schätzen, wie viel Glück ich bislang hatte.“

( sid )