E-Sport

Sport in Corona-Zeiten: Abgezockt

Während der Sport im echten Leben pausiert, wird virtuell weitergespielt. Der E-Sport boomt. Zum Zeitvertreib und für den guten Zweck.

Die US-amerikanische Nascar-Rennserie verzeichnete bei ihrem virtuellen Rennen auf dem Texas Motor Speedway mehr als eine Million Fans.

Die US-amerikanische Nascar-Rennserie verzeichnete bei ihrem virtuellen Rennen auf dem Texas Motor Speedway mehr als eine Million Fans.

Foto: Chris Graythen / AFP

Berlin. Deutschland wird Europameister. Ja tatsächlich, bei der diesjährigen Fußball-EM ist das DFB-Team der große Favorit. Zumindest an der Konsole. Deutschlands beste E-Kicker sicherten sich dank einer Qualifikation ohne Niederlagen das Ticket für das Event am 23./24. Mai. Sie haben nämlich einen entscheidenden Vorteil. Ihr Sport ist immun gegen das Coronavirus.

Man ist gerade sogar geneigt zu sagen, dass der E-Sport auf der Überholspur unterwegs ist. Während alle Großveranstaltungen wie Fußball-EM und Olympia verschoben werden mussten, erlebt die virtuelle Sportwelt einen Boom. Boxen, Motorsport, Basketball, Fußball und sogar Radsport – überall wird gezockt. Gegen den Sportentzug und gegen die Langeweile.

Hunderttausende Fans fiebern bei der Bundesliga Home Challenge mit

An den vergangenen Wochenenden schaffte es der E-Sport sogar für einen kleinen Moment, die Corona-Dominanz in den Sportnachrichten zu verdrängen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte zur „Bundesliga Home Challenge“ geladen. Profis und E-Sportler lieferten sich in der Fußballsimulation „Fifa20“ rasante Duelle auf dem virtuellen Rasen. Vor mehr als 100.000 Zuschauern.

Dortmunds Achraf Hakimi feierte schon einen Treffer seines digitalen Doppelgängers, Unions Julius Kade und Keven Schlotterbeck erkämpften sich ein 5:1 gegen Jahn Regensburg und Schiedsrichter Dennis Aytekin besiegte Gladbachs Jonas Hofmann – nicht nur überraschend für viele Fans. „Ich habe hier einen Balkon. Also ich werde die Meisterfeier jetzt anschmeißen“, sagte ein völlig euphorischer Aytekin. Herthas Maximilian Mittelstädt musste derweil nach seinem 2:2 gegen Paderborns Rifet Kapic einsehen: „Vielleicht war ich am Anfang ein bisschen nervös, da ich sehr lange kein Fifa mehr gespielt habe.“

Herthas Mittelstädt muss an der Konsole noch ein wenig üben

Mittelstädt ist in prominenter Gesellschaft. Superstar Valentino Rossi baute beim zweiten „Stay at Home GP“ der Königsklasse MotoGP gleich mehrere Unfälle. Das Ergebnis: Platz sieben nach einem turbulenten Debüt und die Einsicht: „Ich bin zu alt für solche Dinge.“ Für den 41-Jährigen sei es seltsam, auf der Playstation zu fahren. „Ich werde versuchen, besser zu werden“, sagte der Italiener.

Dazu hat der Weltmeister genau wie viele andere Sportler gerade eine Menge Zeit. Alle Ligen, Rennserien und geplanten Turniere pausieren – wann es weitergeht, weiß niemand so genau. Also sind Alternativen gefragt. Nicht nur für die Profis. Wie beliebt die E-Sport-Varianten sind, zeigt sich vor allem an den Zuschauerzahlen.

Die US-amerikanische Nascar-Rennserie verzeichnete bei ihrem virtuellen Rennen auf dem Texas Motor Speedway mehr als eine Million Fans. Tausende Zuschauer fieberten mit, als Dortmunds Mats Hummels in der E-Basketballliga NBA2K20 gegen Real Madrids Keeper Thibaut Courtois antrat – und mit den Dallas Mavericks verlor. Oder als Ferrari-Jungstar Charles Leclerc am vergangenen Wochenende für die Weltgesundheits-Organisation (WHO) das „Race of the World“ ins Leben rief und 33.000 Dollar für den guten Zweck einfuhr.

Virtuell erstehen sogar die großen Boxlegenden wieder auf

Mehr als 100.000 Fans sahen zu, als Muhammad Ali und Evander Holyfield in den virtuellen Ring stiegen, um den besten Schwergewichtsboxer der Welt zu ermitteln. Möglich macht’s das Videospiel „Fight Night Champion“, mit dem Promoter Kalle Sauerland die größten Legenden wieder aufleben lässt und so eine „sehr notwendige Ablenkung für alle Boxfans auf der Welt“ schafft, wie der 42-Jährige sagt.

Der Grund für die aufflammende Begeisterung? Vor der Konsole sind eben alle gleich. Hobbyzocker können sich mit sonst so unnahbaren Fußball-Profis oder Motorsport-Spezialisten identifizieren, ihnen nacheifern, sie vielleicht sogar übertrumpfen. Und einen schönen Nebeneffekt hat die Konsolen-Leidenschaft der Profisportler manchmal auch noch. Sie sammeln Spenden, um da zu helfen, wo Hilfe gerade dringend gebraucht wird. In der realen Welt.